Der Fortschritt geht in die Offensive

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Ab Mitte August 1881 kommt es fast täglich zu Wahlversammlungen der Deutschen Fortschrittspartei und ihrer Gegner der sogenannten „Berliner Bewegung“, einem Bündnis von Konservativen und Antisemiten.

Zunächst ein kurzer Bericht vom 13. September 1881 aus der Allgemeinen Zeitung des Judenthums. Die sozialdemokratisch gebildeten Leser wird es erstaunen, uns nicht: die Arbeiterversammlung besteht nicht aus Sozialdemokraten, sondern, wie aus den Forderungen erhellt, aus Fortschrittlern. Es gibt in der Zeit, entgegen allen Legenden, keine Identifikation von Arbeitern und Sozialdemokraten. Und daß Arbeiter fortschrittlich sind, macht ja auch viel mehr Sinn:

Am 29. [August 1881] fand eine Arbeiterversammlung des 3. Wahlbezirks [in Berlin] statt. In derselben sprachen vorzugsweise Arbeiter, und erklärten sich wiederholt gegen die Hetzereien, gegen die Spaltung des Volkes durch Klassen-, Racen- und Religionshaß und namentlich gegen Stöcker aus. Hinter allem diesem sahen sie nur die Reaction, welche alle Freiheiten des Volkes vernichten wolle. Jede Beschränkung der Gleichberechtigung sei ein Schritt zum Umsturz des jetzigen Staates, sei eine Zerklüftung des Volkes, um es leichter beherrschen zu können.

Am 29. August 1881 berichtet die Neue Freie Presse in Wien von der Kandidatenrede Eugen Richters zwei Tage zuvor in seinem Wahlkreis, dem fünften von Berlin (er kandidiert zudem auch in Hagen). Gegen ihn tritt der Ultramontane Cremer an, der um die Zeit aus der Zentrumspartei geworfen wird, weil er mit den Konservativen gemeinsame Sache macht. Cremer hat als Redakteur der katholischen „Germania“ seit Mitte der 1870er Jahre eine entscheidende Rolle bei der Anstachelung des Antisemitismus gespielt.

Zum Kontext: Seit Monaten läuft von Seiten der offiziösen und von Bismarck gesteuerten Presse eine Kampagne gegen die Fortschrittspartei, die diese als Landesverräter und Umstürzler hinstellt. Nun schickt Eugen Richter die Vorwürfe per Retourkutsche an den Absender zurück. Die Fortschrittler und Eugen Richter sind nicht so naive Anhänger der Hohenzollern, wie es den Anschein haben mag. Sie setzen ihre Hoffnungen auf den Kronprinzen und nicht den alten Kaiser Wilhelm I., auf den sich Bismarck stützen kann.

Eugen Richter’s Candidatenrede.

Berlin, 27. August.

Heute Abends hielt ber Abgeordnete Eugen Richter beim Gartenfeste des Wahlvereins der deutschen Fortschrittspartei im fünften Berliner Wahlkreise seine uns telegraphisch angezeigte Candidatenrede. Um 8 Uhr ergriff Richter, von stürmischem Beifalle begrüßt, das Wort zu ungefähr folgenden Ausführungen:

