Wieder ein flaues Dementi von Bismarck

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Wie die Neue Freie Presse in Wien am 26. August 1881 berichtet, wendet sich die offiziöse „Post“ in einem Artikel gegen den Vorwurf, Reichskanzler Bismarck unterstütze die antisemitische Bewegung. Der Artikel scheint derart nahen Einblick in die Überlegungen Bismarcks zu haben, daß er vermutlich in enger Abstimmung mit ihm verfaßt worden ist.

Der Kanzler hat in der nun schon zwei Jahre andauernden Hetze auf plausible deniability geachtet und sich nicht positiv über die antisemitische Bewegung geäußert. Aber er hat sich ebenfalls, trotz wiederholter Aufforderungen dazu, auch nicht negativ geäußert. Huldigungstelegramme der Antisemiten beantwortet er höflich und freundlich, ohne auf deren antisemitische Positionen einzugehen. Natürlich entsteht dadurch der Eindruck, daß die antisemitische Bewegung ihm genehm ist. Erstaunliche Geldmittel und die flankierende Unterstützung durch die offiziöse Presse machen dies zusätzlich plausibel.

Im inneren Zirkel ist der Treiber der preußische Innenminister von Puttkamer, der von Antisemitismus getrieben ist. Bismarck selbst benutzt die Bewegung aus zynischen Gründen, weil sie ihm gelegen kommt, und läßt Puttkamer gewähren. Im August 1881 geht Bismarck die antisemitische Bewegung allerdings etwas zu weit. Ihre Funktion ist es, die Liberalen zu schwächen. Allerdings scheinen diese durch die Exzesse der Antisemiten Zulauf zu gewinnen, wenn sie darauf bestehen, daß Recht und Ordnung durchgesetzt werden. Diese Linie soll ja eigentlich gegen sie gefahren werden. Zudem wollen sich die antisemitischen Agitatoren auch nicht der konservativen Führung unterordnen und verlangen ihren Anteil an den Reichstagskandidaturen, wobei auch antikonservative Töne laut werden.

Aus diesen Gründen scheint es dem Kanzler wohl geraten, etwas zurückzurudern. Allerdings versucht der offiziöse Artikel sich dabei alle Türen offen zu halten. Das Dementi ist wie ähnliche zuvor sehr formal: Bismarck wolle doch am Rechtszustand nichts ändern. Das haben sogar die Antisemiten eingeplant, weshalb sie fürs erste die Zurücksetzung der Juden auf administrellem Wege verlangen. Dazu äußert sich der Artikel dann wieder nicht.

Und auch ansonsten spielt das Dementi doppelzüngig gleichzeitig den Antisemiten zu. Es wird so dargestellt, als wenn die „jüdische Presse“ mit „Bismarck-Hetze“ angefangen hätte und man sich doch eigentlich nur gegen deren Angriffe verteidige. Je nachdem soll es auch die „jüdische und fortschrittliche Presse“ sein. Da gleichzeitig betont wird, daß nur von jüdischer Seite gehetzt werde, muß man daraus schließen, daß es sich dabei um dasselbe handelt. Auf diese Weise sekundiert man den Antisemiten bei ihrer Behauptung, die Presse werde von den Juden beherrscht.

Das ist Unsinn. Es gibt in Deutschland im eigentlich Sinne nur eine sehr kleine „jüdische Presse“, die explizit von und für Juden gemacht wird. Die wesentlichen Organe sind hierbei die reformjüdische „Allgemeine Zeitung des Judenthums“ in Leipzig und „Der Israelit“ in Bonn, der die orthodoxe Richtung vertritt. Beide haben nur einen kleine Auflage von einigen Tausend Exemplaren und werden offensichtlich von kleinen Redaktionen gemacht: Artikel über aktuelle Ereignisse erscheinen oft mit Wochen Verzögerung. Zudem dreht sich ihr Inhalt hauptsächlich um die jüdische Gemeinde selbst. Politisch hält man sich neutral, kann aber nicht umhin, sein Entsetzen über die antisemitische Bewegung auszudrücken. Verleumdungen von Bismarck finden sich nicht.

