Verwirrung um das Kaisertreffen

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Neue Freie Presse, Wien, 8. September 1881

Yacht Hohenzollern (Quelle: Wikipedia)

Berlin, 6. September. [Orig.-Corr.] (Die Kaiserbegegnung. Zu den Wahlen.) Die Danziger Kaiserbegegnung beschäftigt das Publicum in erster Linie; allein abgesehen von dem nunmehr, wie es scheint, feststehenden Ereignisse der Begegnung selbst, ist alles Andere in Dunkel gehüllt. Nachdem Admiral Stosch mit der Kaiser-Yacht „Hohenzollern“ bereits nach Danzig abgedampft ist, ist wol nicht anzunehmen, daß die Sache rückgängig gemacht werde. Sicher ist aber, daß dieselbe wider den Wunsch der Betheiligten zu früh ins Publicum gekommen ist. Es muß auffallen, daß alle Meldungen über den Ort der Begegnung so ostentativ von Danzig absehen und daß man Neufahrwasser als denselben bezeichnet — einen Ort, der höchstens für Lootsen und Fischer Unterkunft bietet. Es müssen polizeiliche Rücksichten delicatester Art hier eine möglichste Vermeidung des festen Landes geboten erscheinen lassen. Ueber die politische Auffassung der Begegnung, die sich ja nach der Meldung der Danziger Zeitung zu einem förmlichen Fürstencongreß gestalten würde, gehen die Betrachtungen der hiesigen Presse sehr weit auseinander, und es ist wol das Beste, von einer Wiedergabe derselben abzusehen, da sie ersichtlich alle ohne thatsächliche Anhaltspunkte sind. Nur so viel sei bemerkt, daß die in Wien zu Tage getretene Annahme, als handle es sich um eine Demonstration gegen Oesterreich, hier noch in keinem Blatte ausgesprochen wurde. Es verdient übrigens hervorgehoben zu werden, daß die Norddeutsche Allgemeine Zeitung der ganzen Angelegenheit, trotz des Aufsehens, welches dieselbe macht, heute mit keiner Sylbe erwähnt.

Zu den Wahlen liegt heute einmal die zündende Candidaten-Rede vor, welche der bisherige fortschrittliche Vertreter des ersten Berliner Wahlkreises, Ludwig Löwe, gestern unter großem Beifalle vor mehr als viertausend seiner Wähler gehalten hat. Der begabte Abgeordnete hatte den glänzendsten Erfolg, und das in einer Versammlung, zu welcher Jeden ohne Karte zuzulassen Löwe den kühnen Stolz gehabt hatte.  Er sprach schwungvoll und eindringlich. Sehr treffend schilderte Löwe die allgemeine Lage der Gemüther: „Die Ethik im Volke ist gesunken, die Eintracht zerstört, der Anstand im öffentlichen Leben dahin. Kann solche Politik bestehen? Sie ist wie eine Fata Morgana im Volksleben, welche bald wieder verschwinden wind. Eine Politik, bei welcher die niedrigsten und gemeinsten Instincte groß werden können, ist keine gute für die Volkswohlfahrt.“ — Herr v. Bennigsen [Führer der Nationalliberalen] ist nach Hannover zurückgekehrt, und nun erwartet man endlich regeres Leben im national-liberalen Lager. In Hannover haben sich nicht nur Centrum und Welfen, sondern auch der Fortschritt die Unthätigkeit der National-Liberalen sehr zunutze gemacht. Aber es scheint leider zu befürchten, daß auch im übrigen Reiche durch die Apathie and Zersplitterung der Liberalen schon sehr viel verloren ist. n. 

 

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