Werden wir alle Zwerge und Deppen?

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Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es sieht nicht danach aus, als wenn die durchschnittliche Größe von Menschen sinken würde. Ganz im Gegenteil. Deutsche Soldaten, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts geboren wurden, maßen gerade einmal 1,63 Meter im Mittel (Engländer und Amerikaner waren 9 und 7 Zentimeter größer). Heutige Deutsche sind mit 1,78 Metern im Mittel 15 Zentimeter größer, und weniger als 3% sind kleiner als der durchschnittliche (aber gegenüber der Bevölkerung vermutlich eher etwas größere) Soldat seinerzeit. Das ist wohl für niemanden eine Neuigkeit.

Das schließt sich auch keineswegs damit aus, daß die Körpergröße stark erblich bestimmt ist und sich aus der Größe der Eltern vorhersagen läßt. Erblichkeit bedeutet nicht, daß sich unter unterschiedlichen Bedingungen dieselben Ergebnisse einstellen müßten. Unter ähnlichen Bedingungen kann der erbliche Anteil im Vordergrund stehen (womit eine hohe Erblichkeit festgestellt würde), während sich unter unterschiedlichen Bedingungen massive Unterschiede einstellen, die weit über dem liegen, was innerhalb einer Bevölkerung unter ähnlichen Bedingungen vorkommt. Wie gesagt: Wenn es um Körpergröße geht, verblüfft das wohl niemanden.

Aber wenn es um Intelligenz geht, wenigstens soweit man sie etwas hastig mit dem IQ gleichsetzt, scheint das ganz anders zu sein.

Hier ist die Faktenlage eigentlich nach unserem Dafürhalten sehr ähnlich. Unter ähnlichen Bedingungen dominiert der erbliche Anteil, während unter unähnlichen Bedingungen sehr große Abweichungen vorkommen, die durchaus größer als die Unterschiede innerhalb einer Bevölkerung bei ähnlichen Bedingungen sein können. Es ist nicht schwer, die beiden Teile zusammenzubringen. Der erbliche Anteil stellt ein Potential dar, das sich unter unterschiedlichen Bedingungen unterschiedlich ausprägen kann. Je nachdem wie man draufschaut, ist der erbliche Anteil überwiegend oder der der „Umwelt“ (wobei unklar ist, welcher Teil davon es ist, es käme ja sogar eine Entwicklung des Potentials aufgrund des Verhaltens der betreffenden Person in Frage, also nicht etwa von etwas Äußerem).

Der Sachverhalt, den wir so skizziert haben und der uns gut empirisch gestützt zu sein scheint, bereitet einigen, wenigstens bei der Intelligenz, Probleme, auch wenn er uns nicht sehr kompliziert oder auch nur bemerkenswert vorkommt. Das konnten wir unlängst bei einem Artikel sehen, in dem wir die Argumente von Ron Unz referierten und kommentierten (vgl. Führt ein höherer IQ zu mehr Wohlstand oder umgekehrt?). In den Kommentaren entspann sich eine längere Diskussion, aus der wir den einen Punkt eines eigenen Artikels würdig hielten. Wir möchten diesen Punkt den „Dysgenischen Trugschluß“ nennen.

Eugenik ist, ganz zurecht, heute aus der Mode geraten. In der Zwischenkriegszeit war sie hingegen ein weit geteilter Konsens, und man erschrickt, welche ansonsten durchaus gescheiten Leute eugenische Argumente, ja sogar die daraus gefolgerten politischen Maßnahmen vertreten haben (vgl. das sehr lesenswerte Buch „The Morbid Age“ von Richard Overy).

Aus der Mode geraten ist die Eugenik durch die Nationalsozialisten. Hätten diese die eugenischen Argumente nicht mit der Ermordung von Millionen Menschen in Verbindung gebracht, bzw. bei der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ auch ganz wörtlich auf die Spitze getrieben, würden wir vermuten, daß wir uns heute noch großflächig damit herumschlagen müßten. Denn für stimmig scheinen viele die Prämissen und Schlüsse zu halten, auch wenn nur noch wenige bereit wären, die Konsequenzen ohne Rücksicht zu ziehen, etwas was David Stove in seinem Buch „Darwinian Fairytales“ das „Soft Man Argument“ nennt (im Gegensatz zum „Hard Man Argument“ etwa der Nationalsozialisten).