Die Berliner Presse ist überwiegend (aber keinesfalls ausschließlich) liberal, wobei das Spektrum von nationalliberal über sezessionistisch bis fortschrittlich reicht. Gerade der nationalliberale Teil der Presse war über eine lange Zeit ein begeisterter Anhänger Bismarcks und auch die Sezessionisten (ehemaliger linker Flügel der Nationalliberalen, der sich 1880 als „Liberale Vereinigung“ abgespalten hat) sind mittlerweile nur enttäuschte Fans des Kanzlers. In Deutschland gibt es zudem noch viele andere Zeitungen, die auch nicht liberalen politischen Richtungen eine Stimme geben, etwa die katholische „Germania“ oder die konservative „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ und die „Neue Preußische Zeitung“, die sogenannte „Kreuzzeitung“. Daß liberale Zeitungen eine große Rolle spielen, liegt einfach daran, daß das städtische Publikum überwiegend liberal ist. In Berlin wird mehrheitlich Fortschritt gewählt, was der Kanzler ja gerade ändern möchte.

Tatsächlich gibt es in Berlin bei einem Bevölkerungsanteil von etwa 5% auch viele jüdische Redakteure, und diese mögen sogar überrepräsentiert sein. Für eine von Juden beherrschten Presse gibt es aber nur in der Fantasie der Antisemiten Anhaltspunkte. Der Grund für die Kritik an dem Kanzler ist nicht eine jüdische Verschwörung, sondern daß seine Politik aus liberaler Sicht eben falsch ist. Eugen Richter zeigt die Beliebigkeit der Argumentation beispielsweise in seiner Rede am 22. November 1880 im Preußischen Abgeordnetenhaus auf:

Sie sprechen von der Judenpresse, — sagen Sie es doch offen heraus, es ist die liberale Presse, die Ihnen nicht gefällt. Neulich haben wir gehört von der Posener Zeitung. Sie ist angegriffen worden als ein jüdisches Organ. Meine Herren, weder ein Verleger, noch ein einziger Redakteur der Posener Zeitung gehört der jüdischen Religion an. Der Jude hat das Posener Tageblatt, der Jude ist Besitzer des Regierungsblattes. (Heiterkeit.)

Wenn Sie hier von Berlin sprechen, Herr Stöcker, z. B. so ist Ihnen die Vossische Zeitung ein besonderer Greuel. Dort ist kein einziger Redakteur, kein Besitzer, der der jüdischen Konfession angehört. Nein, meine Herren, die Juden schlägt man und die Liberalen meint man. Glauben Sie denn, daß wir das nicht durchfühlen? Der Abgeordnete Bachem spricht ja selbst von der jüdischen fortschrittlichen Presse und dergleichen. Weil man die Liberalen in ihren Grundsätzen nicht bekämpfen kann, (Widerspruch.) ohnmächtig dagegen ist in den großen Städten, — darum wird der Racenhaß zu Hülfe gerufen, nicht bloß um das Judenthum zu bekämpfen, sondern es ist die verzweifelte Anstrengung der konservativen Bestrebungen; um sich über Wasser zu halten, hat man zu solchen Mitteln greifen müssen, nicht blos um die Juden zu bekämpfen, sondern um den Liberalismus anzugreifen. Meine Herren, das ist der eigentliche Kern der Sache. (Sehr wahr!).

