Übersicht über die Hetzen 1881

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Wir haben in unserer Berichterstattung über den Wahlkampf 1881 verschiedene Fälle von Hetzen zusammengestellt. Aus der Froschperspektive kann man  dabei vielleicht den Überblick verlieren, weshalb wir nun einmal von oben daraufschauen möchten und weitere Beispiele geben. Unser Punkt ist auch nicht ein beliebiges „alle schlagen sich mit allen“. Manche schlagen gar nicht und werden nur geschlagen. Es schlagen auch nicht alle von den einen auf die anderen, jeder hat durchaus die Wahl mitzumachen oder sich auch dagegenzustellen. Und es gibt auch ansonsten einige nicht unwesentliche Unterschiede.

Die Hetzen lassen sich in drei (nicht erschöpfenden) Gruppen zusammenfassen:

  • Hetzen gegen Einwanderer aus ärmeren in wohlhabendere Länder
  • Hetzen gegen Deutsche
  • Hetzen gegen Juden

Die letzten beiden können durchaus zusammenfallen, da Juden sich einerseits selbst oft mit dem Deutschtum identizieren und andererseits von ihren Gegnern damit identifiziert werden.

Wenden wir uns zunächst der ersten Gruppe von Hetzen zu. Wir haben bereits folgende Beispiele hierfür gestreift:

Im Juni 1881 kommt es in Südfrankreich, vor allem in Marseille zu Ausschreitungen gegen italienische Einwanderer. Italien ist in der ganzen Periode ein klassisches Auswanderungsland. Italiener wandern nach Frankreich, Südamerika, in die USA, aber auch in geringerem Umfang nach Deutschland aus, teilweise nur saisonal. Italien selbst hat in beide Richtungen offene Grenzen. Die Ausschreitungen in Frankreich scheinen dann wieder abzuklingen, ohne sich zu verfestigen.

In den USA, vor allem in Kalifornien, baut sich um die Zeit eine Hetze gegen chinesische Einwanderer auf, die 1882 zum Chinese Exclusion Act führen wird. Treiber sind dabei beispielsweise die kalifornische Workingmen’s Party. Vordergründig wird mit der Verkommenheit der Chinesen argumentiert (eine Behauptung, die in Deutschland leichtfertig abgenommen wird, auch in Bemerkungen in der ursprünglichen Freisinnigen Zeitung, mit denen wir uns hier nicht identifzieren). Der Hauptgrund scheint aber wie analog in Frankreich zu sein, daß die Chinesen von Arbeitern als Lohndrücker wahrgenommen werden, derer man sich durch staatlichen Protektionismus entledigen will.

Auch in Deutschland kommt es in den 1870er Jahren gelegentlich zu Ausschreitungen gegen ausländische Arbeiter, z. B. gegen österreichische Schlesier bei Regierungsbauten in Berlin. Allerdings ist Deutschland in der Zeit netto ein Auswanderungsland. Die Auswanderung erreicht 1881 mit über 200.000 (knapp ein halbes Prozent der Bevölkerung) ihren Höchststand. Im internationalen Vergleich ist Deutschland bestenfalls ein Tigerstaat, der dem Wohlstand nach deutlich hinter Frankreich, Großbritannien oder gar den USA liegt.

Von den Antisemiten wird die Behauptung in den Raum gestellt, es komme zu einer Masseneinwanderung von Juden aus dem Osten (Deutschland hat fast keine Beschränkungen gegen Einwanderung). Das ist aber, wie der Statistiker Salomon Neumann nachweist, nicht der Fall. Netto wandern Juden aus Deutschland ab und auch die Einwanderung ist überschaubar. Die einwandernden Juden werden, soweit wir das sehen, nicht hauptsächlich als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wahrgenommen, weshalb wir dies weiter unten abhandeln.

Eine derartige Argumentation wird ein paar Jahre später aber aufkommen, als es um die Einwanderung von Polen aus Österreich-Ungarn und Rußland geht. Arme deutsche Landarbeiter wandern vom Osten in die Industriegebiete im Westen ab, was für die Junker zu einem Mangel an Arbeitskräften führt, der durch Anwerbung von Polen und Russen ausgeglichen wird. Von den Hetzern gegen die Polen, wie dem Philosophen Eduard von Hartmann, wird der Vorgang dann dahin verdreht, als wenn die Einwanderer durch Lohndrücken die Deutschen vertrieben hätten und das Land vorsätzlich polonisieren wollten. Später läuft diese Diskussion übrigens unter dem Schlagwort „Raum ohne Volk“.

