Auch mal Sozialdemokraten gegen die Antisemiten

Dieser Artikel wurde 2395 mal gelesen.

Die Antisemiten bestehen aus zwei unterschiedlichen Richtungen: Einerseits sind das diejenigen, die sich wie der Hofprediger Stöcker den Konservativen zurechnen, dabei aber stärker den Staatssozialismus akzentuieren und so Arbeiter ansprechen möchten. Sie sind damit Verläufer des deutschnationalen Antisemitismus in der Weimarer Zeit.

Auf der anderen Seite stehen Antisemiten wie Ernst Henrici, der Buchdruckereibesitzer Julius Ruppel oder die ehemaligen Sozialdemokraten Körner und Finn, die den Konservativen ablehnend gegenüberstehen und stattdessen demokratische und sozialistische Wähler ansprechen möchten mit einem stärker oppositionellen Programm. Sie sehen natürlich richtig, daß das Wählerpotential der Konservativen in Berlin nie zu einem Sieg reichen würde.

Religiöser Antisemitismus verfängt in Berlin auch nur wenig, sodaß man es mit betontem Rassenantisemitismus versucht. Ebenso neigt man mehr zu einer sozialistischen Ausrichtung und nicht nur einer sozialreformerischen. Aufgrund des rüden Auftretens werden diese Antisemiten auch als Radauantisemiten bezeichnet. Sie stellen die Vorläufer der nächsten Welle des Antisemitismus in Deutschland in den 1890er Jahren dar mit Protagonisten wie Otto Böckel oder Hermann Ahlwardt, und noch später dann der Nationalsozialisten. Schon 1881 sind die Forderungen ähnlich unverblümt und rabiat.

Allerdings kommen die Radauantisemiten mit ihrer Ausrichtung unweigerlich in besonders scharfen Konflikt mit den Sozialdemokraten, die ihr Terrain verteidigen (aber nicht unbedingt die Juden). Von den Sozialdemokraten haben sich die Antisemiten ihre Arbeitsweise mit Kapern und Störung von Veranstaltungen der Gegner abgeschaut. Doch das haben die Sozialdemokraten schon seit den 1860ern gegenüber der Fortschrittspartei geübt (inklusive Wahlkampf 1881) und so treffen die Antisemiten nun auf ihre Meister.

Die Versammlung am 10. September 1881, über die unten berichtet wird, hat in der sozialdemokratischen Historiographie eine geradezu gigantische Dimension angenommen. Das ist umso verständlicher, als sie eine der wenigen ist, wo die Sozialdemokraten die Antisemiten auch wegen ihrer Inhalte angreifen. Zumeist geht es eher um parteipolitische Revierkämpfe. Die Partei schafft es nicht — anders als die Fortschrittspartei — die Inhalte der Antisemiten konsequent zurückzuweisen.

Wie wir an anderer Stelle aufgezeigt haben, ist die Linie der Sozialdemokratischen Partei sogar recht dubios, mit teilweise offenem Kokettieren mit dem Antisemitismus. Die Äußerungen des Zigarrenarbeiters Stahl unten scheinen auch eher seiner Initiative und der Berliner Sozialdemokraten zu entspringen. Ihm ist nämlich wohl nicht klar, daß der „Arbeiterkandidat“ (Codewort unter dem Sozialistengesetz für „Sozialdemokrat“) Wilhelm Hasenclever 1881 selbst in Antisemitismus macht.

Wie die vorsichtige Ausdrucksweise der Fortschrittspartei gegenüber zeigt, sind vermutlich auch zahlreich fortschrittliche Arbeiter anwesend (ja, nicht alle Arbeiter waren Sozialdemokraten!). Das gilt auch für andere Veranstaltungen, die von sozialdemokratischer Seite gerne für sich verbucht werden, wie etwa der am 11. Januar 1881 in den Berliner Reichshallen. Die Parteilinie der Sozialdemokraten ist aggressiv gegen jede Annäherung an die Fortschrittspartei oder die süddeutschen Demokraten der Volkspartei gerichtet, die als der Hauptfeind erscheinen.

Unsere Erklärung: In Berlin definiert die Fortschrittspartei die demokratische Position als eine entschiedene Ablehnung des Antisemitismus. Da sich die Sozialdemokraten selbst als besonders konsequente Demokraten sehen, werden sie hier einfach von den Fortschrittlern mitgezogen. Die Technik, die Veranstaltung über Bürowahl zu kapern und zu einer Wahlpropaganda für die Partei umzugestalten, ist aber wieder typisch sozialdemokratisch.

