Die heilige Patrimonia

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Am 7. September 1881 karikieren die „Berliner Wespen“ die neue Wirtschaftspolitik von Kanzler Bismarck. Durch ein Tabakmonopol sollen angeblich Mittel für allerlei Wohltaten beigeschafft werden: eine Unfallversicherung, Invaliditäts- und Altersversorgung, Witwen- und Waisenrenten. Das Tabakmonopol solle ein „Patrimonium der Enterbten“ sein, gewissermaßen ein Eigentum, aus dem dies alles finanziert werden wird.

Allerdings rechnet die Fortschrittspartei vor, daß selbst bei optimistischen Annahmen, was die Einnahmen aus einem Tabakmonopol anlangt, nur 11 Pfennige pro Tag allein für eine Altersversorgung der Rentner (2 Millionen über 70 Jahre Alte von insgesamt 45 Millionen Bürgern) zusammenkommen würden. Eine Mark entspricht der Kaufkraft nach grob 10 Euro, womit das etwa 1,10 Euro am Tag heute entsprechen würde. Ein Industriearbeiter kann in der Zeit durchaus 700 oder auch 1000 Mark im Jahr verdienen, in den großen Städten auch mehr, also 2 bis 3 Mark am Tag.

Die heilige Patrimonia schüttet aus dem Füllhorn des Tabakmonopols Unfallversicherung, Invaliditäts- und Altersversorgung und links, etwas kleiner geraten, die Waisen- und Witwenrenten aus. Die himmlische Musik dazu machen oben links an der Laute Ludwig Windthorst, Führer der Zentrumspartei, die um die Zeit von Bismarck hofiert wird, und oben rechts zwei Engel, die die Erkennungsmelodie der Antisemiten „Deutschland, Deutschland über Alles“ singen. Rechts wirft der preußische Finanzminister Bitter Geld unter das Volk, denn  parallel zu den höheren indirekten Steuern auf Lebensmittel, sollen in Preußen die direkten Steuern auf die Einkommen gesenkt werden (die meisten zahlen keine Einkommenssteuer und höchstens die untere Stufe der Klassensteuer).

Die heilige Patrimonia.

Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein Jeder geht beschenkt nach Haus.

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