Genossen schaffen keine Genossenschaften

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Bericht der Freisinnigen Zeitung vom 1. Juli 1892:

Schwarze Wäsche wurde in einer auf Dienstag Nachmittag einberufenen Versammlung zur Besprechung der Mißstände in der sozialdemokratischen Berliner Genossenschaftsbäckerei gewaschen.

Der Vorsitzende der Genossenschaftsbäckerei, Herr Casper, wollte vor Beginn der Beratung einen Beschluß herbeiführen, daß die Zeitungsberichterstatter durch Handschlag sich verpflichten sollten, keine „unwahren“ Berichte zu liefern. Die Versammlung zeigte sich aber nicht gewillt, diesem Antrage, der in Wirklichkeit nur die Verhinderung zu wahrheitsgetreuer Berichte bezweckt, zuzustimmen, sondern zollte den Gegenausführungen eines Herrn Wiesemann Beifall, welcher erklärte, die bürgerliche Presse bringe die Berichte über sozialdemokratische Versammlungen in der Regel richtiger und objektiver als der sozialdemokratische „Vorwärts“.

Die darauf folgenden Auseinandersetzungen gaben ein recht erbauliches Bild von der „Eintracht“ innerhalb der Sozialdemokraten. Schimpfworte flogen hüben und drüben, und fast wäre es zu Tätlichkeiten gekommen. Der Lärm wurde so groß, daß einmal der überwachende Polizeileutnant die Vertagung anordnen mußte.

Die Stimmung der Versammlung richtete sich sichtlich gegen die Leiter der Bäckerei, den Vorsitzenden Casper und den Kassirer Lazarus, welche ihrerseits die Schuld für die Mißwirtschaft auf die schlechten Arbeiter schoben. Dem Stadtverordneten Zubeil wurde unter stürmischen Pfuirufen sein Ausspruch vorgehalten, daß, wenn die hiesigen Arbeiter kein gutes Brod backen könnten, so würde er einfach tüchtige Arbeiter aus Holland verschreiben.

Den Anschuldigungen gegen den Vorstand wurden von Herrn Pfeifer neue hinzugefügt; derselbe suchte nachzuweisen, daß der Vorstand absolut unfähig sei, die Geschäfte der Bäckerei-Genossenschaft zu leiten, und brachte eine ganze Reihe persönlicher Beschuldigungen schwerster Art gegen Lazarus vor, ebenso später gegen den Geschäftsführer Casper. Als er erklärte, Casper sei schon einmal wegen Lebensmittelfälschung bestraft und ein zweiter Prozeß in einer gleichen Sache schwebe noch gegen ihn, revanchirte sich dieser mit dem Gegenruf Lump, auf den hin ein förmlicher Aufruhr entstand.

Verschiedene Arbeiter schlossen sich den Angriffen auf die Bäckereileitung an. Kassirer Lazarus erwiderte mit persönlichen Enthüllungen über Pfeifer. Geschäftsführer Casper bringt zu seiner Entschuldigung wiederum vor, daß mit den Genossenschafts-Arbeitern kein Auskommen sei. Die Bäcker sollten sich nicht so sehr aufs hohe Pferd setzen, denn nicht sie, sondern die Berliner Arbeiter hätten die Bäckerei-Genossenschaft gegründet.

Stadtverordneter Zubeil erwähnte besonders eklatante Fälle der herrschenden Mißwirtschaft. Er erzählte, daß an einer der Genossenschaft gehörenden Wage, mit welcher das Brot abgewogen wird, die Zunge abgebrochen sei; dadurch sei das Gewicht der Brode von 3 3/4 auf 3 1/4 Pfund gesunken. Das Brod aus der Genossenschafts-Bäckerei sei häufig, so noch in den letzten Tagen, ungenießbar gewesen. Daß diese und so viele andere Mißstände vorkämen, könne die Leitung der Genossenschaft niemals verantworten. Bezüglich der Anklagen, die schon in der vorigen Versammlung gegen ihn erhoben wurden, daß er einen unfähigen Arbeiter aus der Bäckerei gejagt habe, erklärt er, daß er — die Versammlung könne sagen was sie wolle — in ähnlichen Fällen stets ebenso handeln würde. Zum Schlusse forderte er die in der Genossenschaft beschäftigten Bäckergesellen auf, jede unwürdige Behandlung seitens des Vorstandes unverzüglich dem Aufsichtsrat zu melden. — Die Ausführungen Zubeils sowohl wie die des Geschäftsführers Casper und des Kassirers Lazarus wurden von der Versammlung mit eisiger Ruhe aufgenommen, nur zuweilen wurden sie von Protestrufen unterbrochen. — Stadtverordneter Zubeil bemerkte noch, die Nachricht, daß die Genossenschaft mit einem Defizit arbeite, habe ihren Kredit an der Börse bedenklich erschüttert. Zu einem Beschlusse kam es in der Versammlung nicht.

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