Ein Presseskandal?

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Wir lesen hier — wir geben es ja zu — viel zu selten das ef-magazin. Wenn wir es einmal tun oder wenigstens den Blog, dann fällt eigentlich immer sofort ein Artikel in die Tasten, zuletzt etwa: Freiwillig-gouvernementale Berichterstattung über Putin. Besonders ergiebig ist für uns dabei der eigentümliche Autor Axel B. C. Krauss, bei dem wir uns für seinen Beitrag  Presseskandal bei der „Welt“: Hetzpropaganda statt ausgewogener Information als Vorlage gerne einmal bedanken möchten.

Allein der behende Titel macht natürlich schon gespannt, wiewohl wir etwas verblüfft sind, daß ausgerechnet das ef-magazin auf Meinungsproporz pocht. Und der Artikel enttäuscht dann auch wirklich nicht. Es geht um nichts weniger als die Verhinderung des Dritten Weltkriegs und um gut ausgewogene, freiwillig-gouvernementale Berichterstattung für Putin.

Um es einmal vorweg zu sagen. Wir könnten uns ja noch vorstellen, daß jemand Putin als das kleinste Übel ansieht. Wollte man wirklich an seiner Stelle Schirinowski oder Sjuganow sehen? Uns fällt da auch nicht viel ein. Armes Rußland! Etwas wie das Rätselspiel: Wie bekommt man in Deutschland 1932 den Karren aus dem Dreck?

Ob wirklich, wie der Spiegel aufzudecken meint, gerade aktuell der Marsch in eine Diktatur vorgeht und sich das am Prozeß gegen Pussy Riot erweist, können wir nicht beurteilen. Wir würden nur fragen: Wozu? Putin hat die Sache doch so schon ganz gut im Griff. Kaiser Wilhelm II. hat ja seinerzeit auch seinem Cousin Zar Nikolaus II. empfohlen, ein bißchen Verfassung und Parlament wie in Deutschland zu machen, um kontrolliert Druck abzulassen. Hauptsache, das ändert nichts.

Doch nun auf zum Skandal!

Der Skandal, den Axel Krauss recherchiert hat, ist ein Artikel von Richard Herzinger bei „Die Welt“: Die Lüge vom russischen Antifaschismus. Die Kernaussage des Beitrags läßt sich schnell wiedergeben: Die Sowjetunion war kein Bollwerk gegen den Faschismus, sondern hat mit den Nationalsozialisten gut zusammengearbeitet. Und das heutige russische Regime sieht sich in Kontinuität mit der Sowjetunion, deren angeblichen Antifaschismus man reklamiert, um sich aufs moralisch hohe Roß zu setzen. Während man ansonsten jedes Pack deckt, wie Assad oder das iranische Regime.

Das Schlimmste, das wir über den Artikel von Herzinger sagen könnten, außer daß wir einige Punkte anzweifeln: Wir wußten ja gar nicht, daß es diesen Hitler-Stalin-Pakt gab, sensationell, das mal aufzudecken! Sich wie Putin in Kontinuität mit der Stalinschen Sowjetunion zu sehen, ist hingegen wirklich ominös, und so ist es aus unserer Sicht durchaus löblich, diesen nicht so bekannten Punkt herauszuarbeiten. Wir haben ja ähnliches auch schon mal in unserem Artikel Prominente Russen aufgespießt.

Was hat Herr Krauss nun daran auszusetzen? Für ihn ist das „gleich in mehrfacher Hinsicht ein journalistischer Skandal.“ Versiert wendet der Autor zum Beweis das rhetorische Mittel des „Tu Quoque“ an: Putin ist gar nicht schlimm, die anderen (Merkel, USA, etc.) sind genauso schlimm! Und dann schwingt er sich zu dieser Selbstbescheinigung auf, ein großer Durchschauer zu sein, die, nebenbei bemerkt, ihm auch einen Preis des PEN-Clubs der Bandwürmer in Aussicht bringt:

Allerdings bin ich aufgrund der in den letzten Jahren stark zunehmenden, erschreckenden (und mehrfach nachgewiesenen) massenmedialen Dauerlügnerei– nicht nur in der Kriegsberichterstattung, sondern gerade auch beim Thema Euro, des Vorlegens gefälschter Beweise, des „versehentlichen“ Einsatzes älterer Videos von ganz anderen Kriegsschauplätzen zur Stimmungsmache und Unterstützung aktueller Interventionspläne, des den deutschen Journalismus in den Schmutz tretenden und sich über alle journalistischen Standards großzügig hinwegsetzenden regelmäßigen Ignorierens sämtlicher Informationen, die von der, wie ich sie gerne nenne, „offiziellen Verschwörungstheorie“ abweichen, allerdings geneigt, diese Erklärungsversuche für weitaus solider und zutreffender zu halten als das mediale Sperrfeuer, dem nun Putins Russland und auch China doch nur deshalb ausgesetzt werden, weil sie sich gegen Washington stellen.

