Das Tabakmonopol in Sicht

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Am 18. August 1881 hatte sich die Berliner Gerichtszeitung noch gefreut, daß es noch keine „Krieg in Sicht“-Artikel gegeben hat. Bei der „Krieg in Sicht“-Krise von 1875 hatte Bismarck mit Hilfe von offiziösen Artikeln ausgetestet, wie die anderen Mächte zu einem erneuten Krieg mit Frankreich stünden. Bismarck setzt das Mittel auch gerne innenpolitisch ein, Kriegsangst zu schüren, um so sein Ansehen als Außenpolitiker auszuspielen und seine Gegner als landesverräterisch und illoyal hinzustellen. Und natürlich läßt der Kanzler sich eine solche Möglichkeit auch 1881 nicht entgehen. Anlaß ist eine Rede Léon Gambettas im Wahlkampf, der zeitgleich in Frankreich geführt wird (vgl. Wahlen auch in Frankreich und Ein König zum Anfassen in der Mitte des Artikels).

Hintergrund ist außerdem der erneute Versuch Bismarcks, ein Tabakmonopol nach französischem Vorbild durchzusetzen, mit dem angeblich „soziale“ Wohltaten finanziert werden sollen. Hauptzweck für den Kanzler ist dabei aber wohl eher, Mittel für das Reich in die Hand zu bekommen, ähnlich wie bei der Eisenbahnverstaatlichung, für die er weder von den Bundesstaaten noch vom Reichstag abhängig ist und die so seine Macht vergrößern. Das Projekt schwelt schon seit den 1870er Jahren. Im Wahlkampf 1881 wird es wieder hervorgeholt und insbesondere von Adolph Wagner (Kandidat der konservativ-antisemitischen Allianz in Berlin) propagiert.

Was als Trumpf gemeint ist, entwickelt sich aber, wie wir noch ausführlich berichten werden, zum wohl größten Schnitzer der Kampagne. Insbesondere die Fortschrittspartei wird dafür sorgen, daß es anders als in vielen anderen Ländern, wie etwa Österreich, in Deutschland nie zu einem Tabakmonopol kommen wird.

Und nun der Bericht der Berliner Gerichtszeitung vom 20. August 1881:

„Krieg-in-Sicht-Artikel.“ — Wir haben zu früh gejubelt. Kaum daß wir in unserer letzten Nummer mit Freuden als ein günstiges Zeichen der Zeit konstatiert hatten, daß unsere Regierung nur gegen die Feinde im Innern eine kriegerische, nach außen aber eine durchaus friedliche Sprache. führe, als auch schon, als ob man uns die Freude nicht gönnen wolle, zwei offiziöse „Krieg-in-Sicht-Artikel“ erschienen, wie sie schärfer und schneidiger kaum jemals verfaßt worden sind. Den ersten Artikel brachte die „Nordd. Allg. Ztg.“ Anknüpfend an die von Gambetta vor seinen Wählern in Belleville gehaltene erste Rede und an die auf Elsaß-Lothringen bezügliche Schlußphrase derselben erhebt sich die Offfziöse zu zornigem Proteste. Ich hoffe, hatte Gambetta gesagt, den Tag noch zu sehen, an dem die „getrennten Brüder“ wieder mit Frankreich vereinigt werden. Das ist, sagt die „Norddeutsche“, ein Beweis, daß Garnbetta den gegenwärtigen Zustand nur für ein Provisorium hält. „Wir rühren,“ fährt sie fort, „ungern an diese Frage; aber Garnbetta stellt seine Zurückforderung im Namen des Rechts, der Wahrheit und der Gerechtigkeit, als ob Frankreich von den Ländern, welche es im Laufe früherer Zeiten seinen Nachbaren erobernd entrissen hatte, gerade auf das Elsaß mehr Recht hatte als z. B. aus das linke Rheinufer und Belgien. Diese Anschauungsweise nötigt uns, im Namen „der Wahrheit, des Rechtes“ und der Geschichte gegen die Auffassungen der Gambetta’schen Rede Verwahrung einzulegen. Wir bedauern, daß Gambetta bei der hervorragenden und einflußreichen Stellung, die er in seinem Vaterlande einnimmt, kein Jahr vorübergehen läßt, ohne in öffentlichen Reden die Gefühle seiner Landsleute gegen Deutschland und den gegenwärtigen Zustand von neuem aufzustacheln und zu zeigen, daß er von seinen Landsleuten als derjenige betrachtet werden will, der sich die Verwirklichung der französischen Revanche-Ideen zur Lebensaufgabe gestellt hat.“ — Während nun in Frankreich, ja selbst in konservativen Blättern Deutschlands, sogar in der Post, die Gambetta’schen Schlußsätze nur als hoch- und hohltönende „Tiraden“ betrachtet werden, lediglich bestimmt, dem Nationalgefühl der Franzosen zu schmeicheln, legt ihnen die „Norddeutsche“ eine ungeheure Wichtigkeit bei. Sie giebt sich den Anschein, als glaube auch sie an die „Mission“ des Kammerpräsidenten. als halte auch sie ihn nicht bloß für den zukünftigen Diktator, sondern für den — Mann der Zukunft. Vielleicht wird oder würde sie schon heut andern Sinnes sein, nachdem sie gelesen, welch schauderhaftes Fiasko Gambetta mit seiner zweiten Rede in Belleville gemacht hat, und wie es ihm unmöglich gewesen ist, die Ansprache an seine Wählerschaft zu vollenden. Mag immerhin die Störung der Wahlversammlung, und mögen die Excesse gegen den Redner von einem communistischen oder, wie Gambetta behauptete, von einem monarchistischen, bezahlten Pöbel ausgegangen kein, — der Zauber, welchen.Gambetta einst auf die Massen geübt, sein „Prestige“ ist für immer dahin, und die — Herren vom Pöbel werden ihm niemals verzeihen, daß er sie Feiglinge, Maulhelden, Brüllaffen und betrunkene Knechte geschimpft hat. 

