Verletzte Gefühle: Wut, Unduldsamkeit und Haß

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Wie kann man eigentlich Gefühle verletzen? Allein die Ausdrucksweise ist schon seltsam. Gefühle sind doch keine lebenden Wesen, die man verletzen könnte.

Man kann vielleicht denjenigen verletzen, der die Gefühle hat. Aber das ist einfach eine Körperverletzung. Wozu die Gefühle vorschieben? Oder man könnte jemanden daran hindern, die Gefühle zu fühlen. Man beschallt ihn etwa mit lauter Musik, während er gerne die Stille genießen will. Doch auch das ist einfach eine Beschränkung seiner Freiheit, zu der man nicht die Gefühle als Ankläger heranziehen muß. Es wäre ja genau dasselbe, wenn er auf diese Weise an intensivem Nachdenken gehindert würde.

Nein, das ist alles nicht, was gemeint ist, wenn jemand seine Gefühle verletzt sieht.

Was ist es dann?

Ein Beispiel möge das erläutern: A ist unsterblich in B verliebt. A empfindet ein sehr intensives und schönes Gefühl. Und damit dieses Gefühl sich voll ausleben kann, muß A glauben, daß B das verdient hat, und hat die Erwartung, daß jeder andere es genauso sehen muß.

Nun tritt C hinzu und schaut sich von außen die Situation an. Liebe macht blind, und A hat hier wohl etwas übersehen: B hat diese Anhimmelung einfach nicht verdient. Und das erscheint C so offensichtlich wie A das Gegenteil. (Da dies eine konstruierte, aber, wie jeder wohl schon einmal erlebt hat, nicht unrealistische Konstellation ist, kann man die schäbigsten Eigenschaften des B einfügen, um sicher zu gehen, daß C recht hat.)

Nehmen wir an, daß die Meinung von C auch für die meisten anderen offensichtlich ist, für jeden, der von außen draufschaut. Nun sagt C zu A, was er sieht. Oder C sagt es vielleicht nicht direkt, sondern macht es nur bekannt, sodaß A auf anderem Wege darauf kommt.

Wie A von der Sicht von C erfährt, tritt nun wahrscheinlich ein Gefühl der Wut auf. Jemand möchte A das schöne Gefühl kaputtmachen. Und A würde wohl etwas zu C von der Art sagen wie: „Du hast meine Gefühle verletzt!“

Was soll das nun bedeuten? Die intensiv gefühlte Liebe wurde gar nicht verletzt. Wenn die Sicht von C falsch wäre, ließe sie sich mit einem Gegenargument ausräumen. Aber wir nehmen an, daß sie wahr ist für jeden, der sich die Lage unvoreingenommen ansieht, sodaß A das nicht leisten kann.

Und genau daher kommt die Wut: A bekommt gezeigt, daß man B auch anders sehen könnte und mit gutem Grund. Vielleicht, aber das ist nicht notwendig, hatte A bereits im Innersten des Herzens eigene Zweifel oder diese kommen erst an dieser Stelle auf. Die Furcht, das intensive Gefühl als unberechtigt erkennen zu können und es zu verlieren, ruft die Wut hervor. Und sie geht zusammen mit einem Gefühl der Machtlosigkeit, weil eben keine einfachen Argumente die Sache aus der Welt schaffen können. Doch, wie angenommen, hat C gute Gründe, B anders als A zu sehen, so gute, daß A eigentlich auch anerkennen muß, daß etwas dransein könnte.

Nun beharrt aber C auf seiner Sicht. A steht damit vor einer Entscheidung: Sich auf die Sicht von C einzulassen und zu riskieren, das intensive Gefühl zu verlieren, oder die Sicht von C aus der Welt zu schaffen. Aus der Welt geschafft werden müßte sie, weil so nur die Herausforderung durch die Sicht von C verschwindet und sich die Sicht von A auf B zusammenhalten läßt. Damit wäre die Sicht von C zwar nicht wirklich verschwunden, aber man würde nicht mehr daran erinnert. Und es ergäbe sich der Schein eines Konsenses, der besser mit der Illusion von Wahrheit zusammenpaßt: es gibt nur die Sicht von A.

Auf der privaten Ebene käme es an der Stelle vermutlich zum Abbruch der Beziehungen. Aber vielleicht läßt sich die Sicht von C so doch nicht beseitigen. C muß seine Sicht ja nicht direkt sagen, sondern sie könnte einfach im Raum stehen. In A kommt nun das Gefühl der Unduldsamkeit auf. C muß mindestens mundtot gemacht, demselben die Möglichkeit abgeschnitten werden, seine Sicht auch nur anderen mitzuteilen. Und am besten wäre es, wenn C dazu gezwungen würde, seine Sicht öffentlich zu widerrufen.

C spielt aber immer noch nicht mit. Nun tritt das dritte Gefühl auf: blinder Haß. Jemand, der soetwas tut, daran festhält und nicht seine Sicht widerruft, der muß ein böser Mensch sein und gegen den ist Wut und Unduldsamkeit berechtigt. Womit wir die drei Gefühle beisammen hätten, die A antreiben und die sich wie die wirklich verletzten aufführen.

Worum es geht: A stellt den Anspruch, daß die eigene Sicht, richtig sein muß, weil A das selbst braucht (und sonst vielleicht von Zweifeln angefressen wird). Dazu ist es unerträglich, daß C eine andere Sicht hat. A erhebt den Anspruch, daß alle auf die eigene Sicht verpflichtet werden. Und wer nicht mitspielt, wird dafür bestraft, so lange bis er seine Sicht nicht mehr äußert oder besser noch widerruft. Ruhe ist erst dann, wenn A seine Macht durchgesetzt hat, anderen die eigene Sicht aufzuzwingen.

Nur: Wut, Unduldsamkeit und Haß sind keine schützenswerten Gefühle, genauso wenig wie der Anspruch zu würdigen wäre, anderen die eigene Sicht aufzuzwingen. Gefühle, die wirklich Respekt verdient haben, stehen darüber und brauchen überhaupt nicht einen derartigen Schutz. Ein paar einfache Gegenargumente würden völlig genügen.

Die Übertragung auf „religiöse Gefühle“ stellen wir als Übungsaufgabe für den Leser.

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