Drei Volksversammlungen am 5. September 1881 in Berlin

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 20. September 1881

— Am 5. September fand eine Wählerversammlung im 1. Berliner Wahlkreise statt, die außerordentlich zahlreich besucht war. Der Hauptredner war Ludwig Löwe [Deutsche Fortschrittspartei] und sein überaus beredter Vortrag fand stürmischen Beifall. War es doch auch Ludwig Löwe, der im Abgeordnetenhause in jener Debatte über die berüchtigte Petition die Sache seiner Glaubensgenossen auf’s Kräftigste führte. [1] Die Versammlung nahm mit allen gegen eine Stimme folgende Resolution an: „Die von etwa 4000 Personen besuchte Versammlung der liberalen Wähler des ersten Reichstagswahlkreises am 5. September 1881 spricht dem bisherigen Vertreter desselben, Herrn Abg. Ludwig Loewe, Dank und Anerkennung für seine Thätigkeit im Reichstage aus. Sie befindet sich in voller Uebereinstimmung mit den heute entwickelten Grundsätzen und proclamirt Herrn Ludwig Loewe zum alleinigen Candidaten aller Liberalen des 1. Wahlkreises für die bevorstehende Wahl zum deutschen Reichstage.“

— Am selben Abend hielt Henrici eine Versammlung der „Wähler deutscher Abstammung“ aus dem dritten Wahlkreise. Nachdem nämlich Henrici im zweiten Wahlkreise Herrn Stöcker weichen mußte, will er sich im dritten wählen lassen, wo die Conservativen den viel gewandelten Julius Schulze aufgestellt haben. Die Versammlung war äußerst tumultuös, Henrici mußte sich auf seine Phrasen die größten Grobheiten gefallen lassen, Ausschreitungen aller Art kamen vor, so daß Polizeimannschaft geholt werden mußte. In der dennoch fortgesetzten Versammlung war die Abstimmung durchaus zweifelhaft, und so mußte zuletzt zum Schluß, nach anderen Berichten zur Auflösung geschritten werden, ohne daß Henrici die Candidatur erhielt.

— „Die Stellung der Fortschrittspartei zu den Mängeln der neuen Justizgesetzgebung“, so lautet das Thema des Vortrags, welchen Herr Rechtsanwalt Kaufmann [2] am Montag Abend vor einer zahlreichen Versammlung von Wählern des IV. Reichstagswahlkreises hielt. Als zweiten großen Uebelstand im Strafverfahren bezeichnet der Redner das Anklagemonopol der Staatsanwaltschaft, und zwar um so mehr, als die Privatanklage ja nur bei Injurien und leichten Körperverletzungen zulässig sei. Es könne nun doch wohl vorkommen, daß auch ein hochgestellter Mann sich etwas zu Schulden kommen lasse, dabei aber doch kein Staatsanwalt, der ja eben nur Beamter sei, als Kläger auftrete. Naheliegende Beispiele für den beregten Uebelstand der Beschränkung der Privatklage biete die jetzige Judenhetze mit ihren traurigen Consequenzen. Es wäre wohl eine dankbare Ausgabe, solche Agitatoren gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen. In England und anderen Rechtsstaaten wäre eine solche Privatanklage allerdings möglich. Herr Stöcker lehnt zwar die Ausschreitungen der Judenhetze von sich ab, ja er beklagt sogar diese Ausschreitungen. Das heißt etwa so viel: „Schlagt den Juden todt, aber thut ihm nichts zu Leide“ (Heiterkeit) oder: „Werft ihn heraus, aber laßt ihn darin!“ [3]

 

Fußnoten

[1] Ludwig Löwe ergreift bei der Debatte über die Interpellation Hänel am 22. November 1880 das Wort im Preußischen Landtag und hält eine Rede auch bei einem Abtausch mit Adolf Stöcker am 11. Februar 1880.

[2] Vermutlich Gustav Kauffmann, der auch Emil Eppenstein gegen eine Klage von Bismarck verteidigt.

[3] Vgl. auch: … daß der Rabbi und der Mönch, “daß sie alle beide stinken”. (unten)

 

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