Patentausstellung der „Berliner Wespen“

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Berliner Wespen, 31. August 1881 

Unsere Patent-Ausstellung.

Dieselbe wird unter dem Patronat sämmtlicher Technologen der Berliner Wespen in kürzester Frist eröffnet werden und eine Anzahl der bemerkenswerthesten Erfindungen, Verbesserungen u. s. w. aufweisen, welche bis jetzt noch auf keiner anderweitigen Ausstellung dem Publicum vorgeführt worden sind. Bereits angemeldet sind: 

  1. Das künstlich kalte Canossahemd. Jeder Staatsmann, der nach Canossa zieht, fühlt das natürliche Bedürfniß, seine Wanderung der des Königs Heinrich IV. möglichst ähnlich zu machen. Mit dem härenen Gewand ist es hierbei nicht abgethan, sondernes gehört noch die strenge Kälte dazu. Um nun für den Fall, daß die Pilgerfahrt nach genanntem Ort in den Sommer fällt, eine in allen Stücken correcte Canossafahrt zu ermöglichen, construirte der Erfinder das (bereits patentirte) verbesserte Canossahemd. Dasselbe wird durch verdunstenden Aether dauernd kalt gehalten und erzeugt bei demjenigen, der es anhat, das täuschende Gefühl, als ob er sich zwischen dem 25. und 28. Januar 1077 befände. Der Erfolg einer mit solchem Hemd unternommenen Bußfahrt läßt natürlich an Vollständigkeit Nichts zu wünschen übrig.
  2. Gepolsterte Schaufenster. Die Vorgänge in Pommern haben bis zur Evidenz bewiesen, daß es für ein Ladenfenster, dessen Besitzer jüdisch, mit Juden verwandt, befreundet oder bekannt ist, kein ungeeigneteres Material giebt, als Glas. Die neuen Patentfenster bestehen aus einer weit widerstandsfähigeren Masse, nämlich aus einer doppelten Lage Segeltuch, welches mit dem besten Roßhaar gefüttert ist. Dieselben bieten den weiteren Vortheil, daß sie den Laden vollständig verfinstern, so daß etwaige antisemitische Eindringlinge, sobald sie auf den Besitzer losschlagen, einander selbst treffen und sich so gegenseitig unschädlich machen.
  3. Die officiöse Injurien-Maschine. Nur derjenige, der selbst längere Zeit hindurch in einer Reptil-Redaction gearbeitet hat, kennt die Noth, die sich des Officiösen bemächtigt, wenn er nach tausend Scheltwörtern, die er bereits verbraucht hat, noch das tausendundeinte erfinden soll. Da kommt ihm denn die neue Maschine zu Hülfe. Dieselbe enthält eine Menge von Klötzchen, welche wie die des Voß-Puzzle ver- schoben werden können. Jedes derselben trägt eine Aufschrift, welche einen Theil eines wirksamen Schimpfadjectivs bildet, wie: „nieder-„, „hunds-„, „-fläthig“, ,“trächtig“, „gemein“. Durch das Rücken der Klötzchen ergiebt sich mit spielender Leichtigkeit eine zahllose Menge neuer höchst verwendbarer Ausdrücke, welche den Bedarf selbst des größten Blattes bezeichneter Kategorie auf Jahre hinaus decken.
(Wird fortgesetzt.)
 
 
 
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