Antisemitischer Käse

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Neue Freie Presse, Wien, 10. September 1881

Berlin, 8. September. (Vom conservativen Kriegsschauplatze.) Die Anhänger Henrici’s aus dem dritten Wahlkreise waren am Mittwoch Abend im Concerthause Sanssouci versammelt, und zwar in einer Stärke von 500 bis 600 Mann. Die vom Schuhmacher Kühn geleitete Versammlung verlief ruhig und im bis auf Einen Punkt durchaus nichts Interessantes, denn Schriftsteller Wald sprach über die Frage: „Was mir von unseren Abgeordneten wollen?“ Und daß man von einem Abgeordneten politische Festigkeit, Charakterstärke, Uneigennützigkeit und Patriotismus verlangen muß, ist so bekannt, daß es nicht erst gesagt werden braucht. Indessen ließ Herr Wald es sich beikommen, die Führer der Fortschrittspartei, Richter, Löwe, Träger, Virchow, in einer Weise persönlich zu besprechen, die schon deßhalb der Mittheilung werth ist, weil sie zeigt, wie überaus wenig die Gegner trotz des eifrigsten Suchens an jenen Männern Tadelnswerthes finden. Zu dieser persönlichen Abschlachtung hielt der Redner sich berechtigt, weil die Berliner Zeitung an demselben Tage in einem Leitartikel die anti-fortschrittlichen Gegner Revue passiren ließ. „Ich will jetzt an den Fortschrittlern Revanche nehmen.“ begann er dieses Thema, „der Stern der Fortschrittspartei ist Eugen Richter.“ „Nimm, Eugen, diesen Kuß zum Pfande, daß dich Mathilde nicht vergißt“ — so sagt ein altes Volkslied. Ich kenne den Dichter nicht, aber wenn er Eugen Richter gemeint haben sollte, dann möchte ich einmal die Mathilde gehen, die dem einen Kuß gibt — es wird wol eine Sarah gewesen sein. (Beifall.) Richter war früher Assessor — wär er’s noch, es wäre besser. Warum spricht Richter denn immer, wenn der Kanzler gesprochen hat? Weil er sich populär machen will, denn nichts macht populärer, als wenn man einen populären Mann angreift. Einst saß ich  in einem Restaurant. neben mir saß ein Mann, der etwas stark soupirt hatte, der verlangte zum Schluß nach etwas Käse. Auf die Frage des Kellners nach der Sorte, wählte er „Rochefort“ (er wußte nämlich nicht, daß es „Roquefort“ heißt) und beklagte sich hinterher bei mir, daß es doch recht geschmacklos wäre, einer Käsesorte den Namen des berühmten Revolutionärs zu geben. Da kam mir ein Gedanke. Das wäre ein probates Mittel für Richter, um populär zu werden: wenn er einen Fabrikanten fände, der mit ihm einen Fromage fabricirte und diesen „Eugen Richter“ nennen würde. Wie ungeheuer populär könnte er werden. Es kostet ihn ein Jeder, ein Jeder hat Eugen Richter im Munde, am andern Tage hat sich ein Jeder an Eugen Richter den Magen verdorben.“ (Stürmischer Beifall und ein vereinzeltes „Pfui!“) „Albert Träger“ — so fuhr der Redner fort — „ist der Hausdichter der „Gartenlaube“, mit ihm will ich mich nicht weiter befassen, ich könnte sonst durch ein Gedicht meuchlings ermordet werden. Virchow hat die Trichinen erfunden und die Pfahlbauten entdeckt. Er baut auch Pfahlbauten, denn diese werden auf morastigem Grunde erbaut, und die Fortschrittspartei ist ja nur ein Morast. Da ist noch der Löwe, das soll ein Jude sein, was ich nicht als besonderen Vorzug erkenne. (Beifall.) Der Löwe ist der König der Thiere, er soll aber nebenbei auch noch Fabrikant sein, und das Geklapper seiner Fabrik stört des Nachts die ganze Nachbarschaft. Er selbst aber stört mit seinem Geklapper das ganze Land. (Wüthender Beifall.) Mehr und Schlechteres wußte Redner über die Führer der Fortschrittspartei nicht zu sagen, so kam er nach einigen weiteren Redensarten zum Schluß. An der Debatte betheiligte sich zunächst der bekannte Knönagel, der im ersten Wahlkreise wohnt, und dann der Redacteur Wasinski, der ein wenig gegen das „Conservative Central-Wahlcomité“ zu Felde zog, gegen „das ominöse C.-C.-C.“. wie er sich ausdrückte, welches nicht dulden will, daß die Judenfrage besprochen werde. Damit schloß die Versammlung. (B. J. Bl.)

Wir müssen gestehen, daß uns die Idee des Herrn Schriftstellers Wald durchaus zusagt, ein Produkt nach Eugen Richter zu benennen. Wir würden uns allerdings für ein gutes Bier verwenden, allein schon für Richters zähen Kampf gegen die Biersteuer. Wie sagte er noch so schön am 23. März 1895:

Bange machen gilt nicht! Und wenn die Biersteuer wieder ihr Haupt erheben wird, so hoffe ich, daß sie dann ebenso glänzend auf den Kopf geschlagen wird wie bisher.

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Siehe auch: Als Bismarck das Bier verleumdete

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