Eugen Richter am 31. August 1881

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 13. September 1881

Berlin, 31. Aug. (Privatmitth[eilung].) Die fortschrittlichen Wählerversammlungen mit Gartenfesten einerseits und die der Conservativen und Antisemiten werden abwechselnd weitergehalten, ohne daß etwas Neues zu Tage trete. Herr Stöcker hat seine Zahmheit wieder abgelegt, und in einer Rede in der Hasenheide das Möglichste in Judenhaß geleistet. Eugen Richter sprach sich darüber im 5. Berliner Wahlkreise folgendermaßen aus: „Conservative Wahlen, wie sie zu Manteuffel-Hinkeldey’s Zeiten [in den 1850ern] nicht dagewesen, sind das Ziel der Gegner und da Berlin nun einmal nicht conservativ ist, so ist die Agitation nur lebendig zu erhalten, wenn fort und fort der Religionshaß geschürt wird. Man sollte meinen, daß die Excesse in Westpreußen und Pommern in dieser Beziehung Abkühlung geschafft haben; aber nein: Herr Hofprediger Stöcker hat vorgestern in der Hasenhaide eine Rede gehalten, die an Aufreizung zum Religions- und Klassenhaß alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hat. Es scheint fast, als ob der Mangel an Zeitungsnachrichten über neue Unruhen in Pommern den Hofprediger veranlaßt hat, einen neuen Holzstoß auf das Feuer zu legen. Die famose Pastoral-Conferenz hat wieder über die Sittenverderbniß in Berlin geklagt, aber die Thatsache, daß trotz jener Hetzreden es in Berlin noch nicht zu solchen Tumulten gekommen ist, zeigt, daß der Kern unserer Bürgerschaft besser ist, als jene Herren meinen und daß sie höher steht, als ihre Ankläger. (Bravo!) Die Gegner haben in raffinirter Weise für die Wahl das Schlagwort erfunden: „Für oder wider die Juden!“ darum handelt es sich [nicht], denn nach den Wahlen wird es sich zeigen, daß ganz andere Fragen auf der Tagesordnung stehen. Ein schlechter Kerl bleibt für uns ein schlechter Kerl, wenn er auch ein Christ ist, und Jemand, der durch edle Werte der Nächstenliebe sich auszeichnet, verachten wir nicht, wenn er auch nicht an den dreieinigen Gott glaubt. (Lebhafter Beifall.)

 

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