Bismarck setzt sich dann an die Spitze beim „Schutz der nationalen Arbeit“, was zu den Polenausweisungen von 1885/1886 führt, bei denen etwa 35.000 österreichische und russische Staatsangehörige deportiert werden. Allerdings bringt er damit seine junkerlichen Anhänger in Verlegenheit, weil diesen die Arbeitskräfte abhanden kommen. Vordringlich scheint Bismarck dabei das innenpolitische Moment zu sein, die polnische Fraktion von der Zentrumspartei zu trennen und so letztere auf nationalen und kanzlerhörigen Kurs zu bringen. Bei den Ausweisungen zählen die Juden dann übrigens als Polen, während sie von den Polen als Deutsche angesehen werden. Between a rock and a hard place.

Bismarck gerät dabei übrigens in einen gewissen Konflikt mit dem österreichischen Ministerpräsidenten und eigentlich als Konservativer verbündeten Graf Taaffe, der sich im Parlament auf slawische Minderheiten stützt, wobei letzerer allerdings eine Konfrontation mit Deutschland dann doch nicht riskiert.

Weiter mit der nächsten Gruppen von Hetzen, denen gegen Deutsche. Bisher hatten wir schon folgende Beispiele:

Der Kontext ist hier etwas unterschiedlich. Seitdem der konservative Graf Taaffe 1879 in Österreich Ministerpräsident ist, stützt sich die Regierung im Parlament, dem Reichsrat, auf die Vertreter verschiedener nichtdeutscher Nationalitäten, vor allem der Tschechen. Im Gegenzug werden diesen Zugeständnisse gemacht. Dies führt zu einer Tschechisierungpolitik beispielsweise in Prag, wo Tschechisch als Sprache an der Universität durchgesetzt wird und gegen die deutsche Minderheit auch auf andere Weise wird.

1881 kommt es zu Ausschreitungen, bei denen beispielsweise deutsche Studenten von einem tschechischen Pöbel durchgebläut werden, während die Polizei sich passiv verhält. Zeitungen, die sich kritisch dazu äußern, werden zeitweise konfisziert (unter anderem auch die „Berliner Wespen“). Ein anderer Vorgang in der Zeit ist die Tschechisierung von Banknoten (Überdruck mit Stempeln). Zunächst wird die Annahme durch die Notenbank abgelehnt, aber Taaffe rudert dann zurück. Die tschechischen Nationalisten sind hier übrigens fair: Nachdem die Juden sich für eine Tschechisierung nicht erwärmen können, sind sie, wenn es um das Austeilen geht, natürlich Deutsche.

Analoge Versuche, Minderheiten mit mehr oder weniger Zwang an die Mehrheit anzugleichen gibt es auch andernwärts, so etwa in Ungarn gegenüber den nichtungarischen Minderheiten (Ungarn umfaßt auch Gebiete des heutigen Kroatiens oder der Slowakei). Ungarn bekommen es dann im Gegenzug von Kroaten drüber. Im Zuge der antipolnischen Politik gibt es etwas später auch in Deutschland eine staatliche Germanisierungspolitik, bei der Polnisch aus den Schulen gedrängt, polnische Rekruten vorzugsweise in deutschsprachige Einheiten eingezogen und polnische Vereine und Publikationen überwacht und unterdrückt werden.

Das verbindene Moment all dieser Anstrenungen ist die fixe nationalistische Idee, daß Staaten nur mit einem homogenen Volk bestehen können (wir verweisen als Gegenbeispiel an dieser Stelle gerne auf die Schweiz), und daß, wenn ein solches nicht vorhanden ist, es eben durch zwangsweise Assimilation oder Vertreibung geschaffen werden sollte. Minderheiten werden per se unter den Verdacht des Landesverrates gestellt. Hinzu kommen die handfesten Vorteile für die Mehrheit, die diese sich durch eine solche Politik gegenüber den Minderheiten verschaffen kann.