Bevor wir nun jemanden dazu verleiten, sich zum harten Mann zu wandeln, würden wir gerne schon bemerken, daß die eugenischen Argumente bei näherem Hinsehen eine Menge von Trugschlüssen und unbegründeten Behauptungen darstellen.

Eine der zentralen Behauptungen geht etwa so:

Früher (ohne daß sich jemand festlegen würde wann!) gab es den harten Kampf ums Dasein, bei dem jede Schwäche von der Natur unbarmherzig ausgemerzt wurde. Unsere Vorfahren (im Zweifelsfall irgendwelche Urmenschen) waren kleiner als wir. Nur durch diesen harten Selektionsdruck sind wir so groß geworden, wie wir es jetzt sind. Früher waren die Menschen dümmer, nur so sind sie intelligenter geworden. Die Kleinen oder die Dummen wurden ausgemerzt (oder doch wenigstens häufiger als die anderen). Das ist ein unerbittliches Naturgesetz.

Und nun kommt der „Dysgenische Trugschluß“: Aber in der modernen Gesellschaft macht es gar keinen so großen Unterschied mehr, der unerbittliche Selektionsdruck ist ge- oder gleich ganz verschwunden: Dumme und Kleine können sich deshalb stärker vermehren als früher (wann auch immer). Und deshalb droht eine Menschheit von Zwergen und Deppen (nebenbei bemerkt: wir schauen nicht auf kleinere oder weniger intelligente Menschen herunter und benutzen diese uncharmanten Begriffe nur der knapperen Ausdrucksweise wegen, als wenn wir die Gegenposition verträten und hier ein Problem sähen).

Wenn man das nicht will, muß entweder durch Propaganda oder im Zweifelsfall politisch durch staatliche Maßnahmen gegengesteuert werden, um den fehlenden Selektionsdruck zu ersetzen. Daß die Nationalsozialisten wohl auch mit der Gefahr einer sinkenden Körpergröße gerechnet haben, kann man etwa an gestaffelten Mindestgrößen für Bewerber zur SS von 1,65 bis 1,85 Metern erkennen (heute eher alles unterdurchschnittlich bis leicht überdurchschnittlich!). 

Warum nennen wir das einen Trugschluß?

Wir sehen einmal davon ab, daß es nach allem, was man weiß, in historischer Zeit, also schon seit ein paar Jahrtausenden, den hier postulierten Selektionsdruck nicht gegeben hat. Wenigstens wären wir verlegen auch nur um Beispiele, daß etwa Menschen mit unterdurchschnittlicher Körpergröße, aber auch Intelligenz einen wesentlichen Nachteil durch Ausmerzung (mit Ausnahme von eugenisch motivierter!), auch nur relativ gehabt hätten. Das schreckt den Anhänger der These vom harten Selektionsdruck wenig. Zirkulär wird dann einfach das vorausgesetzt, was zu beweisen wäre, um zu schließen, daß es doch diesen Druck gab, er sich einfach nur in den Fakten nicht niedergeschlagen hat. Womit man natürlich alles zeigen kann.

Der Trugschluß liegt in der Folgerung: Wenn sich weniger Intelligente oder Kleinere häufiger vermehren als andere, dann wird der Mittelwert sinken, d. h. wir werden alle Zwerge und Deppen. Klingt vielleicht erst mal plausibel, aber ist es nicht.

Der Fehler im Argument ist einfach, daß man gegenläufige Mechanismen ausschließt, ohne das zu begründen. Wenn man das könnte, dann würde das Argument durchgehen, allerdings auch den empirischen Tatsachen widersprechen. (Beim IQ gibt es ebenfalls einen langfristigen Aufwärtstrend, den sogenannten Flynn-Effekt. Der hat ähnlich wie bei der Körpergröße wohl keinen erblichen Hintergrund, aber läßt sich mit der dysgenischen These trotzdem schwer in Einklang bringen. Man könnte natürlich argumentieren, daß wir eigentlich kleiner/dümmer werden und das nur von Effekten der Umwelt verdeckt wird, wofür wir allerdings keinen Anhaltspunkt sehen.)

Hier ist nun ein einfacher Mechanismus, der plausibel und gegenläufig ist. Nehmen wir an, daß die eine Seite (z. B. die Frauen)  bei der Partnerwahl eine Tendenz hat, einen etwas intelligenteren oder größeren Partner zu suchen, als es dem eigenen Niveau entspricht, dann kann (nicht muß) das zu einem Zug nach oben führen. *) Dazu muß man nicht annehmen, daß sich Daniela Katzenberger mit Albert Einstein verheiratet oder die Jacob Sisters mit Dirk Nowitzki. Vermutlich wären sehr große Unterschiede eher hinderlich, sodaß es nur auf den Nahbereich ankäme: ein bißchen intelligenter, ein bißchen größer.

Wir denken, daß ein solcher Mechanismus nicht nur möglich, sondern sogar empirisch relativ leicht belegbar wäre oder doch wenigstens nicht von der Hand gewiesen werden kann ohne ein Argument.

Durch einen solchen Mechanismus könnte ein Zug noch oben entstehen. Und damit ist das Gegenargument fertig (ohne zu behaupten, daß das der einzige oder auch nur vordringliche Mechanismus sein müßte):

Wir haben zwei gegenläufige Effekte: einer der nach unten, einer der nach oben zieht. A priori ist es völlig unklar, welcher überwiegt. Es könnte alles passieren: Wir werden immer größer und/oder klüger, alles bleibt so, wie es ist (vielleicht überlagert von Umwelteffekten, die nach oben ziehen) oder wir werden dümmer und/oder kleiner. Ja, stärkere Vermehrung von Dummen und Kleinen könnte sich sogar mit einer nach oben treibenden Partnerwahl verstärken. Zum Beispiel könnte, wenn weniger Intelligente eine größere Neigung haben, intelligentere Partner zu wählen, eine stärkere Vermehrung einen gesteigerten Anstieg der mittleren Intelligenz nach sich ziehen.

Wir sind völlig agnostisch, was nun wirklich gilt und ob es diese Effekte gibt (oder ob weniger Intelligente oder Kleine sich heute wirklich relativ mehr vermehren als früher, was wie oben meist nur zirkulär hergeleitet wird!). Worum es uns zu tun war: Der „Dysgenische Trugschluß“ tut so, als wenn man a priori folgern könnte, daß es ohne einen harten Selektionsdruck zu einem Schrumpfen oder zu Verdummung kommen muß. Und das ist eben ein Trugschluß, selbst wenn man die Prämissen zugesteht.

 

*) Es muß nicht zu einem Zug nach oben kommen. Beispielsweise könnten, plakativ gesagt, sehr große Frauen dasselbe Problem haben wie sehr kleine Männer, einen Partner zu finden. Beide würden sich entsprechend seltener vermehren und die beiden Effekte könnten sich ausgleichen (je nachdem sogar zu einem umgekehrten Effekt führen). Man muß zusätzlich annehmen, daß sich die wählenden Partner bei Mangel an Angebot kompromißbereit zeigen, was uns aber als keine sehr gewagte Voraussetzung erscheint. Letztlich ist ein Preis für Diskriminierung zu bezahlen, der gegen andere Dinge abgewogen wird. Wer weit unten in der Verteilung sitzt, hat das größte Angebot und Potential einen höher liegenden Partner zu finden, sodaß der Preis für die Diskriminierung relativ gering ist.

Siehe auch: Die wundersame Steigerung des ostdeutschen IQs

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