Als Glühbirnen noch nicht verboten waren

Dieser Artikel wurde 2463 mal gelesen.

Auf technischen Gebiet dringt 1881 der Einsatz von Elektrizität in immer mehr Bereiche vor. Früher im Jahr hat in Berlin das erste Fernsprechnetz seinen Betrieb aufgenommen, gebaut von Siemens. In Österreich steht das noch bevor. Mit großer Neugier verfolgt die Neue Freie Presse in Wien die neuen Möglichkeiten.

Hier zwei Berichte vom 25. August 1881:

[Eine Oper durch’s Telephon.] Ein Pariser Correspondent der Kölnichen Zeitung hat am Freitag Abends in der elektrischen Ausstellung Gelegenheit gehabt, den zweiten Art aus Gounod’s „Margarethe“, welche von der Großen Oper zur Ausstellung telephonirt wurde, mit anzuhören. „Ich bin überrascht,“ schreibt derselbe, „entzückt, weiß gegenwärtig kaum, ob ich geträumt oder Alles in Wirklichkeit gehört habe. Sobald man zwei Telephone von Ader, die mit auf der Bühne der Oper angebrachten „Transmittern“ verbunden sind, an beide Ohren hält, glaubt man auf einem bevorzugten Platze dicht vor der Bühne zu sitzen. Die Wiedergabe ist vollkommen; Soli, Duette, Terzette, Chöre mit vollem Orchester vorn leisesten Piano zum stärksten Fortissimo wurden mit wunderbarer Deutlichkeit und allen Nuancen wiedergegeben. Der einzige Unterschied ist der, daß das durch das Telephon Uebermittelte etwas matter klingt, als die wirkliche Musik. Die gesungenen Worte waren ganz deutlich zu verstehen.“ 

Apple und Samsung, die um den technologischen Vorsprung wetteifern, sind 1881 die beiden Erfinder Thomas Alva Edison und Werner Siemens (übrigens einer der Mitbegründer der Fortschrittspartei und Unterzeichner der Notabeln-Erklärung). Bei der internationalen Elektrizitätsausstellung laufen die beiden mit zwei richtungsweisenden Erfindungen auf: der elektrischen Straßenbahn (Siemens) und der Glühbirne (Edison). Außerdem gibt es noch einige Erfindungen, die sich nicht durchgesetzt haben:

Von der elektrischen Ausstellung. 

(Orig.-Ber. der „N. Fr. Pr.“) 

Paris, 22. August.

Obgleich noch unfertig, erfreut sich die elektrische Ausstellung doch schon einer großen Popularität in Paris und wurde an den letzten zwei Feiertagen von 30,000 Personen besucht. Es werden jeden Abend Beleuchtungsproben abgehalten, und ein Besuch der Ausstellung nur diese Zeit ist von großem Interesse, doch ist dieselbe Abends noch nicht allgemein zugänglich — eine Maßregel, die bei die Unfertigkeit der Motoren nud Transmissionen wol sehr gerechtfertigt ist. Ab und zu ereignen sich auch kleine Unfälle. So spranq kürzlich das Knie einer Dampfleitung, und eine colossale Dampfmenge strömte in den Ausstellungsraum. Ferner riß ein großer Transmissionsriemen. doch wurde glücklicherweise Niemand beschädigt. Siemens hat eine elektrische Tramway von beiläufig ½ Kilometer Länge angelegt, welche die Place de la Concorde mit der östlichen Pforte der Ausstellung verbinden wird. Der Wagen ist ganz ähnlich einem Pariser Omnibus eingerichtet und hat nebst den Sitzen im Innern auch Imperialplätze. Die Elektricität wird durch eine eigene Schiene zugeleitet, welche in beiläufig 6 Metern Höhe auf Stangen befestigt ist und aus einer geschlitzten Messingröhre besteht. Schon am 11. August waren die Leitschiene, sowie die Bahn fertig, doch erwies sich die Befestigung der ersteren als zu schwach, und es muß dieselbe nun frisch montiert werden. 

Vom 27. August an soll die Ausstellung auch des Abends geöffnet sein, und erwartungsvoll sehen Aussteller und Publicum dem Tage entgegen, an welchem der Wettkampf der elektrischen Lichter beginnen wird. Es ist übrigens hohe Zeit, daß diese Abendausstellungen eröffnet werden, denn die Pariser und noch mehr die zugereisten Fremden sind ungeduldig, und auch die französischen Journale äußern sich schon in sehr abfälliger Weise über die fortwährenden Verzögerungen.

Großen Zuspruch, namentlich von Seite der Damen, findet der elektrische Fauteuil. Es ist ein gepolsterter Stuhl, dessen Armlehnen mit Metallgeweben überzogen und mit den entgegengesetzten Polen einer galvanischen Kette verbunden sind. Setzt man sich nieder und berührt mit den Handgelenken den metallischen Ueberzug, so durchfließt ein elektrischer Strom den ganzen Körper und erzeugt bei genügender Stärke eine eigenthümliche Empfindung. Edison hat für sich zwei Säle gemiethet, und wir finden zahlreiche Apparate daselbst aufgestellt, die zum Theile auch schan functioniren, so zum Beispiel einen Copir·Telegraphen, der die Handschrift des Aufgebers vollkommen reproducirt und zu den chemischen Telegraphen gerechnet werden muß; ferner die sogenannten Börsendrucker. Es sind dies Zeiger-Telegraphen, die für den Localverlehr bestimmt sind und von Jedermann leicht gehandhabt werden konnen.

Edison hat auch einen Hektrographen erfunden, der unter dem Namen der „elektrischen Feder“ gezeigt wird. Es ist dies ein Griffel aus Stahl mit einer Bohrung, die eine feine Nadel enthält. Die letztere ist ähnlich dem Stachel einer Biene in der Schreibspitze verborgen, aus der sie, wenn der Apparat in Thätigkeit ist, 1100mal in der Minute heraustritt. und feine Stiche in das Papier macht. Man erhält somit Schriftzüge, die aus Reihen von kleinen Löchern bestehen, und wenn man ein so beschriebenes Blatt auf ein zweites legt und mit Farbe bestreicht, so dringt die letztere durch alle die kleinen Löcher hindurch und gibt einen positiven Abdruck des Originals. Man kann auf solche Art auch Zeichnungen vervielfältigen, und wurden den Besuchern sehr gelungene Copien gezeigt. Die elektrische Lampe Edison’s — eine Glühlampe — ist in den verschiedensten Montirungen zu sehen, als Luster, als Studir- oder Küchenlampe und auch als Beleuchtungs-Apparat für die unterseeischen Expeditionen der Taucher. Bekanntlich erzeugt Edison sein Licht, indem er einen dünnen Bogen aus Kohle unter Luftabschluß durch den eleltrischen Strom zum Glühen bringt. Auf der Ausstellung sehen wir nun die Lampen in den verschiedenen Stadien ihrer Erzeugung. Insbesondere gibt ein Tableau mit diversen Sorten von Bambusrohr Zeugniß von den eingehenden praktischen Studien, die Edison gemacht hat, um die brauchbarste vegetabilische Kohle für seine Lampe zu erhalten. 

Auch mehrere neue Telephone finden sich daselbst vor, z. B. ein großes Singtelephon, das die menschliche Stimme kräftig und auf größere Distanzen hörbar wiedergibt. Leider sind viele interessante Apparate, die man im Ausstellungs-Katalogs verzeichnet findet, noch nicht angekommen und dürften erst in 8 bis 14 Tagen den Besuchern zugänglich sein. M. J.

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Geschichte, Technik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar