… daß der Rabbi und der Mönch, „daß sie alle beide stinken“.

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Bevor wir beginnen, ein kleines Ratespiel: Woher stammt das Zitat im Titel?

  1. aus einem Blatt, das der Fortschrittspartei nahesteht, z. B. der „Vossischen Zeitung“
  2. aus einem demokratischen Blatt, z. B. der „Frankfurter Zeitung“
  3. aus einer nationalliberalen Zeitung, z. B. der „Kölnischen Zeitung“
  4. aus einem Blatt, das dem Zentrum nahesteht, z. B. der „Germania“
  5. aus einer konservativen Zeitung, vielleicht sogar einer offiziösen, z. B. der „Post“
  6. aus einem antisemitischen Blatt, z. B. dem „Reichsherold“
  7. aus einer sozialdemokratischen Zeitung, z. B. aus „Der Sozialdemokrat“

Auflösung weiter unten.

Im Sommer 1881 kommt es zu pogromartigen Ausschreitungen gegen Juden in verschiedenen Städten Pommerns und Westpreußens. Angeheizt wird die Stimmung durch Brandredner wie den Antisemiten Ernst Henrici. Der preußische Staat, verantwortlich für die Polizei, schaut zunächst mit Langmut zu. Zudem fühlen sich die Randalierer durch die wohlwollende Haltung Bismarcks zur antisemitischen Bewegung ermuntert.

Erst als der Kronprinz Friedrich Wilhelm bei seinem Vater Kaiser Wilhelm I. interveniert und dieser Druck auf die Regierung ausübt, bequemt sich der der antisemitischen Bewegung gewogene preußische Innenminister Robert Viktor von Puttkamer dazu, energischer einzuschreiten. Der Aufruhr paßt wenig zum Selbstbild der Konservativen und Antisemiten, die der Fortschrittspartei umstürzlerische Absichten unterstellen. Von daher rudern einige der antisemitischen Führer verbal etwas zurück und versuchen ihre Verbindung zu den Exzessen zu verschleiern.

Ende August 1881 veröffentlicht die demokratische „Berliner Volkszeitung“, die der Deutschen Fortschrittspartei“ nahesteht, den Brief eines Herrn Hillner aus Schrimm, der soeben zu mehr als einjähriger Haft verurteilt worden ist, unter anderem wegen der Bedrohung eines jüdischen Amtsrichter mit einem Terzerol, einer kleinen Vorderladerpistole. Hillner hat zudem seinen Posten als Kreisgerichts-Bureau-Assistent verloren.

In dem Schreiben teilt er seine Konversion zum Liberalismus mit und, daß er bei der Wahl den jüdischen Abgeordneten Eduard Lasker von der Liberalen Vereinigung (Abspaltung des linken Flügels der Nationalliberalen) wählen wird, was Unsinn ist: er darf aus dem Gefängnis gar nicht wählen. Die Berliner Volkszeitung druckt den etwas weinerlichen Brief, in dem Hillner sich gewissermaßen selbst als Opfer hinstellt, wohl kaum wegen dessen Wandlung zum, wie er selbst an einer Stelle in Anführungszeichen schreibt, Liberalen ab, sondern, weil dieser die Verbindung der Ausschreitungen mit dem Hofprediger Stöcker aufdeckt.

Die Kehrtwende Hillners mag vielleicht wirklich auf einer gewissen Reue beruhen, wir würden aber vermuten, daß es ihm eher darum zu tun ist, Stöcker maximal eins auszuwischen, indem er die exakte Gegenposition einnimmt.

Hier nun der Bericht in „Der Israelit“ vom 7. September 1881:

Berlin, 28. Aug. Als „Kundgebung aus dem Publikum“ veröffentlicht die „Volksztg.“ folgendes Schreiben: 

Schrimm, 25. August. 

Herr Hofprediger Stöcker!

Durch Ihre Brandreden gegen die Juden habe auch ich mich verleiten lassen, Excesse gegen die jüdische[n] Einwohner Schrimms, mit denen ich stets im besten Einvernehmen gelebt, zu begehen! Das Ende vom Liede war, daß ich ein Jahr drei Monate drei Tage ins Loch mußte und mein Amt, welches ich zwanzig Jahre inne hatte, verlor und meine kranke Frau während meiner Haft mit Noth und Elend kämpfen mußte!

