Gehört der Katholizismus zu Deutschland?

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Am 18. August 1881 berichtet die Berliner Gerichtszeitung über einen tragischen Fall:

Die Anzeige von einer neuen Barbara Ubryck, die ein gewöhnlicher Arbeiter in einem hiesigen Polizeibureau erstattet, hat Veranlassung zu einer großartigen Untersuchung gegeben. Nach dieser Anzeige haben Arbeiter, die in dem bekannten Vergnügungsort „Neue Mühle bei Königs-Wusterhausen“ mit Erdarbeiten beschäftigt gewesen, dort die Entdeckung gemacht, daß ein Mädchen im Alter von etwa 23 Jahren mit Namen Louise Greier von ihren Eltern in ganz unmenschlicher Weise eingesperrt gehalten, nur mit Lumpen bekleidet und mit den ekelhaftesten Nahrungsmitteln versehen wird, so daß dasselbe bereits vollständig vertiert sei; das Mädchen werde in einem kellerartigen Stalle gehalten, dessen Fensteröffnungen mit Brettern vernagelt seien. Die Arbeiter hätten diese Bretter losgerissen und so sich von der Lage der Unglücklichen überzeugt. Der Denunziant behauptet, die Anzeige in Berlin erstattet zu haben, da er in Neue Mühle die Rache der Angehörigen des armen Mädchens befürchtet. Das aufgenommene Protokoll. wurde dem hiesigen Landratsamt des Teltowschen Kreises übermittelt, das nun sofort die erforderlich erscheinenden Recherchen veranlaßte, die denn auch die volle Wahrheit der angegebenen Thatsachen herausstellten. Zu ihrer Entschuldigung gaben die unmenschlichen Angehörigen der Bedauernswerten an, daß diese geisteskrank und an Tobsucht leide, und daß sie, sobald sie aus lhrem von Schmutz und Unrat starrenden Kerker herausgelassen werde, alles in Stücken schlage. Es sind sofort die nötigen Maßregeln angeordnet, um der Unglücklichen eine menschenwürdigere Behandlung zu verschaffen, und ist die Untersuchung eingeleitet. 

Entdeckung der Barbara Ubryk 1869 (Quelle: Wikipedia)

Die Anspielung auf den Fall der Barbara Ubryk wird heute kaum verständlich sein. Dabei spielte diese Cause Celèbre eine wichtige Rolle, den „Kulturkampf“ anzuschieben. Und er macht vielleicht auch eher nachvollziehbar, wieso viele Liberale die katholische Kirche als eine kulturfeindliche Organisation ansahen und die Frage in heutiger Sprechweise stellten: „Gehört der Katholizismus zu Deutschland?“ Beim Fall aus dem Jahre 1881 scheint aber ein solcher katholizistischer Hintergrund nicht gegeben zu sein.

Am 21. Juli 1869 wird in Krakau (damals Österreich-Ungarn) die Nonne Barbara Ubryk, die dem Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen angehört, von den Behörden vollständig nackt in einer kleinen Zelle des Klosters aufgefunden, in der sie für einundzwanzig Jahre gehalten worden ist. Nur gegen den Widerstand der Klosteroberin und des Beichtvaters kann man sich Zugang verschaffen. Wie Barbara Ubryk später vor Gericht aussagt, hat sie die Zeit nur durch Gebete und das Zählen ihrer Haare überstanden.

In der Folge werden weitere Fälle in der liberalen Presse berichtet, in denen Nonnen eingesperrt worden, sich das Leben genommen oder dem Wahnsinn verfallen sind. Zudem habe sich ein Dominikanermönch in Düsseldorf an minderjährigen Mädchen vergangen, und es sollen verscharrte Skelette entdeckt worden sein. Die katholische Presse beantwortet dies mit der Behauptung, daß hinter der liberalen Presse eine Verschwörung von Freimaurern und Juden stecke.

In dieser aufgehitzten Stimmung kommt es dann im August 1869 zum sogenannten „Moabiter Klostersturm“. Seit 1848 haben sich die Katholiken der „Volksmission“ verschrieben (heute würde man klagen, daß sie kostenlose Bibeln in lateinischer Sprache verteilen). Es kommt zu Tausenden von Missionsveranstaltungen, die von verschiedenen Orden durchgeführt werden. Auf protestantischer Seite fühlt man sich deshalb von einer schleichenden Katholisierung des Landes bedroht, und aufgrund der schärferen Abgrenzung der Katholiken auch vom Entstehen einer „Parallelgesellschaft“ in heutiger Terminologie.

Erschwerend kommt dabei hinzu, daß die katholische Kirche im Zeichen des Ultramontanismus darauf besteht, über dem Staat zu stehen und ihr eigenes Recht, sozusagen die katholische Scharia, durchsetzen zu wollen. Im Syllabus Errorum, auf den alle Geistlichen seit 1864 verpflichtet werden, schreibt man fest, daß wissenschaftliche und liberale Entwicklungen und ein säkulärer Staat zu bekämpfen sind. Außerdem wird der Klerus darauf verpflichtet, für die weltliche Macht des Papstes im Kirchenstaat zu streiten, der die salafische Tradition der Gefährten des Heiligen Petrus fortführt. 

Als mitten in Moabit eine katholische Kapelle (man hält sie für ein Kloster, heute wohl für eine Moschee) errichtet wird, kocht der Volkszorn über, wobei auch die von uns ansonsten gerne zitierten „Berliner Wespen“ eine unrühmliche Rolle bei der Aufstachelung spielen. Ein Mob von mehreren Tausend Wutbürgern stürmt die Baustelle und schleift das Gebäude, die Mönche des Franziskaner- und Dominikanerordens müssen fliehen.

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