Schon wieder Hofprediger Stöcker

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 20. September 1881

Berlin, 8. Sept. (Privatmitth.) Die Zahmheit des Hofpredigers Stöcker hat nicht lange angedauert. Die offene Verurtheilung, die er jetzt von so vielen Seiten findet, scheint ihn sehr aufzuregen. Unter Anderm äußerte er in einer Versammlung antifortschrittlicher Wähler des 2. Reichstagswahlkreises am Sonnabend [3. September 1881] Folgendes: „Das innere Sedan, welches von uns vernichtet werden muß, liegt in der infamen, niederträchtigen, frivolen, nichtswürdigen Judenpresse, deren Redacteure viel schuldiger sind, als die verführten Leute von Neustettin und Hammerstein; aber wir werden mit solchen Burschen schon aufzuräumen wissen.“ Die [liberale] „Voss[ische]. Z[eitung].“ fügt hinzu: „Von den frivolen Redacteuren der Judenpresse wissen die verführten Opfer der Krawalle in Neustettin und a. a. O. nichts, wohl aber kennen sie die antisemitischen Brandreden der Herren Stöcker, Henrici, Ruppel u. s. w. Wir stimmen aber mit Herrn Stöcker vollkommen überein. Aufgeräumt muß mit den intellectuellen Urhebern der Judenhetze werden. Sie gehören in’s Zuchthaus, ob mit ob ohne Talar.“ — Die judenfeindlichen Blätter fahren übrigens fort, das Unmögliche betreffs der Excesse in Pommern und Westpreußen zu leisten, worin sich die [antisemitische] „Staatsbürger-Zeitung“ und nach ihr die [dem Zentrum nahestehende] „Germania“ auszeichnet. Nach ihnen sind die Berichte zu einem Theile erlogen, und die Vorgänge waren harmloser Natur; zum anderen Theile waren die Juden die provocirenden. Es ist dies sehr natürlich; theils wollen diese Blätter die Schuld der intellectuellen Urheber, zu denen sie in so hohem Maße gehören, vermindern; theils wünschen sie, daß etwas mehr geschehen wäre, so etwas mittelalterliches, faust- und feudalrechtliches Todtschlagen und Verbrennen — dies hätte ihnen, den Freunden des Mittelalters und des Faust- und Feudalrechtes, besser gefallen und wäre doch der Mühe werth gewesen!

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