Der Ring aller anständigen Leute

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Donnerstag, 27. Oktober 1881. Der Saal des Centralhotels in Berlin ist so voll gepackt, daß, wie man in der Zeit sagt, “kein Apfel zu Boden fallen kann“. Tausende sind drinnen und noch mehr wollen hinein. Hier hat die Deutsche Fortschrittspartei ihr Hauptquartier aufgeschlagen, in dem aus ganz Deutschland die Fäden zusammenlaufen. Es ist der Tag der Wahlen zum neuen Reichstag.

Hinter den Fortschrittlern liegt ein harter Wahlkampf. Reichskanzler Bismarck hat es sich zum Ziel gesetzt, sie insbesondere aus ihrer Hochburg Berlin zu drängen. Und ihm ist dabei jedes Mittel recht. Als Brecheisen soll insbesondere die „Berliner Bewegung“ dienen. Ihr Hauptmittel: die Hetze gegen die Juden. Allenthalben finden sich Plakate angeschlagen: „Kandidat der Juden und Judengenossen ist der jüdische Gründer Ludwig Löwe“. Polizeilich verfolgt werden diejenigen, die sie abreißen.

Schon seit Jahren schwelt der Antisemitismus in Deutschland. Den Juden wird die Schuld am „Gründerkrach“ gegeben. 1879 machen zwei Männer die Hetze dann salonfähig. Der eine ist der Hofprediger Adolph Stöcker. Nach einem erfolglosen Gastspiel als Arbeiterführer hat er sich dem Kampf gegen die Liberalen zugewandt, hinter denen eine jüdische Verschwörung stecke. Der andere ist der Historiker Heinrich von Treitschke vom rechten Flügel der Nationalliberalen, der im Antisemitismus einen berechtigten Kern ausmacht. Insbesondere unter Studenten findet er damit großen Anklang. Aber es gibt auch Widerspruch. Theodor Mommsen und Ludwig Bamberger vom linken Flügel der Nationalliberalen attackieren von Treitschke. Und der Kronprinz Friedrich Wilhelm verdammt die antisemitische Bewegung als eine „Schmach für Deutschland“. Mit seiner Frau besucht er demonstrativ jüdische Gottesdienste.

Ab Herbst 1880 werden Unterschriften gesammelt für eine Petition an den Reichskanzler mit den Forderungen: Einwanderungstopp für Juden sowie Ausschluß von Lehramt und hoheitlichen Stellungen. Dagegen wenden sich in einer Erklärung Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unter Führung des Berliner Oberbürgermeisters Max von Forckenbeck. Sie rufen zu Toleranz und der Verteidigung des gleichen Rechts auf. Im preußischen Abgeordnetenhaus interpelliert die Fortschrittspartei mit der Frage, wie sich die Regierung zur Petition stellt. Eine Änderung der Rechtsverhältnisse sei nicht beabsichigt, erhält man geschäftsmäßig knapp zur Antwort. In der zweitägigen, sehr hitzig geführten Debatte gehen Redner von Zentrum und Konservativen dann aber zu offenem Antisemitismus über. Eugen Richter nagelt die Konsequenz fest:

„[D]as ist gerade das besonders perfide an der ganzen Bewegung, daß während die Sozialisten sich bloß kehren gegen die wirthschaftlich Besitzenden, hier der Racenhaß genährt wird, also etwas, was der einzelne nicht ändern kann und was nur damit beendigt werden kann, daß er entweder todtgeschlagen oder über die Grenze geschafft wird.“

Die Sozialdemokraten sehen sich als lachende Dritte des Kampfes zwischen Fortschrittspartei und Antisemiten. Sie attackieren die Antisemiten, wenn diese auf ihr Terrain vorstoßen, wie etwa mit den ehemaligen Genossen Finn und Körner. Doch meist fallen sie der Fortschrittspartei in den Rücken. Wilhelm Hasenclever veröffentlicht unter Pseudonym ein Pamphlet, das kaum von denen Stöckers oder von Treitschkes zu unterscheiden ist. Der wegen des Sozialistengesetzes in Zürich erscheinende „Sozialdemokrat“ bejammert die „Verjudung“ Deutschlands und druckt die gehässigsten Passagen aus Marx‘ „Zur Judenfrage“ nach.

