Die „Berliner Wespen“ drehen auf

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Dr. Reptilius

In Berlin gibt es drei Witzblätter: den Kladderadatsch, den Ulk und die Berliner Wespen. Während das älteste der Blätter, der Kladderadatsch, immer weiter nach rechts rückt und in den 1880er Jahren bei den Nationalliberalen angelangt ist (bis 1933 wird er die DNVP und dann die Nationalsozialisten einholen), stehen die „Berliner Wespen“ fest auf Seiten der Deutschen Fortschrittspartei. Sie sind aber kein Parteiblatt. Gelegentlich gibt es auch Reibereien, so etwa als Eugen Richter die scharf antiklerikale Ausrichtung kritisiert. Der Ulk liegt irgendwo zwischen den beiden anderen Blättern und ist eher unbestimmt liberal. Er wird sich später in sozialistischer Richtung entwickeln mit dem Chefredakteur Kurt Tucholsky.

Ab Gründung der „Freisinnigen Zeitung“ können die „Berliner Wespen“ wahlweise als deren Einlage bezogen werden. Eugen Richter charakterisiert sie am 15. August 1885 in der von ihm mitherausgegebenen Wochenzeitung „Der Reichsfreund“ so:

Die Berliner Wespen sind unter der unveränderten Redaktion von Julius Stettenheim stets der Sache des Volkes treu geblieben. Ihre Gestalten und Rubriken sind als witzig bei aller Welt, selbst bei unseren Gegnern beliebt und werden auch in Zukunft den Lesern willkommen sein. Wippchen wird, wie er sich auszudrücken pflegt, kein Schlachtfeld links liegen lassen, Muckenich wird überall sein, wo etwas los ist, der Interviewer wird alle Löwen des Tages ,heimsuchen‘, der gutmütige Alte Schlendrian wird auf die herrschenden Schäden hinweisen, im Parlamentsfeuilleton werden  die Verhandlungen des Reichs- und Landtages in aller Kürze, welche des Witzes Seele ist, parodiert erscheinen, der europäische Polizeibericht, die Wespenpost, wie Gustav Heil’s Bilder werden eine Fülle von Lachstoff liefern. — Der Kladderadatsch ist auf seine alten Tage in das Regierungslager übergegangen und der Ulk ahmt, unter Abstreifung des politischen Charakters mehr und mehr die Fliegenden Blätter nach. Um so freudiger wird es in allen liberalen Kreisen begrüßt werden, daß die Berliner Wespen, zur Zeit das einzige politische freisinnige Witzblatt, eng verbunden mit der neuen Freisinnigen Zeitung frisch und fröhlich den Kampf gegen Unvernunft, Herrschsucht, Unduldsamkeit und Finsternis fortsetzen werden.

Im wesentlichen werden die „Berliner Wespen“ von ihrem Gründer und verantwortlichen Redakteur Julius Stettenheim gemacht zusammen mit dem ungenannten Alexander Moszkowski, der später sein eigenes Blatt, die „Lustigen Blätter“, gründen wird. Die Karikaturen stammen zumeist von Gustav Heil. Beiträge gibt es außerdem von freien Mitarbeitern und teilweise auch von den Lesern.

Wippchen

In den „Berliner Wespen“ gibt es stehende Figuren. Die wohl bekannteste ist Wippchen, der „ownste“ Kriegsreporter des Blattes. Er betritt 1877 während des russisch-türkischen Kriegs die Bühne und wird so bekannt, daß sich bis heute das Wort „Wippchen machen“ für „aufschneiden“ erhalten hat.

Während in den unsatirischen Zeitungen von Korrespondenten hochtrabend vom Kriegsschauplatz schwadroniert wird, zieht sich Wippchen mit seinem Bierseidel und Pfeifchen ins behagliche Bernau bei Berlin zurück, von wo er seine mit kaputten Metaphern und aufgeblasenen Wendungen überfüllten Berichte an die Redaktion schickt, wenn er nicht wieder einmal um einen Vorschuß bettelt. Seine Werke (inklusive eigenen Gedichtbänden) erreichen Massenauflagen.

Muckenich

Muckenich ist ein Berliner, der überall den Kopf hineinsteckt und seinen Senf dazugibt. Auf den ersten Blick erscheint er mit seinem breiten Berlinerisch etwas tumb, doch dahinter steckt sein hintersinniger Witz, so etwa, wenn er sich von den Antisemiten und Konservativen bei deren spendablen Festen freihalten läßt und am Ende bekennt, daß er natürlich „konservativ“ wieder Virchow von der Fortschrittspartei wählen wird.

Oder wenn er sich am 16. November 1881 beklagt, daß nur die Juden aus Deutschland herausgeworfen werden:

Meine Herren un Damen, wir Christen, in deren Verjangenheit keen Tropfen semitischen Blutes fließt, un die wir et hier so eklig finden, daß von diese Zustände keen Hund ’n Stück Brod nimmt, wir wollen nich länger jewaltsam ausjeschlossen werden, wenn et Ausjewandertwerden losjeht dahin, wo et eine bessere Jejenwart jiebt. Meine Herren und Damen, ick fühle, daß ick bitter werde, und daß det Bier kalt wird, darum will ick schließen und zwar in der juten Hoffnung, daß et bald besser wird. Wird et aber schlimmer, denn will ick ooch rausjeschmissen werden!

Der Interviewer persifliert die Kollegen der anderen Zeitungen. Und dann gibt es noch Dr. Reptilius, der für die offiziöse Presse geifert.

Zum Wahlkampf 1881 drehen die „Berliner Wespen“ nun auf. Am 24. August 1881 machen sie ihre Inserenten darauf aufmerksam, daß die nächsten fünf Ausgaben in Massenauflagen verbreitet werden. Sie werden zahlreichen Zeitungen kostenlos beigefügt und in 50.000 Lokalitäten ausgelegt, mit insgesamt einer Million Exemplaren (Deutschland hat etwa 45 Millionen Einwohner):

Bei Libera Media sind diese Bücher von Alexander Moszkowski neu aufgelegt worden (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken). Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis:

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Siehe auch:

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