Pogrom in Stettin

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Neue Freie Presse, Wien, 19. August 1881

Berlin, 16. August (Die jüngsten Judenkrawalle. Haltung der Regierung.) Die häßlichen und empörenden Excesse, welche kürzlich in einigen Städtchen und Flecken Hinterpommerns gegen Leben und Eigenthum jüdischer Staatsbürger verübt wurden, sind leider auf diese Orte, wo man einen energischen Widerstand gebildeter Elemente gegen einen verführten Pöbel nicht erwarten darf, nicht beschränkt geblieben. Der gestrige Auflauf in Stettin hat den Beweis geliefert, daß auch der wohlhabenden, gebildeten, aufgeklärten Hauptstadt der Provinz Pommern der es allein in dieser Provinz bei  den letzten Wahlen gelang, einen freisinnigen Vertreter für den Reichstag durchzubringen [d. i. Albert Schlutow, Nationalliberale, dann Liberale Vereinigung], der Schimpf nicht erspart gewesen ist, die Früchte der infamen Agitation gegen die Juden in ihrem Schoße reifen zu sehen. Die schleunige Unterdrückung des Stettiner Krawalls, sowie der Umstand, daß derselbe auf den Straßenpöbel beschränkt blieb, in dessen Domäne die ganze Bewegung überhaupt gehört, zeigen übrigens auch, daß die Hetzer in Stettin nicht das günstigste Terrain betreten haben. Stettin ist, wie alle größeren Ostseestädte freisinnig und tolerant, und es wird dort nur wenig bedürfen, um wieder geordnete Zustände herzustellen. Noch günstiger steht es in Danzig und Königsberg, wo die socialen Beziehungen zwischen Christen und Nichtchristen einen Grad der allgemeinen Aufklärung gefunden, um den dieselben von der Hauptstadt des Reiches beneidet werden dürfen. Trotzdem ist es namentlich wegen des flachen Landes gut, daß in Danzig, Marienwerder und anderen Orten die Leiter der Region mit energischen Erlassen gegen die Hetzen vorgehen. So ist besonders derjenige des Regierungs-Präsidenten v. Steinmann in Marienwerder, der während der letzten Ministerkrise öfter als Candidat für das Innere genannt wurde, hervorzuheben. Derselbe fordert von den Behörden das nachdrücklichste Vorgehen gegen derartige Ruhestörungen und empfiehlt die Publication der auf den Landfriedensbruch bezüglichen Bestimmungen. Herr v. Steinmann erklärt ferner ausdrücklich, daß die Excesse „auf die in letzterer Zeit gehaltenen agitatorischen Vorträge“ zurückzuführen sind und ordnet für die Zukunft deren Unterdrückung an. Endlich verdient besondere Anerkennung der Erlaß des Landrathes und conservativen Landtags-Abgeordneten v. Meyer-Arnswalde, eines Mannes, dessen wir schon wiederholt rühmend zu gedenken hatten. Derselbe hat den gesunden Gedanken gehabt, die Schützengilden und Bürgerwehren zur ehrenvollen Aufgabe des Schutzes der Mitbürger heranzuziehen. Herr v. Meyer ist eine der wenigen noch erhaltenen Kerngestalten des altpreußischen Beamtenthums, von conservativer, ja ein bischen absolutistischer Gesinnung, aber auch von einer seltenen Ehrlichkeit und Consequenz, unbeirrbar durch Tagesströmungen, von beamteten Strebern wie von kleinlichen Parteimenschen im Parlamente gleich gefürchtet wegen seiner Offenheit und seines beißenden Witzes. Nur schade, daß die Energie so spät angewendet wird. Uns scheint, die Cösliner Zeitung, welche die laue Haltung der Regierung für die jüngsten Excesse verantwortlich macht und dafür unter Anklage gestellt werden ist, wird keine zu schwere Vertheidigung  haben. Noch vor einigen Wochen ging durch die Blätter die Meldung, daß einem Bürgermeister in Pommern, der einen Henrici’schen Vortrag verbieten wollte, dies Verbot untersagt wuede. Die telegraphischen Händedrücke, welche der Reichskanzler — aus Höflichkeit — mit notorisch antisemitischen Vereinen austauschte, konnten wol auch nicht dazu beitragen, den Massen die Verwerflichkeit dieses neuartigen nationalen Sports klar zu machen. Hier in Berlin wird derselbe in Versammlungen und in einer rohen Winkelpresse ungestört fortgesetzt, und das Alles datirt nicht, wie Herr v. Steinmann sagt, „aus letzterer Zeit“, sondern dauert schon volle drei Jahre! S.

[Die Excesse in Stettin.] In Stettin haben sich die am 15. d. M. (Montag) begonnenen Excesse am folgenden Tage wiederholt, sollen aber mehr gegen die Polizei als gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet gewesen sein. Die Stettiner Polizei war übrigens bereits fünf Tage vorher im Besitze vollgiltiger Beweise dafür, daß die Provocirung eines Tumultes für die Zeit nach dem Ausrücken des Militärs zu den Manövern beabsichtigt sei. Es waren zwei Briefe saisirt worden, von denen der eine aus Berlin stammte, der zufällig an eine falsche Adresse gerieth und durch welchen angefragt wurde, „ob Alles fertig wäre“. Ueber die Ruhestörungen am 16. d. M. wird berichtet: Heute wiederholten sich die tumultuarischen Scenen, indem eine große Menschenmenge sich unter den bekannten Rufen durch die Straßen der Stadt bewegte. Polizei und Militär schritten gegen die Ruhestörer ein und nahmen zahlreiche Verhaftungen vor. Eigenthumsbeschädigungen sind nicht zu constatiren. Mehrfach mußten einzelne Gruppen, die sich den Anordnungen der Polizei nicht fügten, mit Säbelhieben auseinandergetrieben werden. Dabei wurden Schutzleute mit Steinwürfen empfangen, ohne daß jedoch erhebliche Verletzungen vorgekommen wären.

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