Die verzweifelt wilden Anstrengungen der Gegner beweisen, daß auch die Liberalen rechtzeitig in den Wahlkampf treten müssen. Die conservativen Bestrebungen können keinen Boden in Berlin fassen, wenn sie nicht vom religiösen und Classenhaß neue Nahrung suchen. Man sollte glauben, daß die Excesse in Pommern hierin Halt geboten hätten, aber dies ist keineswegs der Fall, denn Hofprediger Stöcker hat dieser Tage offener zum Classenhasse aufgefordert wie je. (Pfui!) Es scheint fast, als ob neue Klötze zum brennenden Holzstoße zugetragen werden sollen. Die Streitfrage „für oder gegen Juden“ nehmen wir nicht an, denn nach den Wahlen wird es sich um ganz andere Fragen handeln. Ein schlechter Kerl ist gleich schlecht, ob er Jude oder Christ ist. Man wird übrigens bei der Judenfrage nicht stehen bleiben, man strebt nach einem lutherisch-nationalen Staate. Es muß zum Kampf gegen die Juden nothwendig ein Kampf zwischen Evangelischen und Katholiken folgen. Wenige Tage noch und wir feiern einen nationalen Gedenktag [den Sedanstag].An solchem Tage muß aller Hader der Parteien schwinden. Das Volk muß einig sein, ebenso wie es einig dem Feinde gegenüberstand. Jetzt zum erstenmale wagt man es jedoch das Nationalfest zu einem Parteifest herabzuziehen. Man spricht von deutschen Vereinen. Der Prinz von Preußen sagte einst in Königsberg: „Ich kenne keine Preußenvereine, ich kenne nur ein preußisches Volk.“ Dieser Wahlkreis hat mich zu seinem Vertreter ersehen; ich bin bereit, diese Candidatur anzunehmen. (Minutenlanger Beifall.) Mir ist ein Gegencandidat zu Theil geworden, in der Person des ultramontanen Abgeordneten Cremer. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Ehre komme. Vielleicht weil ihn die Conservativen abfinden wollten für Dienste in anderen Wahlkreisen, vielleicht auch weil er selbst, von seiner Partei [der Zentrumspartei] fast desavouirt, beweisen möchte, daß auch in Orten von nicht vorwiegend katholischer Bevölkerung ein ultramontaner Abgeordneter gewählt werden könne. Erfüllten sich alle Erwartungen der Gegenpartei, so würden wir eine Caricatur von Volksvertretungen bekommen, eine Versammlung von Beamten oder von blinden Anhängern der Bismarck’schen Politik. Aber eine Partei „Bismarck sans phrase“ wüßte nicht einmal, was ihr Meister will, denn gar zu oft ändert er selbst seine Abschauung und seinen Willen. Wenn jetzt behauptet wird, daß das monarchische Princip bei uns angegriffen wird, so ist in der ganz außergewöhnlichen Machtfülle des Reichskanzlers am allerersten eine Gefahr für die Krone vorhanden. Wir wollen keine Kanzler-Dictatur, wir wollen keinen Reichstag, der auf den Namen des Reichskanzlers gewählt ist, denn dadurch wird die Krone in ihrem Rechte, Minister zu entlassen, behindert. Wir wollen von den Hohenzollern beherrscht sein. (Stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sich ohne jede Aufforderung und bringt ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser aus.) Wir wollen keine Ministerherrschaft. Ein Gendarm in Taucha bei Weißenfels wollte allerdings vor Kurzem eine Versammlung auflösen, als die Handlungen des Kanzlers kritisirt werden sollten, indem er erklärte, „der Kanzler dürfe ebensowenig in die Debatte gezogen werden, wie andere Regierende“. Das Tabakmonopol als Mittel der Altersversorgung der Arbeiter geht vorläufig darauf aus, vielen Arbeitern die Arbeit zu entziehen. Wenn man Geld haben will, ist es bei den Branntweinbrennern zu finden. Aber da heißt es, „der Branntwein ist das Getränk des armen Mannes“, und „die Steuer erhöht den Preis“, während bei den anderen Objecten dies bekanntlich nicht zugegeben wird. Der Staatszuschuß bei der Unfallversicherung wäre nur eine Herabdrückung des Lohnes und ein Vortheil für den Fabrikanten. Es wäre eine Staatsprämie für die Groß-Industrie auf Kosten des Kleingewerbes. Weil es leider noch der Fall ist, daß Viele nur von der Hand in den Mund leben, so ist es doppelt falsch, durch die indirecte Besteuerung die Gegenstände des täglichen Bedarfs zu vertheuern. Uebrigens sind die geplanten Meinungen und Versprechungen recht schön, aber mit demselben Gelde soll Vielerlei erreicht werden. Zur Erfüllung aller jetzt gemachten Versprechungen reichen nicht tausend Millionen neuer Steuern. Wenn alle diese Verspruchswechsel dem neuen Reichstage präsentirt würden, so entstünde ein schwerer Concurs. Aber man denkt, wenn nur erst der neue Reichstag gewählt ist, könne man sich zur Erfüllung der Versprechungen Zeit lassen, dafür jedoch stärker der Reaction in die Hände arbeiten. Altpreußische Traditionen sind dies nicht. Durch Beschränkung ist Preußen groß geworden, aber der Staat, der Alles machen will, wird schwach und hilflos. Jetzt verspricht man Millionen den Arbeitern Altersversorgung, und hat dieselbe doch noch nicht den Volksschullehrern und nicht einmal den eigenen Beamten zu gewähren vermocht. Aber noch eine andere Saite wurde in seiner neuerlichen Rede vom Hofprediger Stöcker angeschlagen. Er hetzte Arbeit gegen Kapital. (Pfui!) Glaubt der Herr selbst daran, daß sein Programm geeignet ist, unserem ganzen wirthschaftlichen Systeme eine andere Gestalt zu geben? (Nein!) Wer aber so etwas anregt, säet die Saat, die ein Unkraut wachsen läßt, unter welchem wir noch lange leiden werden, wenn an diesen Hofprediger nicht mehr gedacht werden wird. Unser Staatsschiff nimmt mit jedem Monate einen gefährlicheren Cours; diese Besorgniß reicht noch weit über den jetzigen Wahlkampf hinaus. Aber auch diese Krisis in unserem Staatsleben wird überwunden werden, und wenn mich das Volk für geeignet hält, an dieser Wiedergeburt mitzuwirken, dann will ich gern auf meiner Stelle aushalten. (Lebhaftes Bravo und Hochrufen auf Richter.)

 

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