Rauchen erste Bürgerpflicht

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Bismarck macht wieder Druck ein Tabakmonopol in Deutschland einzuführen. Das soll das „Patrimonium der Enterbten“ sein, aus dem allerlei Wohltaten finanziert werden sollen, etwa eine Unfallversicherung oder eine Invaliditäts- und Altersversicherung. Natürlich zahlt der gerne zitierte „arme Mann“ damit die Zeche selbst. Dafür sollen aber auch als „Zukunftsmusik“ die direkten Steuern für die Bessergestellten gesenkt werden!

Die „Berliner Wespen“ loten die Folgen eines solchen Tabakmonopols aus. Wer sein großes Herz zeigen will, darf dann selbstredend nicht etwa nichtrauchend beiseite stehen, sondern muß der Losung „Bis pafft, qui cito pafft“ folgen (angelehnt an das lateinische Sprichwort: Bis dat, qui cito dat – doppelt gibt, wer schnell gibt).

Hier zwei Szenen aus dem aufziehenden staatssozialistischen Monopolstaat:

Berliner Wespen, 31. August 1881

Das Patrimonial-Rauchen.

Zeitungsausschnitte aus der Monopolzeit.

Neue Klagen dringen aus Oberschlesien zu uns. Es fehlt an Brod, an Heizung und Bekleidung, kurz die von der Calamität Betroffenen sind enterbter, denn je. Wir freuen uns mittheilen zu können, daß die Regierung, um dem Nothstand zu steuern, eine Vorlage betreffs Ein- führung des Zwangsrauchens für Minderjährige vorbereitet. 

Von zuverlässiger Seite wird uns der folgende rührende Zug gemeldet. Einer unserer reichsten Bonvivants, Nichtraucher, begegnete auf der Straße einem alten Bettler, der ihm sein Leid klagte. Der Lebemann wurde derart vom Mitleid übermannt, daß er sich auf der Stelle vornahm, sich das Rauchen anzugewöhnen, um das Monopolerträgniß und die Lage der Enterbten zu verbessern.

In der vergangenen Nacht hat abermals ein verheerender Brand im Osten der Stadt eine Anzahl Familien brodlos gemacht. Wir wenden uns an den oft bewährten Rauchsinn unserer Mitbürger mit der Bitte um Unterstützung. Bis pafft, qui cito pafft!

Berliner Wespen, 19. Oktober 1881

Die allgemeine Rauchpflicht.

(Nach Genehmigung des Tabaksmonopols einzuführen.)

Zur Erhöhung der Erträgnisse, welche der Staat aus dem Tabakconsum zieht, wird Folgendes bestimmt:

Jeder Deutsche ist rauchpflichtig und kann sich in Ausübung dieser Pflicht nicht vertreten lassen. Ausgenommen hiervon sind nur:

a) diejenigen, welche den ganzen Tag Tabak kauen oder schnupfen,
b) diejenigen, welche ihre Küchen- und Stubenöfen mit Monopolcigarren heizen.

Die Verpflichtung zum Rauchdienst bei der Pfeife, beziehungsweise bei der Cigarre beginnt mit dem elften Lebensjahr und dauert lebenslänglich. Während der ersten dreißig Jahre sind die Rauchmannschaften zum ununterbrochenen Paffen verpflichtet; die Benutzung von Nicht-Rauchcoupées und das Betreten solcher Orte, an denen das Rauchen verboten ist, wird ihnen strengstens untersagt.

Eine besonders strenge Controle wird über diejenigen ausgeübt werden, welche sich in einer vom Staate abhängigen Stellung befinden. Namentlich werden diejenigen Beamten, welche in den Bureaustunden oder in Gegenwart eines höhern Vorgesetzten die Cigarre ausgehen lassen, zu exemplarischer Bestrafung herangezogen werden.

Den Schulvorständen wird anbefohlen, ein wachsames Auge auf den Raucheifer der Schüler zu haben, den Rauchsäumigen Nachhülfeunterricht im Vomblattrauchen zu ertheilen und fleißige Dampfer zu protegiren. Sextaner, welche den Dampf durch die Nase ziehen können, sollen mit Ueberspringung der Quinta direct nach Quarta versetzt werden. Abiturienten, die sich über eine genügende Fertigkeit im mündlichen Ringeblasen auszuweisen vermögen, sind vom schriftlichen Examen zu dispensiren.

Es wird eine besondere Rauchmedaille gestiftet werden für Solche, welche sich im Rauchdienst eine unheilbare Nikotinvergiftung zugezogen haben.

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