Nicht alle Geistlichen sind Hetzer

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An der Spitze der antisemitischen Bewegungen stehen eine Reihe protestantischer Geistlicher wie Stöcker, Diestelkamp und Hapke. Auch von katholischer Seite wird gegen die Juden geschürt, etwa in der dem Zentrum nahestehenden „Germania“. Oder es erklärt der soeben eingesetzte Bischof Korum von Trier, daß Juden und Ungläubige Bismarck in den Kulturkampf hingezogen hätten.

Michael Baumgarten (Quelle: Wikipedia)

Aber es gibt auch Geistliche, die sich gegen den Antisemitismus stellen. Wir wollen drei hervorheben: den protestantischen Professor der Theologie Michael Baumgarten, den Katholiken Ignaz von Döllinger, Präsident der Bayrischen Akademie der Wissenschaften und den freireligiösen Prediger Johannes Ronge.

Michael Baumgarten ist zugleich Reichstagsabgeordneter für die Deutsche Fortschrittspartei, deren Fraktion er dann verläßt, um sich schließlich den Nationalliberalen anzuschließen. Er tritt für die Trennung von Staat und Kirche ein und bekämpft innerhalb der Kirche die zunehmende Reaktion. 1881 veröffentlicht er das Buch Wider Herrn Hofprediger Stöcker – Eine christliche Stimme über die Judenfrage, in dem er den Adolph Stöcker scharf kritisiert. Eine Bekehrung der Juden zum Christentum könne nur durch vorbildliche Haltung zum Erfolg führen (eine Orientierung auf Bekehrung ist eher typisch für Nationalliberale, während die Fortschrittler, oft freireligiös ausgerichtet und teilweise atheistisch, üblicherweise keine solche Ambitionen hegen).

Ignaz von Döllinger steht den Altkatholiken nahe, ohne ihnen anzugehören. Die Altkatholiken haben 1870 sich von der katholischen Kirche nach dem Unfehlbarkeitsdogma des Papstes gelöst. Am 25. Juli 1881 hält Döllinger in der Bayrischen Akademie der Wissenschaften die Rede Die Juden in Europa, in der er die Verfolungen der Juden insbesondere durch die Kirche historisch darstellt und gegen den Antisemitismus Partei ergreift.

Aus einer altkatholischen Richtung kommt auch der aus der katholischen Kirche exkommunizierte Johannes Ronge, schon 1848 demokratisches Mitglied des Frankfurter Vorparlaments. Er sucht später eine Annäherung zu dissidentischen Protestanten und auch dem Reformjudentum. Anfang 1881 greift er die Antisemiten mit Schriften an wie:

Am 6. September 1881 gibt die Allgemeine Zeitung des Judenthums einen Brief Michael Baumgartens an Ignaz von Döllinger nach der (nationalliberalen) „National-Zeitung“ wieder:

Prof. Dr. theol. M. Baumgarten an Dr. von Döllinger. 

Der Prof. und Dr. der Theologie, Reichstagsabgeordneter Baumgarten, von dessen Broschüre gegen Stöckcr wir jüngst in diesem Bl. eine Besprechung gaben, hat, wie die „Nat.-Ztg.“ berichtet, folgendes Schreiben an Döllinger gerichtet:

Hochverehrter Herr Präsident!

Es giebt jetzt nicht Vieles, daz einem Deutschen Freude macht. Dieses seltene Glück ward mir zu Theil, als ich jüngst in Interlaken Ihre Rede über die Juden las. Jetzt, aus der Schweiz zurückgekehrt, kann ich nicht unterlassen, Ihnen meine hohe Freude und Dankbarkeit über Ihr höchst zeitgemäßes und verdienstliches Wort vom 25. Juli öffentlich auszusprechen.

