Wahltermin steht fest: 27. Oktober 1881

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Neue Freie Presse, Wien, 2. September 1881

Endlich ist in Deutschland der Wahltermin, und zwar auf den 27. October festgesetzt worden. Die Wahlbewegung, welche insbesondere in liberalen Kreisen bisher an Lebhaftigkeit zu wünschen übrig ließ, wird nun in rascheren Fluß gerathen. Gestern hat in der Reichshauptstadt die Aufstellung der Wählerlisten für die Reichstagswahl ihren Anfang genommen. Wie es heißt, rechnet die polnische Fraction in Folge der neugewonnenen Sympathie der jüdischen Wähler auf bedeutende Wahlerfolge. Dieselben Hoffnungen machen sich die Socialisten durch den directen oder indirecten Einfluß der Antisemiten. Der Bundesrath wird Ende September einberufen werden; das Reichsamt des Innern bereitet eifrig das Material für die Berathungen vor. Der preußische Landtag soll Anfangs November zusammentreten. — Aus dem Artikel „Ziele und Pläne“ der officiösen „Provinzial-Correspondenz“ ist besonders der Schlußpassus bemerkentswerth, wo es heißt, daß der Reichskanzler seinerseits entschlossen sei, die Pflichten, welche dem Staate und der Gesellschaft und der gegenwärtigen wirthschaftlich-socialen Lage erwachsen, mit Ernst und Nachdruck zu erfüllen und, unabhängig von überlieferten Vorurtheilen und großgezogenen Irrthümern, die berechtigten Interessen der Arbeiter wahrzunehmen. — Der heutige Sedans-Tag wird ungeachtet der jüngsten unerquicklichen Discussionen über diese Nationalfeier, welche in Berlin von conservativer Seite zu Wahlzwecken im großen Style ausgebeutet werden soll, in allen deutschen Herzen gefeiert werden. Uebermorgen folgt in Sachsen das goldene Jubiläum der sächsischen Verfassung.

Vor einiger Zeit brachte die Norddeutsche Allgeineine Zeitung einen Artikel, worin die Conservativen direct aufgefordert wurden, sich der landwirthschaftlichen Vereine „als politische Handhabe“ für Wahlzwecke zu bedienen. Dadurch hat sich eine große Anzahl don Grundbesitzern veranlaßt gesehen, ihre Fachgenossen in den Vereinen zu ersuchen, einem solchen Bestreben entschieden entgegenzutreten. Die diesbezügliche uns bereits gestern telegraphisch angezeigte Erklärung constatirt diese Forderung des genannten Blattes, legt dagegen öffentlich Protest ein und fährt dann fort:

Der Versuch. den Plan der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung und ihrer Gönner zu verwirklichen, kann nur dahin führen, daß diejenigen, welche, wie die Unterzeichneten, weder die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, noch die Vereinigung die Steuer- und Wirthschaftsreformer als die Vertreter ihrer Anschauungen anerkennen und welche den conservativen Parteien nicht das Recht einräumen, sich als die alleinigen Vertreter der landwirthschaftlichen Interessen zu betrachten — dern Vorhaben entgegenwirken, und daß die landwirthschaftlichen Vereine durch den in dieselben hineingetragenen politischen Kampf in ihrer segensreichen Wirksamkeit gehindert und zerstört werden. Die Unterzeichneten fordern ihre Gesinnungsgenossen auf, überall da, wo der Versucht gemacht werden möchte, die landwirtschaftlichen Vereine zu Parteizwecken zu mißbrauchen, demselben entschieden entgegenzutreten.

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