Die Opfer provozieren

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Neue Freie Presse, Wien, 24. August 1881

[Czechischer Nationaldank.] Die Stadt Neu-Bidschow bei Glitschin war in den letzten Tagen der Schauplatz eines Vorganges, welcher deutlich beweist, was von der Versöhnlichkeit, die angeblich durch das „National-Unglück“ des Theaterbrandes [des tschechischen Nationaltheaters im August 1881] in den czechischen Parteikreisen hervorgerufen worden sein soll, eigentlich zu halten sei. Wir erhalten hierüber von verschiedenen Seiten zwei übereinstimmende Berichte, denen wir Folgendes entnehmen: Als nach dem Brande des Theaters in allen czechischen Kreisen die Sammlungen für den Neubau in Gang gesetzt wurden, forderte auch der Bürgermeister dan Neu-Bidschow den Vorstand der dortigen israelitischen Cultusgemeinde auf, in derselben Sammlungen für den erwähnten Zweck zu veranstalten. Wahrscheinlich um den Sammeleifer der Neu-Bidschower Juden anzuspornen, sah sich der Bürgermeister veranlaßt. dem Cultusgemeinde-Vorstand zu versichern, daß von nun an jeder Unterschied zwischen Christ und Jude in Neu-Bidschow schwinden und künftighin das herzlichste Einvernehmen zwischen allen Bewohnern ohne Unterschied der Confession herrschen solle. In der That ergab auch die Sammlung in der israelitischen Cultusgemeinde den gewiß nicht unansehnlichea Betrag von mehr als 300 fl. Wie erfüllten sich aber die Versprechungen des Herrn Bürgermeisters? Gleich in der folgenden Nacht wurden die deutschen Firmentafeln aller israelitischer Geschäftsleute in Neu-Bidschow mit Steinkohlenteer überstrichen und eine der Tafeln sogar abgerissen, fortgetragen und in der Bahnhofstraße weggeworfen. Bei dieser „Ausschreitung unreifer Jungen“— wie sich das officiöse „Prager Abendblatt“ ausdrückt — hatte es aber nicht sein Bewenden, sondern es begann sich in der ganzen czechischen Bevölkerung von Neu-Bidschow eine derartige Animosität gegen die Juden bemerkbar zu machen, daß dieselben öffentlich auf der Straße selbst von anständig gekleideten Leuten insultirt wurden. Der Herr Bürgermeister mag nun doch gefühlt haben, daß solche Vorgänge sehr schlecht zu seinen schönen Worten passen, und ließ deßhalb am 21. d. einen Erlaß an den Straßenecken anschlagen, in welchem er vor Ruhestörungen warnte. An wen richtete er aber seine Ermahnungen? An das Karnikel, das auch in diesem Falle angefangen haben soll — an die Juden, indem er denselben verbot, in Gruppen von mehr als zwei Personen in den Straßen umherzugehen. Da hat man wieder das neuerdings im czechischen Partei-Jargon wie im officiösen Deutsch so beliebte Schlagwort von der „Provokation“! Die Juden von Neu-Bidschow sollen nicht durch ihr bloßes Erscheinen ihre czechischen Mitbürger „provaciren“, dann — werden dieselben gewiß einen ganz andern Grund herausfinden, um ihnen ihre Versöhnlichkeit fühlbar zu machen. Aber davon ganz abgesehen, muß man doch ernstlich fragen, woher der Bürgermeister einer Stadt, welche der Sitz einer k. k. Bezirkshauptmannschaft ist, die Berechtigung nimmt, über einen Theil der Einwohner den „kleinen Belagerungszustand“ zu verhängen und ihnen das freie Umhergehen zu verbieten?

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