Sedantag 1881

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Am 2. September wird der Sedantag in Deutschland begangen. Erinnert wird an den Sieg der verbündeten deutschen Truppen 1870 in der entscheidenden Schlacht von Sedan, bei der der französische Kaiser Napoleon III. gefangen genommen wird und kapituliert (der Krieg geht trotzdem noch fast ein Jahr weiter, weil die neu ausgerufene französische Republik weiterkämpfen möchte).

Von der Neuen Freien Presse in Wien werden die Liberalen in einem Bericht über die Feierlichkeiten für ihren Vorschlag kritisiert, die inoffizielle Nationalfeier auf einen nichtmilitärischen Tag zu verlegen, wie etwa den 18. Januar (Gründung des Deutschen Reiches 1871). Damit überlasse man den Feiertag den Konservativen und Antisemiten.

Hier der Bericht der Neuen Freien Presse vom 4. September 1881:

Berlin, 2. September. [Orig.-Corr.] (Der Sedantag. Gneist zur kirchenpolitischen Frage.) Ein starkes Gefühl der Erhebung erfüllt Jeden, dessen Muttersprache die deutsche ist, bei der Nennung dieses Datums. Nächst den zwei großen Tagen, welche die Niederwerfung des titanischen Corsen bezeichnen, ist der 2. September 1870 das mächtigste Ereigniß der neueren Völkergeschichte, welches von jenen noch die Frische der Erinnerung voraus hat. Was Wunder, daß bei der Wiederkehr dieses Tages, wo die Deutschen, fast vor sich selbst erschreckend, die Macht ihres geeinten Volksthums gewahr wurden, einem Jeden von ihnen die Erinnerung die Brust hebt, gerechter Stolz jeden Muskel schwellt! Wer den größten Theil des letzten Jahrzehnts in Deutschland verlebt hat, muß sich sagen, daß dieser Tag der Nation in der That ein Festtag ist, dessen Begehung dem innersten Gemüthe entspringt. Wie lange er es bleiben wird, das sollte nicht die Sorge der nächsten Zeitgenossen sein. Darum war es ein Fehlgriff, wenn auf liberaler Seite angeregt und in letzter Zeit eifrig dabingewirkt wurde, statt der Erinnerung jenes blutigen Tages einen andern, etwa den der Begründung des neuen Reiches, zum nationalen Festtage zu machen. Von dem höheren humanen Gesichtspunkte, dem diese Vorschläge entsprachen, gebührt ihnen alles Lob. Aber einmal ist — das darf ohne Mißgunst gesagt werden — das erste Jahrzehnt des neuen Reiches kein humanes gewesen, und sodann ist es auch menschlich gerecht, daß, so lange die meisten der Sieger van 1870 noch Zeugen ihres Werkes sind, sich auch das Festgedenken unmittelbar an jene gewaltigste Kundgebung des organisirten Volkskraft anknüpfe. Jene abweichenden Vorschläge haben den Feinden von Freiheit und Bildung nur wohlfeile Gelegenheit gegeben, den Tag für sich auszubeuten und sich als die alleinigen Vertreter der nationalen Idee breitzumachen, wie es heute Abends in Berlin geschieht, wo die Conservativen die größten Locale der Residenz gemiethet haben, um ihren Anhängern in allen Wahlkreisen gegen freies Entrée große Feste zu geben. Hetzredner, wie der frühere ultramontane Carlist und jetzige Conservative Cremer, haben den rednerischen Theil übernommen, und das sagt Alles. Während die Siege von 1870 von einem aufgeklärten Volke voll  idealen Schwunges gewonnen wurden, in welchem das Henrici-Element sich gar nicht an die Oberfläche wagte, weil es einer vernichtenden Verachtung anheimgefallen wäre, muß sich der fortgeschrittene gebildete Grundstock des deutschen Volles heute diese Sorte von Menschen als die Träger des nationalen Gedankens gefallen lassen. Die Liberalen in Berlin sind nicht ganz von dem Vorwurfe freizusprechen, daß sie ihren Gegnern den Sedantag als Monopol für die Wahlagitation überlassen haben. Die Presse freilich hat sich von diesem Mißbrauche freigehalten und feiert einstimmig, allem Parteizwist Schweigen gebietend, den Tag als Andenken der Wiedererstebung nationaler Größe. […]

Telegraphisch treffen am selben Tag auch noch folgende beiden Meldungen bei der Neuen Freien Presse ein:

Berlin, 3. September. Die Betheiligung an den gestern von den Conservativen in 20 großen Localen Berlins veranstalteten Festlichkeiten, denen man unentgeltlich beiwohnen konnte, war zahlreich. Die National-Zeitung [nationalliberal]bemerkt: „Auch im kaiserlichen Rom gaben die Candidaten für öffentliche Aemter Spiele („Circenses“). Unsere Conservativen versprechen auch trotz Kornzolles „Panem“. Wir stehen vielleicht am Anfange einer ganz neuen Entwicklung.“ […] Gegen den gestrigen Wahl-Appell der [offiziösen]Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, welche sich zur Aeußerung verstieg: „Wer die Regierung angreift, greift auch den Kaiser an“, protestirt der größte Theil der Presse. Die National-Zeitung nennt das Treiben ekelhaft, die „Germania“ [des Zentrums]eine Vergiftung des Volkes.

In ihrer Ausgabe vom 7. September 1881 kommentieren die „Berliner Wespen“ den Abstieg Deutschlands von 1870 bis 1881 in einem Gedicht. Angespielt wird auf den Berliner Textilhändler Rudolph Hertzog, einen der Hauptfinanciers der antisemitischen „Berliner Bewegung“ und zeitweise auch als Reichstagskandidaten im Gespräch.

Die Antisemiten und Konservativen versuchen 1881 in einem Bündnis die Deutsche Fortschrittspartei bei den Reichstagswahlen aus ihrer Hochburg Berlin herauszudrängen, und haben sich das Etikett „Antifortschritt“ zugelegt. Nicht allein mit Geld von Hertzog, sondern vermutlich auch aus dunklen Quellen der Regierung gibt es Freibier und werden Belustigungen abgehalten, um die Berliner zu locken:

Zwei Sedantage.

Am Tage von Sedan, der 11 Jahr ist vorbei,
Da wurden wir von einem Kaiser frei.
Nun — and’re Zeiten, andere Gestalten! —
Wie änderte der schöne Festtag sich:
Es ward daß Volk, das antifortschrittlich,
Von einem Hertzog frei — gehalten.

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