Wie stehen die liberalen Wahlchancen?

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Neue Freie Presse, Wien, 23. August 1881

Berlin, 21. August. [Orig.-Corr.] (Zur Wahlbewegung. Die kirchliche Lage. Prinz Edmund Radziwill.) Trotz des erbitterten Kampfes, welchen die Offiziösen den Liberalen mit bisweilen den perfidesten Mitteln liefern, trotz der Anpreisung der Bismarck’schen Wirthschaftspolitik liegen manche Anzeichen vor, welche die Wahlaussichen des Liberalismus keineswegs als ungünstig erscheinen lassen. In Berlin ist, wie es scheint, die Hochfluth der anti-liberalen Agitation, welche sich der untersten Volksschichten bedient, im Rückgang begriffen. Die fortschrittlichen Parteifeste finden zahlreiche und jubelnde Betheiligung, während die Gegner einander in den Haaren liegen. In Berlin hatten die Führer der anti-liberalen Bewegung in der Judenhetze ein vortreffliches Reiz- und Einigungsmittel. Nachdem die Regierung dem Landfriedensbruch nicht mehr ruhig zusieht, ist auch den Hetzern nicht mehr behaglich zu Muthe, und sobald sie ein positives Programm bekennen mußten, zeigte sich sofort, aus welchen verschiedenen Elementen diese Rotten zusammengesetzt sind. So befindet sich der Hof-Kapistran Stöcker in scharfem Gegensatz zu den Herren Förster und Henrici, die nur unter nationaler Flagge hetzen. Andere Antisemiten, wie der Literaturprofessor v. Brecher an der Kriegsschule, wollen vornehmlich die wirthschaftliche Unterstützung Bismarck’s und verbünden sich mit den Zünftlern, deren Führer, Obermeister Meyer, sie im sechsten Wahlkreise gegen Ruppel aufgestellt haben. Letzteren desavouirten sie, da er er auch mit den Social-Demokraten kokettirt und sich auch immer mehr herausstellt, daß er mit der Judenhetze nur eine lucrative Speculation betrieb, um sein bis dahin ganz unbekanntes Vorstadtblatt, die Ostendzeitung, in die Höhe zu bringen. Alle diese Differenzen kommen jetzt in Versammlungen zu Tage und öffnen den unabhängigen Wählern die Augen. Im Reiche zeigen sich ähnliche Erscheinungen. So hat z. B. selbst Adolph Wagner, welcher vorige Woche in Barmen im Namen Bismarck’s das Evangelium des Tabakmonopols zum Zwecke der Altersversorgung der Arbeiter verkündte, in dieser stark schutzzöllnerischen Gegend zahlreiche Gegner, und zwar unter den Freiconservativen, denen er zu sehr socialistisch gefärbt ist. In Duisburg haben sich die gemäßigt Liberalen — von den Fortschrittlern zu schweigen — gegen das Monopol und die weitgehenden staatssocialistischen Projecte des Kanzlers erklärt. In Lennep haben sich die National-Liberalen den Seressionisten [1] angeschlossen, und ihr Candidat ist bezeichnenderweile ein Schutzzöllner, der bisherige Abgeordnete Dr. Hamacher, der aber offenbar der social-aristokratischen Richtung [2] des Kanzlers auch nicht mehr folgen will. Das sind freilich nur vereinzelte Symptome, aber um so bedeutsamer, weil sie den Hauptorten der rheinischen Industrie angehören, auf welche sich die officiösen Organe wegen ihrer schutzzöllnerischen Haltung so gern berufen. […]

 

Fußnoten

[1] „Sezessionisten“: Anhänger der „Liberalen Vereinigung“ (auch bekannt als „Sezession“, als die sich der linke und freihändlerische Flügel der Nationalliberalen 1880 abgespalten hat.

[2] „sozial-aristokratisch“: von der Fortschrittspartei geprägtes Wort zur Beschreibung des Bismarckschen Staatssozialismus, der Sozialismus auf wirtschaftlichem Gebiet mit einem aristokratischen System zu verbinden sucht (im Gegensatz zu den „Sozial-Demokraten“, die eine republikanische Staatsform anstreben).

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