Obschon Sie mich brieflich vorher mit den Worten: „Muthig vorwärts! Wir kämpfen für eine gute Sache!“ angefeuert — beantworten Sie meinen Hilferuf aus dem Gefängnisse mit den salbungsvollen Worten; „Verlassen Sie sich auf Gott!“ Dazu gebrauche ich Sie nicht, das habe ich stets, auch ohne Ihren Rath gethan!

So wird es auch den Argenauern, Neustettinern, Schievelbeinern, welche unter Hochrufen auf „Stöcker und Consorten“ die abscheulichen Exeesse gegen die Juden unternehmen ergehen! Diese von Ihnen aufgewiegelten „Dummen“ müssen wegen Landsfriedensbruch etc. ins Gefängnis und Frauen und Kinder können betteln gehen!

Sie werden sich um diese armen Opfer nicht kümmern, sich ins Fäustchen lachen und sagen: „Der Zweck heiligt die Mittel!“ — denn was Ihr unsinniges Treiben bezweckt, das durchschauen wir Liberale längst! Sie wissen ganz gut, daß wir gerade die Hauptstütze unter den intelligenten Juden für unseren Liberalismus haben.

Mit Rücksicht darauf, daß Sie mich und meine Frau, die hinter Schloß und Riegel noch schmachtenden Argenauer, Neustettiner, Schievelbeiner etc. nebst Familien unglücklich gemacht haben und noch mehr Unheil anstiften könnten, fordere ich Sie als deutscher Bürger auf: „Stellen Sie Ihr gemeingefährliches Treiben ein!“

Wir leben in einem Verfassungsstaate, und so lange uns die schwer errungene Verfassung heilig ist und das Gesetz vom 3. Juli 1869 gilt, haben Christen und Juden in Deutschland gleiche Rechte und Sie  würden, wenn ich Staats-Anwalt wäre, schon längst auf Grund des § 49a des Reichsstrafgesetzbuchs [Versuch der Beteiligung] Gelegenheit haben, hinter Schloß und Riegel über Ihr Treiben nachzudenken!

Die Judenhetzen in Rußland schreiben Sie nur auch auf Ihr Conto!

Ihr Ziel — den Liberalismus und die Errungenschaften des Jahres 1848 — durch Reaction zu vernichten — sollen Sie bei der nächsten Wahl nicht erreichen! — Wir „Liberale“ machen in Politik keinen confessionellen Unterschied, wir wählen Männer, denen die Freiheit des Volkes am Herzen liegt, ob sie Christen oder Juden sind! Ich für meine Person gebe bei der nächsten Wahl meine Stimme dem Herrn Rechts-Anwalt Dr. Lasker!

Hillner, K.
Kreisgerichts-Bureau-Assistent a. D.
und Volksanwalt in Schrimm. *) 

*) Zur Erläuterung des vorstehenden Schreibens sei bemerkt, daß Hillner wegen schwerer Excesse zu dem obenerwähnten Strafmaß verurtheilt worden ist. Er hatte u. A. einen Amtsrichter jüdischer Confession im Gerichtsgebäude mit einem Terzerol bedroht. Die Red.

Aus dem Exil in Zürich, meldet sich das Zentralorgan „Der Sozialdemokrat“ am 1. September 1881 ebenfalls zu dem Fall:

— Durch die deutsche Presse geht ein in der Berliner Volkszeitung zuerst veröffentlichter Brief eines Herrn Hillner, Volksanwalt (?) in Schrimm. Dieser edle Mann hatte die Judenexzesse tapfer mitgemacht und war, weil er einen Amtsrichter jüdischer Konfsession mit einer Pistole bedroht, zu einem Jahr drei Monaten Gesängniß verurtheilt werden. Darob kam Reue und Zerknirschung über den Ehrenmann und er sandte einen Brief an die Volkszeitung, in dem er über die Antisemiten, namentlich Stöcker fürchterlich schimpft, sich für einen Liberalen erklärt, für die intelligenten Juden schwärmt und verspricht seine Stimme für Lasker abzugeben. Und die liberale Presse schlägt Kapital aus einer solchen „Bekehrung“! Wenn dieser Brief etwas beweist, so ist es höchstens das, daß der Rabbi und der Mönch, „daß sie alle beide stinken“.

Antisemiten und Liberale, sie sind beide gleich charachterlos.

Damit hätten wir die Auflösung. (Für die Belesenen: das Zitat stammt aus Heinrich Heines Gedicht „Disputation“ von 1851).