Aha.

Auch wenn wir nicht ganz sicher sind, ob Herzinger richtig liegt, daß die Unterstützung Assads durch Putin dem Wunsch entspringt, ein autokratisches Gegenmodell anzubieten, und wir uns auch vorstellen könnten, daß es einfach nur darum geht, etwas Weltmacht zu spielen und eine Gegenposition zu beziehen, verstehen wir die Kritik von Herrn Krauss nicht. Irgendwie scheint ihm nämlich das Argument abhanden gekommen zu sein. Ohne Umschweife geht er sogleich zur Verurteilung über:

Solche Äußerungen in einem angeblichen Qualitätsblatt, die man selbst unter Zudrücken beider Augen und bei größtmöglichem Wohlwollen definitiv nicht mehr als Naivität, wohlmeinende Unwissenheit oder vielleicht als mangelhafte Kenntnisse in Sachen Geopolitik durchgehen lassen kann, sind schlicht ein Skandal.

Wenn Herr Krauss das sagt, dann muß das wohl stimmen. Anstatt das Argument nachzuliefern, gibt es dann allerdings nur eine weitere Salve „Tu Quoques“: die anderen Staaten sind genauso schlimm, aber Rußland gleichzeitig dann wohl auch nicht, weil, das zu behaupten, ein Skandal ist.

Dabei hätte Herr Krauss doch nur den Artikel Herzingers lesen müssen. Da steht durchaus ein Grund, warum man Putin in die Nähe zu Stalin rücken kann, den man wenigstens mal widerlegen sollte:

Schon vor Jahren erklärte Putin, die großen Momente der russischen Geschichte hätten Vorrang vor der Erinnerung an die dunklen Kapitel, und Stalins Lager seien für die Entwicklung des Landes eine Notwendigkeit gewesen. Die wenigen Erinnerungs- und Aufarbeitungsstätten des sowjetischen Massenterrors sind im heutigen Russland kaum auffindbar.

Daran hält sich aber Axel Krauss nicht auf. Nachdem nicht ein einziges Argument vorgebracht wurde, warum der Artikel von Herzinger ein Skandal ist, platzt Herrn Krauss schließlich der Kragen vor Entrüstung:

Man sollte sich angesichts solcher Artikel nicht wundern, wenn Deutsche sich für ihr Land und ihre Presse schämen und irgendwann wahrscheinlich nur noch ausspucken, wenn ein Journalist an ihnen vorbeigeht. Die extreme Einseitigkeit und der politische Tunnelblick in den massiven Versuchen, die öffentliche Meinung unentwegt zu manipulieren, haben die Grenze zum Unerträglichen längst überschritten. Die stark fallenden Auflagen von Magazinen und Zeitungen haben zweifellos auch etwas mit der wirtschaftlichen Situation zu tun – allerdings auch mit der kontinuierlichen Missachtung journalistischer Ethik. Ich bin, soviel kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, beileibe nicht der einzige, der solche widerliche Propaganda und menschenverachtende Kriegshetzerei unendlich leid ist.

Die moralische Infantilisierung, die geistlose Simplifizierung und milchmädchenhafte Reduktion weltpolitischer Ereignisse auf Kinderbuchniveau, die massenmediale Dauerverblödung, wie sie gerade aus Herzingers Artikel sprechen, sollten schnellstmöglich ein Ende haben. Dafür müssen natürlich die Leser sorgen, indem sie ganz deutliche Signale geben, dass sie die Auftragslügnerei, die Verzerrungs- und Desinformationskampagnen keinen Tag länger schweigend hinzunehmen bereit sind. Denn es geht dabei um nicht weniger als das Risiko eines Dritten Weltkriegs. Das Maß ist voll.

Okay, was an dem Artikel von Herzinger „Kriegstreiberei“ ist, haben wir auch nicht erfahren, genauso wenig, wieso man ohne Umstände zum Dritten Weltkrieg springen oder „Auftragslügnerei, Verzerrungs- und Desinformationskampagnen“ diagnostizieren kann. Wer gibt hier wem denn die Aufträge zu einer Kampagne? Hat Herr Krauss Einblick, was Herr Herzinger hinter den Kulissen so macht? Wenn verrät er es uns nicht.

Doch beileibe, wir finden den Artikel des Herrn Krauss keinen Skandal, einfach nur unfreiwillig komisch in seiner Täppischkeit. Und wir freuen uns schon auf die nächste Vorlage von ihm.

Weiter so!

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