Es ist ein goldenes Wort, mit dem Sie Ihren Vortrag einleiten: „in unseren Tagen darf die Wissenschaft nicht sich selbstgenügsam vom großen Markt des Lebens fern halten, vielmehr hat sie die stärksten Gründe, sich mit ihren besten Früchten an der Lösung der unserer Zeit und Nation gestellten Aufgaben zu betheiligen“. Möchten nur die Männer der hohen Jntelligenz unter uns diese Ihre ernste Mahnung und Ihr herrliches Beispiel besser, als es einstweilen der Fall ist, beherzigen! 

Sie haben die jetzt brennende Judenfrage bei ihrer Wurzel angefaßt, indem Sie den Schatz Ihrer geschichtlichen Gelehrsamkeit aufgethan, um mit thatsächlicher und urkundlicher Vorführung der mittelalterigen Gräuel, mit denen die Kirche und vor Allem ihre geistlichen Führer und Berather sich an dem Judenvolke versündigt haben, sich an das christliche Gewissen zu wenden. Denn so lange die Kirche sich nicht durch öffentliche Buße von jenen durch die Jahrhunderte sich fortsetzenden öffentlichen Sünden losgesagt, bleibt sie kraft unverbrüchlicher Gottesordnung solidarisch unter den Bann jener Schuld verhaftet. Diese Sühne ist bisher nicht erfolgt; auch die Reformation hat sie nicht geleistet. So ist es denn kein Wunder, daß das, was jetzt in Rußland und in Pommern geschieht, sich als die korrekte Uebersetzung aus dem Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert darstellt. Dann aber giebt es für die christlichen Geistlichen jeder Konfession keine dringendere Pflicht, als das Versäumte nunmehr nachzuholen und durch strenge Verurtheilung jener sündigen Vergangenheit endlich dem wilden Feuer Einhalt zu thun. Mit Recht haben Sie daher Ihre Verwunderung ausgesprochen über das, was gegenwärtig in der Hauptstadt des deutschen Reiches geschieht. Es ist ein sehr trauriges Symptom heilloser Verwirrung in der deutschen Kaiserstadt, daß ein evangelischer Hofprediger sich mit einer unglaublichen und eines Theologen ganz unwürdigen Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit in seiner Eigenschaft „als Geistlicher“ in die Judenverfolgung hineingestürzt und damit einen großen Anhang gefunden hat. Jeder ernstlich Denkende hat es vorhergesehen, Viele haben es vorausgesagt, daß wenn ein Hofprediger sich an der bekannten schmachvollen Antisemiten-Petition betheiligt und dieselbe mit seinem Namen unterschreibt, dann naturgemäß die selbstsüchtigen Leidenschaften der Masse gegen die Juden entfesselt werden würden. Obgleich nun jetzt die betrübenden, das junge deutsche Reich tief erschütternden Folgen zu Tage treten, erkennt jener vor allen anderen verantwortlichste intellectuelle Urheber der Judenverfolgung noch immer nicht seine Schuld, sondern im Gegentheil in dem Wahn, mit einigen Redensarten die wider ihn erhobenen Anklagen vernichten zu können, setzt derselbe sein agitatorisches Treiben fort und die Berliner Geistlichkeit beharrt dieser das Christenthnin lästerlich kompromittirenden Agitation gegenüber in unverantwortlichem Verstummen!

Es ist ein wahrer Segen, daß Sie, hochverehrter Herr Doktor, ale berufener und anerkannter katholischer Theologe ersten Ranges in dieser großen und ernsten Sache Ihren Mund aufgethan haben.  

Gestatten Sie mir nur die dringende Bitte, daß Sie Ihre am 25. Juli gehaltene Rede als Monographie ausgeben und so allgemein zugänglich machen mögen, damit die gewichtigen Thatsachen, welche Sie an’s Licht gestellt haben, in weiteren Kreisen bekannt werden und dadurch jenem unwissenden wüsten Treiben ein mannhafter und christlicher Ernst mit steigendem Nachdruck Einhalt gebieten möge.

Wolle Gott Sie noch lange unter uns frisch und tapfer erhalten zum Heil der deutschen Christenheit!

In verehrungsvoller Ergebenheit
Rostock, 16. August 1881. M. Baumgarten.

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