Was soll das Kaisertreffen eigentlich?

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Berliner Gerichtszeitung, 10. September 1881

Die Kaiserbegegnung in Danzig. — Das Ereignis des Tages bildet die Zusammenkunft des Kaisers Wilhelm mit dem Kaiser Alexander III. in der westpreußischen Hauptstadt; die ganz vor kurzem wie ein Gerücht auftauchende, von offiziöser Seite halb und halb dementierte in Aussicht gestellte Thatsache ist gestern bereits zur Wahrheit geworden, und sowohl die Urplötzlichkeit der Entrevue als auch der Umstand, daß Fürst Bismarck sich ebenfalls nach Danzig begeben, wo er bereits am Spätnachmittag des Donnerstags eintraf, sowie daß sich in der Begleitung des Zaren Graf Ignatieff befindet, macht das Ereignis zum Brennpunkt politischer Konjektur. Daß man beflissen gewesen, die Absicht der Zusammenkunft möglichst geheim zu halten, liegt sicher nicht in den vorzunehmenden Abmachungen, sondern wohl nur in den traurigen russischen Zuständen, welche der Nihilismus für die Sicherheit der Person des Zaren geschaffen hat. 

Die Presse beschäftigte sich natürlich bereits vorher mit der Bedeutung des möglich eintretenden Falles, und ein Blatt schrieb: Durch die Anwesenheit des Fürsten Bisrnarck und des Grafen Ignatieff gewinnt die Begegnung der beiden Kaiser einen hochbedeutsamen politischen Charakter, und dürfte dieselbe auch ein kleiner Fingerzeig für Paris sein, wo man in der letzten Zeit in gewissen Kreisen wieder etwas stark in Chauvinismus gearbeitet hat! — Mit nichten! sagte ein anderes, die Reise hat gar keine Politische, sondern nur die Bedeutung einer Höflichkeitsbezeugung; es liegt dem Zaren daran, dem treuesten Freunde seines gemordeten Vaters, dem greisen Herrscher, der noch vor zwei Jahren nach Alexandrowo gegangen war, um seine Freundschaft für Rußland zu bezeugen, die Hand zu drücken. — Doch, doch ist die Reise von poltischer Bedeutung! sagte ein Wiener Journal; sie ist, wenn nicht geradezu gefährlich, doch jedenfalls bedenklich. für das erst kürzlich in Gastein neugefestigte deutsch-österreichische Bündnis. Es ist genugsam bekannt, daß „der schwarze Fuchs,“ Herr Ignatieff, auf der Balkan-Halbinsel und an der Donau uns ins Gehege zu kommen und uns zu schädigen trachtet. Er hat die Entrevue nur ange- stiftet, um die Pläne, mit denen er sich für die Zukunft trägt, zu verbergen. — Ihr geht zu weit in euren Befürchtungen, sagte dagegen das „Wiener Tagblatt“; unsere, Freundschaft zu Deutschland ist nicht im  mindesten gefährdet. Auffällig allerdings die Heimlichkeit und Plötzlichkeit, mit welcher die Zarenreise ins Werk gesetzt wird. — Was ist daran Auffälliges? entgegnete ein Berliner Blatt. Wir sind gewöhnt an Ueberraschungen aus und über Rußland. „Ueber die Ortsveränderungen des Zaren hört man regelmäßig erst, wenn sie vollzogen sind.“ Der Zar ist nach Gatschina übergesiedelt, er ist in Moskau, in Nischnei-Nowgorod, — er ist in Peterhof angekommen, -— alles das hörte man, ohne daß eine Andeutung von den Entschlüssen und Vorbereitungen vorangegangen war. Etwas von dem heimlichen und Sensationellen, was den wilden Unternehmungen der russischen Verschwörer anhaftet, ist auf die Gewohnheiten des russischen Hofes übergegangen. Vor zwei Jahren galt es, die Spannung zu beseitigen, welche zwischen Rußland und Deutschland eingetreten war, und durch die Zusammenkunft in Alexandrowo ward sie beseitigt. Heut handelt es sich vermutlich nicht um politische Mißhelligkeit; denn — „die Bezeihungen zwischen Deutschland und Rußland sind in diesem Augenblicke vollständig ungetrübt. Schon daß der Zar jetzt die Zusammenkunft aussucht, weist darauf hin, daß er sich im imstande erachtet, beruhigende Zusagen über die Richtung seiner Politik zu geben. Sie kann daher nur das Vertrauen in die ungestörte Fortdauer guter Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland-Oesterreich erhöhen.“ — Leider, — wird vielleicht mancher Leser mit dem Rundschauer ausrufen, — sind diese Beziehungen fast zu gut, fast zu herzlich, namentlich was das Verhältnis Deutschlands und vor allem Preußens zu Rußland betrifft. Es könnte gar nicht schaden, wenn wir etwas weniger freundlich gegen den östlichen Nachbar wären, etwas weniger Rücksichten nähmen auf seine „berechtigte persönliche Empfindlichkeit“. Es wäre dringend zu wünschen,  daß unser Kanzler zum russischen einmal ein recht ernstes Wort spräche, damit endlich, endlich den Klagen Abhilfe geschafft würde, welche die Handelskammern, Industriellen und Bauern der preußischen Grenzprovinzen seit langen Jahren gegen Rußland erheben. Aber auch diesrnal, so vermuten wir, wird von den Forderungen der Bevölkerung keine Rede sein.

Aus diesen Aeußerungen der verschiedenen Blätter geht genugsarn hervor, daß der Zweck der Begegnung der beiden Monarchen dem Auge des beobachtenden Politikers bisher verborgen blieb, und daß bestimmte Verhältnisse nicht vorliegen, aus denen man in jener Beziehung auf einen gemeinsamen und bestimmten Schluß gelangen könne. Vielleicht bringt der Telegraph während der nächsten vier- undzwanzig Stunden ausreichende Enthüllungen, und wenn dies nicht der Fall wäre, so wissen wir doch, daß es in der europäischen Politik nicht für lange noch Geheimnisse giebt, und es wird auch bezüglich der Abmachungen in Danzig in naher Zelt nicht an den nötigen Aufklärungen für die Oeffentlichkeit fehlen. Wie sich aber auch alles gestalte, die Zusammenkunft der beiden Souveräne, sei es nun, daß die lnitiative dazu von deutscher, sei es, daß dieselbe von russischer Seite ausgegangen, wird als eine weitere.Gewähr für, die Aufrechterhaltung des Friedens zu begrüßen sein. 

Siehe auch: Verwirrung um das Kaisertreffen

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