Es ist auch kein Zufall, daß diese nationalistische Zwangsvorstellung gerade im zerfallenden osmanischen Reich und dem dem Zerfall geweihten Österreich-Ungarn grassiert. In der Realität leben die verschiedenen ethnischen Gruppen bunt durcheinander, wie es sich freiwillig ergeben hat. Aber wer einen neuen Staat bauen will, der muß die Fiktion eines homogenen Volks kreieren (eine Idee, bei der die Deutschen in einer ähnlichen Konstellation ab dem Anfang des 19. Jahrhunderts die ideologische Vorarbeit geleistet haben). Und die Vorstellung von einem notwendig homogenen Volk führt schnell zu der Folgerung, daß dieses von nicht dazugehörigen Minderheiten gesäubert werden muß. Da jeder Nationalismus lieber etwas zu groß seine Grenzen zieht, ist der erbitterte Streit garantiert. Und wer überleben will, der muß sich in „sein Volk“ einreihen und bis aufs Messer gegen die anderen kämpfen.

Die Feindschaft gegen Deutsche in Rußland (inklusive Südrußland, der heutigen Ukraine) zeigt auch einige Ähnlichkeiten mit der gegen die Juden (die je nachdem auch den Deutschen zugeschlagen werden): eine als gefährlich eingeschätzte, fremde Religion, ein gewisser wirtschaftlicher Erfolg, das Zusammenhalten in einem ablehnenden Umfeld sowie der als zu groß eingeschätzte politische Einfluß. (Übrigens auch eine ähnliche Konstellation bei den Armeniern im osmanischen Reich, deren Lage bereits 1881 diskutiert wird.)

Mit den Ausweisungen russischer Staatsbürger durch Bismarck, kommt es dann auch zu Repressalien gegen Deutsche, wovor die Freisinnigen warnen, was Bismarck aber egal zu sein scheint. Rußland verschärft außerdem allgemein in den 1880er Jahren seine Russifizierungspolitik, um ein homogenes „Staatsvolk“ zu schaffen. 1876 werden etwa Publikationen in ukrainischer Sprache weitgehend unterdrückt. Die ukrainische Sprache deutet man zu einem südrussischen Bauerndialekt um. In einer Ironie der Geschichte bekommt das deutschstämmige Zarenhaus dann im ersten Weltkrieg selbst den Bumerang an den Kopf.

Und nun noch zur folgendschwersten Hetze der Zeit gegen die Juden. Wir fassen uns hier kurz, weil wir das in weiteren Artikeln noch näher beleuchten wollen. Bisher hatten wir schon eine Reihe Artikel zum Thema:

Hinzufügen ließen sich auch noch Hetzen von Ungarn gegen Juden (in Österreich ist es 1881 noch relativ still). Von polnischer Seite gibt es zunächst Kritik an der Verfolgung der Juden. Zum einen sieht man die Möglichkeit, die Juden in polnischen Gebieten zu sich hinüberzuziehen, die bisher deutschfreundlich waren, aber natürlich über die Vorgänge irritiert sind. Zum anderen möchte man sich auch von den Russen in der Weltmeinung differenzieren. Allerdings hält das nicht lange vor: an Weihnachten 1881 kommt es dann auch in Warschau zu einen Pogrom (nach gewissen Darstellungen allerdings von der russischen Geheimpolizei angezettelt).

Wie gesagt, wir werden das noch anderswo weiter vertiefen. Hier sei nur auf das Gefälle in Europa hingewiesen: in Ländern wie Spanien, Frankreich, der Schweiz, Italien, Großbritannien, Belgien, der Niederlande und Skandinavien mag es auch einiges an Vorurteilen geben, aber nirgendwo kommt es zu solchen Ausschreitungen, im Gegenteil werden die Vorkommnisse weitgehend verurteilt. Das Hotbed ist der reaktionäre Teil Europas, in dem die Linke (wie immer hier als der Liberalismus verstanden) in der Defensive ist: Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland.

Und es sei der Sicherheit halber auch noch betont: hier von „Deutschen“, „Polen“, usw. zu sprechen, ist nur eine Kürzel dafür, daß gewisse Erscheinungen weit verbreitet sind. Es geht nicht darum, der essentialistischen Sicht von Völkern aufzusitzen. Selbstverständlich sind nicht alle beteiligt (und wir meinen schon gar nicht die heutigen Bevölkerungen).

 

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