Kantorowicz verurteilt

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Berliner Gerichtszeitung, 1. September 1881

Die vielbesprochene Sache Dr. Förster-Kantorowicz stand am Dienstag vor dem II. Schöffengerlcht des Amtsgerichts I zur gerichtlichen Entscheidung. Der Leser erinnert sich. daß die Lehrer Dr. Förster und Dr. Jungfer am 8. Nov. v. J. [8. November 1880] in einem Pferdebahnwagen auf der Strecke der Charlottenstraße nach der Behrenstraße ein lautes Gespräch über die Judenfrage führten und dabei Ausdrücke gebrauchten, durch die sich der in demselben Wagen befindliche Kaufmann Kantorowicz, ein Israelit, verletzt fühlte und sich beim Aussteigen an die beiden bereits genannten Fahrgäste mit den Worten wandte: „Sie sind ganz unverschämte Buben und verdienten eigentlich Ohrfeigen.“ Dr. Förster verließ mit seinem Kollegen ebenfalls den Wagen, und ersterer rief nach einem Schutzmann. Inzwischen geriet Kantorowicz mit dem Dr. Jungfer von neuem in einen Wortwechsel, während dessen letzterer äußerte: „Sie sind ja nur ein Jude!“ Hierauf schlug ersterer diesem ins Gesicht. Am folgenden Tage teilte Kantorowicz durch den „Börs.-Cour.“ mit, daß er dem Oberlehrer und Landwehr-Offizier Dr. Förster eine Ohrfeige gegeben und diesen Vorfall dem Regiments-Commandeur angezeigt habe. Auf die erfolgte Strafanzeige kam jetzt Kantorowicz unter die Anklage der wissentlichen und verleumderischen Beleidigung sowie der körperlichen Mißhandlung. Aus der Beweisaufnahme ging der bekannte Thatbestand des Vorfalls hervor. Der Gerichtshof erachtete den Angeklagten schuldig im Umfange der Anklage und erkannte trotz der warmen Verteidigung des Angeklagten durch Herrn Rechtsanwalt Munckel [2] auf eine Gesamtstrafe von einem Monat Gefängnis. Im Pferdebahnwagen habe Angeklagter Dr. Jungfer zuerst beleidigt, letzterer in gleichem Tone geantwortet. welche beiden Beleidigungen zu kompensieren waren. Dagegen konnte die Ohrfeige nicht kompensiert werden. In Bezug auf die Beleidigungen des Dr. Förster sei es zur Ueberzeugung des Gerichtshofes erwiesen, daß der Angeklagte mit Absicht die Ehre desselben in gemeiner und rachsüchtiger Welse öffentlich zu brandmarken gesucht habe, dafür sei die festgesetzte Strafe nicht zu hoch. Außerdem wurde dem Beleidigten die Befugnis zugesprochen, den Urteilstenor in sechs Zeitungen zu publizieren.

Fußnoten

[1] Die sogenannte „Kantorowicz-Affäre“ hatte ein parlamentarisches Nachspiel im Preußischen Abgeordnetenhaus bei der Debatte über die „Interpellation Hänel“ am 20. und 22. November 1880 (siehe: Rede von Eugen Richter). Eine Reaktion war auch die Veröffentlichung der „Notabeln-Erklärung“ am 12. November 1880.

[2] August Munckel (1837-1903), für die Deutsche Fortschrittspartei 1881 in Nachwahl für den 3. Berliner Wahlkreis in den Reichstag gewählt, nachdem Kurt von Saucken-Tarputschen, ebenfalls Deutsche Fortschrittspartei, auf das Mandat zugunsten des Mandats für Labiau-Wehlau in Ostpreußen verzichtet hatte.

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