Im Sommer 1881 wird dann der Termin für die Reichstagswahlen festgelegt. Die Antisemiten und Konservativen treten in Berlin mit gemeinsamen Kandidaten gegen die Fortschrittspartei an. Die „Berliner Bewegung“ erhält dabei Rückendeckung von der Regierung. Aus dunklen Quellen fließen enorme Summen: für den Berliner Wahlkampf allein mehr als alle Liberalen in ganz Deutschland haben. Mit Freibier und Volksbelustigungen sollen die Wähler geködert werden. Wie schon früher die Sozialdemokraten randalieren die Antisemiten in Versammlungen der Fortschrittspartei. Die Polizei schützt nicht etwa die Versammlungsfreiheit, sondern löst in stillschweigender Kooperation die Veranstaltungen auf. Erst mit einer eigenen Privatpolizei kann die Fortschrittspartei das Problem in den Griff bekommen.

Und Bismarck attackiert die Fortschrittspartei mit der Behauptung, diese bilde in Berlin einen „Fortschrittsring“, womit auf den „Ring“ in der korrupten New Yorker Stadtverwaltung angespielt wird. Ironisch nimmt Eugen Richter den Begriff auf. Es gehe nun darum, daß die Berliner einen „Ring aller anständigen Leute“ gegen das Treiben der Antisemiten bilden. Bismarck glaubt insbesondere mit einer Unfallversicherung finanziert durch ein Tabakmonopol das Blatt wenden zu können. Er löst damit aber nur Wut in der Bevölkerung aus. Satireblätter wie die „Berliner Wespen“ fallen über die drohenden „Monopolzigarren“ her mit Werbesprüchen wie: „Hedschra – eine Cigarre, welche zur Flucht zwingt“ oder „Schach – der Raucher wird in drei Zügen matt“.

Die Wahl wird zu einem Fiasko für Bismarck. Wie sich Eugen Richter später erinnert:

„Die Eindrücke des Abends, als in unserem Bureau die Siegestelegramme einander auf dem Fuße folgten, werde ich nie vergessen. Mitunter stellten wir telegraphisch Rückfragen an, weil wir die hohen Ziffern fortschrittlicher Stimmen glaubten auf irrtümliche Meldungen zurückführen zu müssen. […] Mit der größten Spannung sahen wir den Wahlergebnissen von Berlin entgegen nach allen Vorgängen der letzten Zeit. Aber von Ludwig Löwe, dem besonders angefochtenen jüdischen Kandidaten, kam in unser Centralbureau die erste Siegesmeldung des Abends.“

Die Fortschrittspartei gewinnt in allen sechs Berliner Wahlbezirken. In vieren ist sie unmittelbar gewählt, in zweien siegt sie in der Stichwahl gegen die Sozialdemokraten, die von den Antisemiten und Konservativen unterstützt werden. Insgesamt kommt die Partei auf 12,9% der Stimmen und mit der ihr nahestehenden Liberalen Vereinigung und der Deutschen Volkspartei sogar auf 23,1%.

Allmählich sickern am Wahlabend die Ergebnisse aus dem Centralhotel heraus und werden auf den Straßen lebhaft diskutiert. In ihrer nächsten Ausgabe feiern die „Berliner Wespen“ den Sieg:

„Wahlnachricht aus dem 2. Berliner Wahlkreis. Von den abgegebenen Stimmen zersplitterten sich 338 und erhielt Virchow 18.088 und Viereck 3159 Stimmen. Der Hofprediger Stöcker bekam den Rest.

Der Ansturm der „Berliner Bewegung“ ist gestoppt. Sie bekommt in Berlin ab da keinen Fuß mehr auf den Boden.

Am 27. October 1881.

 Wie Berolina die Sechs siebte.

Aus: Berliner Wespen, 2. November 1881

Auf dem Sieb: Eugen Richter, Rudolf Virchow, darunter Albert Träger, Ludwig Löwe, Moritz Klotz, Kurt von Saucken-Tarputschen

Durch das Sieb fallen: oben Meyer, Max Liebermann von Sonnenberg, Adolph Wagner, in der Mitte Schulze, unten Christoph Josef Cremer, Adolph Stöcker

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Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

Dieser Artikel ist auch ein Beitrag zur dritten Ausgabe von Blink, die wir den Lesern gerne anempfehlen möchten.

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