Militär schreitet gegen Pogrom in Stolp ein

Dieser Artikel wurde 4463 mal gelesen.

Berliner Gerichtszeitung, 8. September 1881

— Judenkrawall. Auch Stolp hat seinen Judenkrawall. gehabt. Die „Danz. Ztg.“ schreibt u. a. darüber: Trotz der vielfachen Mahnungen seitens der Behörden und der Presse ist es in Stolp doch wieder zu einem argen antisemitischen Skandal gekommen. Schon um 8 Uhr waren 800 bis 1000 Menschen auf dem Markte versammelt, die Menge wuchs schließlich immer mehr, bis zu 2000 an. Von vornherein schien die Sache diesmal eine drohende Gestalt annehmen zu wollen. Am Nachmittag war bereits vom Magistrat die Bewohnerschaft aufgefordert worden, die Kinder am Abend nicht aus dem Hause zu lassen. Die Polizei hielt sich anfangs sehr reserviert, um nicht den Zorn des Pöbels heraufzubeschwören. Hin und wieder hörte man am Markt und in der Neuthorstraße „Hep! Hep!“ „Juden raus!“ schreien. Als drei Gendarrnen um 9 ¼ Uhr erschienen, wurde der Lärm schon größer. Immer häufiger und lauter hörte man jene Rufe ertönen. Plötzlich krachten die ersten Hiebe gegen die Jalousien eines Ladens an der Südostseite des Marktes. Wenige Augenblicke darauf erschien das Militär vor dem Rathause mit blanker Waffe. Als nach dreimal wiederholter Aufforderung seitens des Herrn Oberst-Lieutenants v. Krause die Menge nicht weichen wollte, ging das Militär scharf vor. Mehrfach wurden Verwundungen zugefügt und Verhaftungen vorgenommen. Demnächst besetzten die Massen die Nebenstraßen, wurden jedoch immer vom Militär zurückgedrängt. Vor dem Destillations- und Schanklokal von Nathan Blau in der Langenstraße war schon vordem ein Auflauf gewesen, wobei fortwährend „Juden raus!“ „Blau raus!“ und „Hep! Hep!“ geschrien wurde. Auch dort ging es nicht ohne Blutvergießen ab, da, weil trotz wiederholter Aufforderung der Platz nicht geräumt wurde, scharf eingehauen wurde. Unter anderen ist eine Frau nicht unbedeutend verletzt worden. Während nun aber die Husaren patrouillierend eine Straße durchzogen, wurde in den andern Straßen getobt. Die Wut des Pöbels wurde allerdings noch dadurch gesteigert, daß aus einigen Häusern, die von Juden bewohnt werden, Steine auf die Straße unter die Menge.geworfen und Wasser aus den Fenstern gegossen wurde. Im ganzen sind gegen dreißig Personen verhaftet worden, und circa zehn Verwundungen teils leichter. teils schwerer Art mögen vorgekommen sein. Diejenigen Verhafteten, welche verwundet sind, wurden vorläufig ins Stadtlazarett untergebracht. Gegen 11 Uhr wurde es wieder ruhiger auf den Straßen; aber immer wieder noch sah sich die Polizei genötigt, zum Nachhausegehen aufzufordern: Die Gendarrnen, Husaren und Polizeibeamten blieben bis lange nach Mitternacht auf den Straßen.

Mehr zum Thema „Antisemitismus“ bei Libera Media (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

Deutschtum%20und%20Judentum%20klein%202

Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Geschichte, Polizei, Preußen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar