Zwei Berichte aus Konstantinopel

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 27. September 1881

Konstantinopel, 2. Sept. („Arch. isr.“) Man kann sich nicht enthalten, wenn man die Berichte über die Feindseligkeiten, denen unsere Glaubensgenossen in Deutschland und Rußland ausgesetzt sind, liest, die Toleranz zu bewundern, mit welcher die Juden in der Türkei behandelt werden; dieses Land des äußersten Despotismus, das man seit einiger Zeit so gerne schmähet, könnte Deutschland Lehren der Duldsamkeit und Menschenfreundlichkeit geben. Die Israeliten genießen jetzt im ottomanischen Reiche alle bürgerlichen Rechte, es giebt selbst Glaubensgenossen, welche in der Verwaltung sehr hervorragende Stellungen einnehmen, die bisjetzt als die Apannage der Muselmänner betrachtet wurden. Einer unserer Glaubensgenossen, sicher der ausgezeichnetste unter den israelitischen Beamten, Daoud Effendi, ist der erste Uebersetzer des kaiserlichen Divan und hat den Grad eines Ula Sinif Evel, was einem Minister ohne Portefeuille gleichkommt; ein anderer, Bohor Effendi (Eskunasi) ihm gleich im Alter und fast auch im Wissen, befindet sich an der Spitze der Präfektur von Konstantinopel; in ganz letzter Zeit ist er auch  zum Ula und zu gleicher Zeit zum Sinif Sani gemacht worden. Dies ist der nützlichste Beamte, den wir haben; er ist immer auf der Bresche, jedesmal wenn es israelitische Interessen zu vertheidigen giebt. Ich könnte sicherlich noch viele andere.und ebenso gut placirte nennen, wie Nahmias Bey, Inspector der Finanzen und Adjunkt des Musteschars dieses Departements, Jakob Effendi, Capu Kicaya von Egypten und seines Bruders Mandolino Effendi, Groß Referendar des Käïmacan, Offizier des Medschidja-Ordens.

Konstantinopel, 12. Sept. Ueber eine bereits von uns in vor. Nr. aus; London kurz referirte Angelegenheit wird ausführlicher aus Konstantinopel gemeldet, daß das Projekt der Ansiedlung der aus Rußland vertriebenen Juden in Syrien dort mit großem Ernste und mit großem Eifer betrieben wird. Man ist bereits an die Pforte mit der Forderung um ein Stück Land für den gedachten Zweck herangetreten. Um die Ansiedelung zu ermuthigen, sollen Straßen und Eisenbahnen angelegt und die neuen Kolonien längs der Eisenbahnstationen situirt werden. Das Projekt wurde von Deutschen und Engländern angeregt, welche vermöge ihres Einflusses und ihrer finanziellen Kraft wohl in der Lage sind, das Unternehmen auszuführen und die überdies sich bereit erklärt haben, den eventuellen Nutzen der betreffenden Straßen- und Eisenbahn-Anlagen, insofern derselbe die Kosten der Kolonisation übersteigen sollte, der Regierung zu cediren. Der Ministerrath hat das Projekt bereits in Berathung gezogen und da es stets ein traditioneller Zug der türkischen Politik war, die Juden in Schutz zu nehmen, so ist es nicht unmöglich, daß der Plan die kaiserliche Sanktion erhalten und damit seiner Realisirung nahegeführt werden wird. 

 

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