Was will uns das Zentralorgan damit eigentlich sagen? Nämlich das: Es ist doch genauso schlimm, wenn man für den Antisemitismus hetzt wie der Hofprediger Stöcker („der Mönch“) oder wenn die Fortschrittspartei  dagegen kämpft, hinter der die Juden stecken („der Rabbi“). Wir lassen diese Nähe zum Antisemitismus einfach mal wirken und sind nach den vielen ähnlichen Äußerungen des „Sozialdemokraten“ nicht weiter darüber verblüfft (vgl. „Der Sozialdemokrat“ will auch Öl ins Feuer gießen oder Wie antisemitisch waren die Sozialdemokraten im Kaiserreich?).

Den Führern der antisemitischen Bewegung wird mit der Verurteilung von Krawallmachern wohl bewußt, daß nicht allein ihre Wahlchancen schwinden, wenn sie mit den Folgen ihrer Hetze in Verbindung gebracht werden, sondern sie sich auch strafrechtlich in Schwierigkeiten bringen könnten. Von daher kommen nun vermehrt drei Techniken zum Einsatz, um in Sicherheit weiter zu hetzen, wie die „Berliner Wespen“ in einem Gedicht am 31. August 1881 aufzeigen:

  • Hofprediger Stöcker kombiniert doppelzüngig die Hetze mit Aufrufen zur Mäßigung
  • Chefredakteuer Emil Pindter von der offiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ schiebt die Schuld für die Pogrome den Juden selbst zu
  • Bernhard Förster, einer der Hauptorganisatoren der Antisemiten-Petition, räumt ein, daß es auch ein paar anständige Juden geben könnte, die nicht wie alle Juden sind.

Zum Hintergrund folgende Erklärungen:

  • „am Kripps kriegen“ bedeutet: an der Kehle greifen.
  • „Leindwandnepper“ ist ein antisemitischer Kampfbegriff, der jüdische Maler als Betrüger hinstellen soll.
  • Es gibt noch die, wie wir finden, sehr sinnvolle Einrichtung, daß die Gemeinde für Schäden aufzukommen hat, die durch mangelnden Schutz durch die Polizei zustandekommen.

Hier nun das Gedicht der „Berliner Wespen“:

Die Kunst ein persönlich sicherer Aufwiegler zu werden.

Einleitung.

Lieber Leser, willst Du hetzen,
Aber nicht mit den Gesetzen
Schlimm gerathen in Conflict,
Nun dann thu’ es recht geschickt.
Hetzen ist an jedem Ort .
Jetzt ein sehr beliebter Sport,
Der gewährt Dir viel Vergnügen,
Läßt Du nicht beim Kripps Dich kriegen.
Wenn man Dich jedoch erwischt,
Ist die Freud’ nicht ungemischt,
Während, wenn Du’s schlau beginnst,
Du Geschmack bald daran find’st,
Da dann — hurre, hopp, hopp, hopp —
Reinfällt nur der dumme Mob,
Welcher Abends auf den Gassen
Sich läßt von Gensdarmen fassen
In flagranti, wenn sein Stein
Fliegt in Isaaks Haus hinein,
Oder wenn er ungehindert
Jakobs Laden hat geplündert,
Oder wenn er halbtodt schon
Prügelte den Salomon.
Also lasse Du den Plebs
Abends heulen die Hepphepps,
Selber hetzend frisch und froh
Nach berühmten Mustern so,
Daß niemals die Staatsanwälte
Mit bekannter Eiseskälte
Dir nachweisen klar genug
Einen Landesfriedensbruch.
Zu dem Zweck lies ohne Weilen
Folgende gereimte Zeilen.

Wie es Stöcker macht.

Bürger, spricht er salbungsvoll,
Wenden wir uns ohne Groll
Wieder jetzt zu den Semiten,
Welche hier im Lande wüthen
Und uns tödten durch ihr Gift,
Ausgespritzt in Wort und Schrift.
Laßt uns streben Hand in Hand,
Sie zu drücken an die Wand,
Sie zu ducken, sie zu hindern,
Uns und unsern armen Kindern
Auszusaugen Mark und Blut,
Aber, Brüder, seid so gut:
Keine Hetze, Gott behüte!
Wenn Ihr haut, so haut in Güte,
Wenn Hepphepp! Ihr Abends brüllt,
Bitte, Brüder, thut es mild;
Wie die Christen, sind nicht minder
Die Semiten Gottes Kinder,
Drum, das bitte dringend ich:
Hetzt Ihr, so hetzt brüderlich;
Wenn nun mal geschimpft sein soll,
Nun, so thut es rücksichtsvoll.
Freilich, wenn die jüd’schen Villen
Sich mit Kostbarkeiten füllen,
So ist es nicht Eure Schuld,
Wenn Euch reißet die Geduld.
Brüder, kommt es ’mal so weit,
(Und es ist die höchste Zeit,)
Dann, ich bitt’ in Gottes Namen,
Stürmt in Nächstenliebe! Amen!