Wir bringen nun den Artikel der Neuen Freien Presse. Ironischerweise ist die offiziöse Post von dem jüdischen „Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg gegründet worden, einem der wenigen jüdischen Abgeordneten (noch im Norddeutschen) Reichstag, die man zu den Konservativen zählen kann. Allerdings ist dieser nicht mehr beteiligt, nach dubiosen Geschäften zusammen mit hochrangigen konservativen Regierungsmitgliedern sind seine Firmen mittlerweile bankrott:

23. August. (Der Kanzler und die Judenhetze.) Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die hiesige „Post“, welche mit der Auflösung der freiconservativen Partei, deren Organ sie lange Zeit war, den letzten Rest von scheinbarer Unabhängigkeit abgestreift hat und vollends in das gouvernementale Fahrwasser hinübergesteuert ist, einen Artikel über die Stellung des Fürsten Bismarck zur Judenfrage. dessen Provenienz unzweifelhaft in der Wilhelmstraße zu suchen ist. Nach einem  Ausfalle auf die Organe der Fortschrittspartei schreibt die „Post“ wie folgt:  Es ist in fortschrittlichen Blättern vielfach bermerkt worden, daß sich Fürst Bismarck sich noch nicht über die Judenfragen geäußert habe. Nach unserer Ansicht lag dazu keine Veranlassung vor. Die amtliche Stellunn des Reichskanzlers der Judenfrage gegenüber in durch das Reichsgesetz vom 3. Juli 1869 definirt, welches. den Genuß der bürgerlichen oder staatsbürgerlichen Rechte auch den Juden einräumt. So lange dieses Gesetz in Kraft ist, kann Verleumdung allein die Behauptung aufstellen, daß die Judenhetze vom Reichskanzler gefördert werde. In jüngster Zeit hätte außerdem das Einschreiten der Regierung gegen die pommer’schen Excedenten genügen sollen, um die Verleumder zum Schweigen zu bringen; aber sie haben sich in in ihrem unsauberen Handwerk nicht stören lassen und betreiben es sogar mit erneuter Energie, gerade seitdem die in Stettin und anderen Orten seitens der Regierung getroffenen Maßregeln keine Zweifel darüber walten lassen können, daß es eine bewußte Lüge ist, zu behaupten, der deutsche Reichskanzler unterstütze die Judenverfolgungen. Er hat diese Verfolgungen im Gegentheile energisch unterdrückt. Ueber seine rein persönlichen Sympathien und Antipathien ist der Reichskanzler Niemandem Rechenschaft schuldig. Es liegt in der menschlichen Natur, für Wohlwollen wiederum Wohlwollen zurückzugeben, auf Haß und Verleumdung aber mit thatsächlichem Uebelwollen oder stiller Verachtung zu antworten. Nun mag es ein Zufall sein, aber jedenfalls ist es eine Thatsache, daß alle Bezeigungen von Vertrauen und Sympathie, die dem Fürsten Bismarck während der letzten Jahre zugegangen sind, von christlich-germanischen Elementen der Bevölkerung herrührten, während die gehässigsten Angriffe gegen seinen persönlichen Charakter aus jüdischen Quellen flossen. In der ganzen deutschen Presse kennen wir nicht eine einzige namhafte, von Juden redigirte Zeitung — und nicht allein in Deutschland, sondern auch in Oesterreich —  die nicht dem Fürsten Bismarck feindlich gegenüberstände, die nicht, anscheinend mit Freuden, jede Gelegenheit ergriffe, um ihn zu verdächtigen und zu kränken. In jüngster Zeit wieder waren es die jüdischen Berliner Zeitungen, welche, gelegentlich des vom Reichskanzler empfangenen Drohbriefes, sofort mit der niederträchtigen Verleumdung zur Hand waren, die Veröffentlichung des bekannten Drohbriefes sei ein Wahlmanöver, das an die Schelmereien der napoleonischen Regierung erinnere, der Reichskanzler selbst habe das anonyme Schriftstück fabriciren lassen, um, darauf gestützt, irgend welche verbrecherische, geheimnißvoll angedeutete Angriffe auf die Rechte der Nation auszuüben. Viele deutsche Zeitungen haben diese Insinuationen, die den persönlichen Charakter des Fürsten herunterziehen sollten, mit Entrüstung zurückgewiesen. Im Auslande, überall wo das deutsche Reich Feinde und Neider hat, sind sie mit Schadenfreude reproducirt worden — und nicht Eine achtunggebietende Stimme hat sich in der gesammten jüdischen Presse vernehmen lassen, um das Gebahren der Berliner Börsen- und Reporterpresse zu protestiren.