Den zweiten kriegerischen Artikel, der unseres Erachtens viel bedeutsamer ist als der in der „Nordd. Allg. Zeitg.“, brachte das „Militär-Wochenbl.“ Gestützt aus unwiderlegliche Thatsachen und Zahlen, führt dieses Fachblatt in einem Aufsatz, überschrieben: „Paris, seine Bevölkerung und Befestigung“, den Beweis, daß sich zugleich mit der Reorganisation der französischen Armee das große Werk der Neubefestigung von Paris in aller Stille, ohne Aufsehen zu erregen, aber um so gewaltiger vollzogen hat. Der Nachteil, welchen Frankreich 1871 durch den Verlust zweier Provinzen und die hierdurch verursachte Verschiebung seiner Grenzen erlitten hat, sei nahezu ausgeglichen. Ein Feind, der in Zukunft Paris cernieren wolle, werde gezwungen sein, „wenigstens über die dreifache Stärke der belagernden Armee zu verfügen, welche im Jahre 1870 die Hauptstadt eingeschlossen, und seine Truppen werden in einem doppelt so weiten Umkreise wie damals Aufstellung nehmen müssen. — Der militärische Fachmann hält eine zukünftige Cernierung von Paris für fast unmöglich angesichts sowohl der neuen Befestigung der Hauptstadt als derer an der nördlichen und östlichen Landesgrenze, angesichts der Thatsache, daß Frankreich jetzt über eine Million von Soldaten zu verfügen habe, und daß endlich, sobald das „Vaterland“ drüben rufe, alle Parteien ohne Ausnahme „sich versöhnt die Hände reichen.“ Erstaunt und, wie er selber sagt. „betroffen“, schaut er auf den Patriotismus Frankreichs, den natürlichen Reichtum des Landes, seine Opferfreudigkeit und auf „die unverwüstliche Lebenskraft des französischen Geistes.“ Er beklagt. daß wir Deutsche hinter unseren, Nachbaren in vielen Beziehungen, ach, gar weit zurückstehen. Jeder von uns weiß, — so sagt er ebenso geheimnisvoll als unverständlich, — daß das junge Deutschland, das vielbeneidete, noch manchen Völkerprozeß (!?) zu führen hat, und daß in diesem furchtbaren (!) Aktionenrecht (?) der Völker nur ein Beweismittel gilt —  der entscheidende Sieg! Möge sich, wenn einst das „Vaterland“ ruft, auch in Deutschland die Einheit aller Völker und Parteien zeigen! Der Artikel schließt mit der Mahnung: „Wie im Jahre 1870, so möge sich für alle Zeiten die deutsche „Belle-Alliance“ bewähren, und wenn es im „Fiesco“ heißt: „Wer da? Was giebt’s da?“, so möge wie dort die Antwort lauten: „Deutsche Hiebe!“ Klingt das, fragen wir, nicht so feindselig und drohend, als stünde uns schon eine Kriegserklärung Frankreichs bevor? Was mag unsere Offiziösen zu solch‘ chauvinistischer Sprache veranlaßt haben?

Wir sind gewohnt, daß jedesmal, wenn an die Steuerkraft des Volkes neue Anforderungen gestellt werden, namentlich wenn der Militäretat erhöht werden soll, Säbelrasseln und der Ruf erschallt: Das Vaterland ist in Gefahr! Jetzt ertönt abermals dieser Ruf, zwar nicht, um für Militäretat, aber doch um Truppen gegen die Feinde im Innern und gegen die, welche es von außen bedrohen könnten, zu werben. Die auswärtigen Feinde, — so belehren uns die Offiziösen, — werden um so stärker und verwegener, je größer der Widerstand ist, welchen die Bismarck’schen Steuerprojekte im Deutschen Reiche finden. Nur durch Genehmigung dieser Projekte kann das Vaterland „gerettet“ werden. — Der Katheder-Socialist, Prof. Wagner,   reist im Lande umher, um mit Genehmigung des Kanzlers, zu verkünden, daß Fürst Bismarck festhalte an allen seinen auf höhere Reichseinnahmen gerichteten Projekten, insbesondere am Tabaksmonopole als, „an seinem Ideale“: er begehre das Monopol „vor allem zur Durchführung des Arbeiter- und Invalidenversicherungs-Gesetzes,“ d. h. zur Befriedigung und Besiegung der inneren socialdemokratischen Feinde. Ein durch hohe Zölle geschütztes, durch indirekte Steuern beglücktes und obenein noch durch das Monopol gesegnetes Reich könne jedem Feinde trotzen. — Der Rundschauer glaubt nicht zu irren, wenn er behauptet: Die Ueberschrift der kriegerischen offiziösen Artikel müsse nicht lauten: „Krieg in Sicht,“ sondern — „Das Tabaksmonopol in Sicht.“ 

Siehe auch: Frieden in Sicht – eine Persiflage der „Berliner Wespen“ vom 5. März 1880

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