Hier nun die Berichte:

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 27. September 1881

— Sobald die Antisemiten aus dem engeren Kreise treten, den sie sich durch ihre eifrige und gewissenlose Agitation geschaffen, erweist ihnen das Volk, daß es nichts mit ihnen gemein habe. Dies erfuhr auch Ruppel am 10. d. Abends, als er eine Versammlung „aller antifortschrittlichen Wähler des 6. Wahlkreises“ veranstallet hatte, in welcher ungefähr 1000 Personen erschienen. Es versteht sich, daß, wie bei allen solchen Versammlungen, pro Person 10 Pf. Entreé bezahlt werden mußte, was immerhin für die Veranstalter eine erkleckliche Summe abwirft. Es waren meist Arbeiter erschienen, und zuerst mußte Ruppel, durch die Versammlung gezwungen, eine Bureauwahl vornehmen lassen, die zum ersten Vorsitzenden einen Knopfmacher August Schulze, zum zweiten einen Cigarrenarbeiter Stahl machte. Nach der Ankündigung wollte Ruppel einen Vortrag über „Sozialdemokratie und Staatssozialismus“ halten. Es kostete aber den Vorsitzenden große Mühe, um die Versammlung zu bestimmen, Ruppel anzuhören, der seine Rede ablas. Sie bestand aus einer Reihe von Sätzen, die wenig Sinn und Zusammenhang hatten. Er wurde alle Augenblicke durch Tumult oder durch beißende satyrische Rufe unterbrochen. Einmal hieß es z. B.: „Erzählen Sie das Ihren antisemitischen Hausknechten, aber nicht gereiften Arbeiter!“ Unter Anderem äußerte Ruppel: „Prüfen Sie die sozial-reformatorischen Pläne des Fürsten Bismarck, und Sie werden finden, daß dieselben mit den Vorschlägen Lassalle’s übereinstimmen.“ Zuletzt mußte er doch aufhören. Hierauf nahm Stahl das Wort. Er sagte u. A.: „Herr Ruppel hat noch obendrein die Dreistigkeit, uns zu sagen, daß er nicht gekommen, um um unsere Stimmen zu werben. Wenn er das nicht beabsichtigt, dann scheint noch etwas ganz Anderes dahinter zu stecken. (Rufe: Die Groschen! Stürmische Heiterkeit, Beifall und Lärm.) M. H., ich bin Familienvater und kann deshalb nicht deutlicher sprechen; Sie werden mich. aber verstehen. Ich habe nicht die Groschen, die Herr Ruppel eingeheimst, im Auge, denn der heutige Abend war — gestehen wir es offen — einen Groschen werth. (Rufe: det reene Theater!) Herrn Ruppels Spekulation ist eine noch ganz andere. Herr Ruppel bezichtigte die Fortschrittspartei, daß sie den Arbeitern die politischen Freiheiten vorenthalte: was jedoch Herr Ruppel und seine Partei unter Freiheit versteht, kann ich Ihnen am besten sagen, denn ich bin Jude. (Stürmischer, nicht endenwollender Beifall und Hochrufe auf; Stahl.) Trotzdem ich Jude bin, gebe ich weder einem Fortschrittler, noch einem Liberalen, am allerwenigsten aber. Herrn Ruppel meine Stimme. (Stürmischer Beifall.) Ich erkläre es frei heraus: Ich wähle den Arbeitercandidaten Hasenclever. (Beifallssturm.) Zuletzt sprach ein Schuhmachermeister Schuhmann und schloß: „Herr Ruppel ist weder Fortschrittler noch Socialist, sondern einfach ein Schmarotzer, und noch ein Mal ein Schmarotzer.“ Der Tumult wuchs hier so an, daß der beaufsichtigende Polizei-Offizier die Versammlung für aufgelöst erklärte.  

 

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 4. August 1881

— Der Cigarrenarbeiter Stahl, dessen wir in vor. Nr. erwähnt haben, ist wegen seiner Aeußerungen als Socialdemokrat aus Berlin ausgewiesen worden. 

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Deutsche Fortschrittspartei, Geschichte, Sozialdemokratie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.