Wie es Pindter macht.

Juden, schreibt er officiös, .
Jetzt treibt, Ihr es doch zu bös.
Nimmer hab’ ich Euch befehdet,
Immer Euch das Wort geredet,
Aber jetzt habt selbst Ihr mitten-
durch das Tuch des Tischs geschnitten.
Was ich in den letzten Nommern
Meldete aus Hinterpommern,
Sah so aus, wie Judenhetz‘,
Das war liberal Geschwätz!
Nein, wir kamen jetzt dahinter
So fährt fort der liebe Pindter:
Was in Pommern ist passirt,
Ward von Juden inscenirt,
Ihr Semiten von Stettin
Selber habt Hepp Hepp geschrien,
Juden Ihr von Schievelbein
Schmißt die eignen Scheiben ein,
Wickeltet die eignen Lumpen
In dem Wirrwarr um die Pumpen,
Ihr zerschlugt die eignen Möbel
Zeternd dann: Das that der Pöbel!
Und warum Ihr das gethan?
Wenn Ihr’s wißt, so hört mich an:
Nämlich jede Stadt vergütet,
Wenn der Pöbel hat gewüthet,
Alles, was der hat zerstört.
Kaum nun habt Ihr das gehört,
So zerschlugt, Ihr Eure Sachen,
Bloß um ein Geschäft zu machen,
Denn die Stadt muß sie ersetzen —
Hei, wie wird Euch das ergetzen!
Doch dies einzuseh’n beginnt der
Staat, — so schließt der liebe Pindter, —
Er erkennt, wie frech und dreist
Eu’r verruchter Schachergeist
Nicht zurückschreckt vor Krawall,
Und er wird auf jeden Fall,
Zu zerreißen Eure Netze,
Euch einschränken durch Gesetze,
Notabene, wenn die Wahl
Ausfällt antiliberal.
Dieses wird er jeden Falles —
Deutschland, Deutschland über Alles!

Wie es Förster macht.

Meine Herren, die Semiten
Sind, das wissen wir, Banditen,
Doch ich habe auch gehört,
Ein’ge seien ehrenwerth,
Jeder ist ein arger Wicht,
Aber Mancher ist es nicht.
Jeder Jude hat Vermögen,
Weil er schlau und gar verwegen
Wucher trieb und auf die Waisen
Und auf Wittwen weiß zu reisen,
Doch ich kenne Manchen gut,
Der durchaus so was nicht thut.
Jeder Jude ist ein Knicker
Und ein schmutz’ger Nickeldrücker,
Doch auch Mancher scheint des Armen
Sich durch Wohlthat zu erbarmen.
Jeder Jude speculirt
An der Börse, ruinirt
Das Gewerk, ist Leinwandnepper,
Bauernfänger oder Schlepper,
Doch auch Manchen lernt’ ich kennen,
Und ich könnt’ den Namen nennen,
Der sich nicht bereichert hat
Lediglich durchs Kümmelblatt,
Auch nicht einbricht, oder stiehlt,
Sondern Besseres erzielt,
Als Gelehrter sich ernährt
Und ein ehrlich Brod verzehrt.
Ja, es giebt sogar noch Leute,
Die versichern, daß es heute
Gauner giebt in dieser Welt,
Die nicht beißen Veilchenfeld,
Oder Cohn und Salomon;
Und das mag beweisen schon,
Daß man manchen Gauner sieht,
Welcher grade nicht Semit,
Wenn auch wohl im Allgemeinen
Die Statistik jetzt im Reinen
Ist darüber, daß viel mehr
Christen ehrlich als Ebrä’r,
Während auch nicht zu bestreiten:
Etliche von unsern Leuten
Sind von dem und dem Verbrechen
Manchmal völlig frei zu sprechen.
Facit: Von zehn Juden pflegen
Neun zu kriegen ihr Vermögen
Durch Bankrott und Mogelei —
Einer nicht, vielleicht sind’s zwei.

Nachschrift.

Wer so hetzt, der macht’s gescheidt,
Hetzt in größter Sicherheit,
Während die verführten Dummen
Flugs nach Nummer Sicher kummen.

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