Niemals früher ist in Deutschland mehr gelogen worden

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Wie die Neue Freie Presse in Wien am 14. September 1881 berichtet, nimmt der berühmte Pathologe Rudolf Virchow die Kandidatur für die Deutsche Fortschrittspartei im 2. Berliner Wahlkreis an. Ihm gegenüber steht der antisemitische Hofprediger Adolph Stöcker. (Im ersten Satz muß es wohl richtiger lauten: „an den Vorsitzenden des Wahlcomités der Fortschrittspartei im zweiten Berliner Wahlkreise“):

Professor Virchow, der eine Reise in den Orient antritt, hat an den Vorsitzenden des Berliner Wahlkreises der Fortschrittspartei im zweiten Berliner Wahlcomité ein Schreiben gerichtet, worin er sich zur Annahme eines Mandats für den Reichstag bereit erklärt. In diesem Schreiben ist folgender Satz enthalten: „Niemals früher ist in Deutschland mehr gelogen worden; niemals wurden die schlechten Leidenschaften so nachhaltig und so systematisch für Parteizwecke aufgerührt, niemals die Begierde der Massen durch persönliche Anreize so erregt und durch die Vorspiegelung unmöglicher Ziele gesteigert. Aber ich denke, der Berliner Wähler wird vermöge des politischen Verständnisses, welches er bei so vielen Gelegenheiten bewährt hat, auch diesen Versuchungen widerstehen. Er wird begreifen, daß das letzte Ziel derselben doch nur das ist, das Volk in neue Fesseln zu legen. der freien Entwicklung, dem freien Erwerbe des Einzelnen neue Schranken zu ziehen, den Staat überhaupt für Sonderzwecke auszubeuten.“

Berliner Wespen, 21. Dezember 1881

Rudolf Virchow seziert das Reptilienblatt „Provinzial-Correspondenz“, hinter dem der preußische Innenminister Robert Viktor von Puttkamer steht:

 

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