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“ Die jüdische Presse, in der allein der Reichskanzler den Ausdruck der Stimmung der Juden ihm gegenüber suchen kann, hat seit Jahr und Tag auch nicht das kleinste Körnchen von Sympathie für den Mann gesät, unter dessen Ministerium die Juden überhaupt erst thatsächlich emancipirt worden sind — Haß und Groll, Mißtrauen und Verachtung allein haben jüdische Publicisten und Redner gepflanzt, und wenn nun ein Baum emporgewachsen ist, der bittere Früchte trägt, so haben sie allein es sich zuzuschreiben. Niemals hat Fürst Bismarck Racenhaß gepredigt, noch durch Wort, Schrift oder That gebilligt; wogegen die leidenschaftliche Wuth, mit der er seit Jahr und Tag von der jüdischen Presse und von jüdischen Rednern verfolgt wird, kaum durch etwas Anderes als durch Racenhaß zu erklären ist. Das Hemd ist auch dem Fürsten Bismark näher als der Rock, und wenn er überhaupt Veranlassung hätte, sich über die Hetze auszusprechen, so würde das zunächst wol über die schamlose Bismarck-Hetze sein, welche von Fortschritt und Juden zur Entrüstung aller deutschen Männer betrieben wird.

Als in Frankreich vor Jahr und Tag die Frage der Abschaffung der Todesstrafe ventilirt wurde und die leidenschaftliche Discussion pro et contra ihren Höhepunkt erreicht hatte, ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen, die bald alle anderen übertönte. „Auch ich bin dafür, daß der Mensch den Menschen nicht tödten soll,“ schrieb ein französischer Philosoph, „aber nach meiner unmaßgeblichen Meinung sollten die Herren Mörder den Anfang machen“: que Messieurs les assassins commencent! Dies schlug dem Faß, das red- und schreibselige Philanthropen bis zum Ueberfließen mit Milch der Menschlichkeit gefüllt hatten, plötzlich den Boden aus, und die beabsichtigte Lebensrettung der Mörder unterblieb. Wir verwahren uns ausdrücklich dagegen, einen tendenziösen Vergleich machen zu wollen. Wir haben des Vorfalles aus dem parlamentarischen Leben Frankreichs nur erwähnt, um, daran anknüpfend, zu sagen, daß, wenn Friede ernstlich gewollt wird, der angreifende Theil die Feindseligkeiten einstellen muß! Que Messieurs les Juifs commencent! Wenn die jüdische Presse und jüdischen Redner aufhören, den Fürsten Bismarck in seiner persönlichen Ehre anzugreifen, oder wenn die jüdische Bevölkerung endlich zu erkennen gibt, daß sie sich nicht fernerhin mit der jüdischen Börsen- und Reporterpresse identificirt, dann wird die seit Entstehung der Bismarck-Hetze aufgeworfene Frage, wie Fürst Bismarck sich persönlich zur Judenhetze stelle, gar nicht mehr existiren und auf diese Weise eine befriedigende Lösung gefunden haben. Die amtliche Stellung des Reichskanzlers der Judenfrage gegenüber wird aber nach wie vor durch das Gesetz allein und ohne Rücksicht auf die Sympathie und Antipathie des Fürsten Bismarck als geregelt betrachtet werden müssen. Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist deßhalb, nach unserer Meinung, keine Antwort auf die in der jüdischen und fortschrittlichen Presse aufgeworfene Frage schuldig. Diese Frage ist nach einer —  der amtlichen Richtung hin vollständig gelöst; nach der andern liegt die Lösung nicht in seiner Hand.

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