Europäischer Polizeibericht der Berliner Wespen

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Berliner Wespen, 31. August 1881

Seit längerer Zeit war nach den Urhebern der hinterpommerschen Tumulte eifrig, aber vergeblich gesucht worden. Schon war man nahe daran, die kostspieligen und zeitraubenden Bemühungen einzustellen, als es vor einigen Tagen einigen Herren in Berlin und anderen Städten gelang, die Gesuchten in ihren Spiegeln zu entdecken. Hoffentlich gelingt dies nun auch der Polizei. — Vor einigen Tagen hatte der Ton in der Publicistik das Malheur, fast gleichzeitig mehreren reactionairen Blättern in die Hände zu fallen und über und über mit Schutz bedeckt zu werden. Die Schutzwunden des von jenen Blättern so schwer in Obhut Genommenen sind äußerst bedenklich. — Am Tage des Kyffhäuserfestes [von antisemitischen Studenten] traf im Reichskanzleramt in Berlin ein Telegramm ein. Nach kurzem Erbrechen sank es unbeantwortet in den Papierkorb. — Als am 20. die Antifortschrittler im Borsigschen Saal versammelt waren, stellten sie einen Reichstagscandidaten auf. Kaum war dies geschehen, so blieb er auf der Stelle unbekannt. Alle seine Bemühungen, sich durch den Namen Meyer in das Bekanntsein zurückzurufen, blieben ohne Erfolg. — Vor einigen Tagen befand sich Henricinus auf einer Tribüne ganz allein, als er, wie gewöhnlich, mit dem Feuer spielte und bei dieser Gelegenheit Gambetta zum Juden stempelte. Wann wird man endlich sich entschließen, Lehrer und Hofprediger nicht ohne Aufsicht allein zu lassen?

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