Kaiser und Zar in Danzig

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Am 9. September 1881 treffen sich in Danzig der deutsche Kaiser Wilhelm I. und der russische Zar Alexander III. Um das Treffen gibt es im Vorfeld, aber auch währenddessen und hinterher einige Verwirrung. Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ streut falsche Gerüchte aus, wo die beiden Monarchen zusammenkommen, angeblich, um die „Banditen Europas“ zu verwirren. Das ist nicht ganz abwegig. Gerade mal ein halbes Jahr ist es her, daß Zar Alexander II., der Vater Alexanders III., von Anhängern der Narodnaja Wolja ermordet worden ist.

Allerdings kommt eine solche Sorge auch Bismarck innenpolitisch zustatten. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ macht schon eine Weile in Attentatsbefürchtungen, etwa mit Drohbriefen gegen Bismarck, die der Deutschen Fortschrittspartei angehängt werden sollen. Auch allgemeiner denken wir, zielt das Treffen in Danzig vor allem auf die Innenpolitik und den laufenden Wahlkampf.

Bismarck kann die enge Verbindung mit dem Kaiser zeigen. Die offiziöse Presse stellt es ja auch so dar: „Wer die Regierung angreift, indem er deren Feinde durch seine Stimme unterstützt, der greift auch unseren Kaiser an!“ Der Kanzler kann zudem auf außenpolitischen Parkett seine unbestrittene Reputation ausspielen, während er auf dem innen- und wirtschaftspolitischen Parkett eher ins Schliddern gerät.

Wozu das Treffen eigentlich abgehalten wird, darüber rätselt die deutsche und internationale Presse jedenfalls über Wochen. Ein recht naheliegender Grund könnte es sein, die Allianz mit Rußland öffentlich zu demonstrieren. In Frankreich sieht alles danach aus, daß Léon Gambetta die Macht übernimmt, der zwar mittlerweile zahmer klingt, aber 1870/71 den Krieg „à outrance“ (bis zum Äußersten) propagiert hat und als Chauvinist eingeschätzt wird. Riskant wäre für Deutschland eine Annäherung Frankreichs und Rußlands, wie sie viel später im Ersten Weltkrieg zustandekommen wird, wobei Frankreich als recht liberale Republik (neben der Schweiz die einzige Republik in Europa!) mit dem reaktionären und absolutistischen Zaren ansonsten eher eine Zweckeehe eingehen würde.

Am 15. September 1881 beleuchtet die „Berliner Gerichtszeitung“ die unterschiedlichen Erklärungsversuche für das Kaisertreffen, nicht ohne einige Seitenhiebe auf Bismarck und unglaubwürdige offiziöse Behauptungen:

Heut sind die Lichter längst erloschen, welche zu Ehren der „Entrevue“ geglänzt, die Freudenrufe, mit denen die Herrscher begrüßt wurden, verklungen, die Nebel, durch welche die Ankunft des Zaren sich um einige Stunden verzögert hatte, haben sich verzogen; auf dem aber, was die Fürsten miteinander abgesprochen haben, lagert noch tiefer Nebel. — Nirgends ein klärender Sonnenstrahl, kein Wort, dessen Hauch durch die Wolken „transpirierte!“ — Die „Nordd. Allg. Z.“ hat zwar gestanden, daß sie absichtlich die Unwahrheit gesagt, als sie versicherte, Danzig sei nicht das Ziel der Zaren-Reise; sie habe es gethan, nur um den „Banditen von Europa“, die sich in Danzig einfinden und nihilistilche Schandthaten verrichten wollten, einen Streich zu spielen und etwaigen Attentaten vorzubeugen; über die Vorgänge und Unterhaltungen aber am Bord der Kaiserschiffe und an der Festtafel berichtet sie nichts weiter, als was die Telegramme aller Zeitungen verkünden. Sie überläßt es dem Scharfsinne der Journalisten, sich aus den von hier und da gegebenen, mehr oder minder offiziösen Andeutungen ihr Urteil über Veranlassung, Zweck und Folgen der Zusammenkunft zu bilden.

Aus Wien schreibt ein Preßbesoldeter: Wir sind ob der Entrevue zufrieden und erfreut; sie ist ein den Frieden verbürgendes Ereignis. Es ist zwar, — schreibt ein anderer Journalist — befremdlich, daß nicht auch unser Kaiser zu der Entrevue geladen worden ist; aber wir dürfen doch die Zuversicht hegen, daß auch unsere Suche in Danzig nicht unvertreten geblieben ist. Wenn Fürst Bismarck, — wie jetzt geschehen ist, — als Begleiter seines Souveräns vor dem Zaren erscheint und demselben auseinandersetzt, welche politische Haltung Europa von Rußland als Grundbedingung der Aufrechterhaltung und Gewährleistung des Friedenszustandes begehren und erwarten müsse, so können wir überzeugt sein, daß er nicht bloß im Namen Deutschlands, sondern auch Oesterreich-Ungarns das Wort führt, und „daß die österreichisch-ungarische Monarchie durch den deutschen Reichskanzler eine gewichtigere und kraftvollere Vertretung ihrer mit Deutschland gemeinsamen Interessen gewinnt, als wenn sie sich dort durch einen ihrer in amtlicher Wirksamkeit befindlichen Diplomaten und Staatsmänner offiziell vertreten ließe.“ — Aus dem Elsaß schreibt, das Unterhaltungs-Thema der Monarchen etwas deutlicher bezeichnend, ein Organ des Statthalters von Manteuffel: Die Entrevue giebt uns Bürgschaften gegen die Ränke Gambettas, falls derselbe über kurz oder lang die Regierung Frankreichs übernimmt. Er kann ja dann nicht anders, als entweder seiner Versicherung gemäß sich dem Willen des Volkes oder in seine Abdankung fügen, als entweder gegen Deutschland vorgehen, oder zurücktreten (Se soumettre on demettre). — Nur das letztere bleibt ihm übrig, wenn er nicht mehr auf Rußland rechnen kann. Rußland aber, wie das Friedensmahl im Artushose bezeugt, hält zu Deutschland. — Aus Pest kommt die Nachricht, daß der Begegnung des Zaren mit Kaiser Wilhelm auch eine mit Kaiser Franz Josef folgen werde; dieselbe sei schon längst geplant, nur über Tag und Ort werde noch das Geheimnis bewahrt. — Aus Petersburg endlich meldet man: Noch überraschender als die Zaren-Reise hat hier die Nachricht gewirkt, daß Ignatieff nicht mitgereist ist. Ist, fragt man allgemein, auch er schon zur Demission reif? Wird er gänzlich, sei es „in Gnaden“ oder ungnädig, entlassen, oder wird er „die Treppe hinaufgeworfen“ und zum Ministers des Auswärtigen ernannt werden? — Wie dem auch sei, ob er nun zum Bleiben oder zum Gehen verurteilt, ob Paul Schuwaloff oder ein anderer General zu seinem Nachfolger ernannt werde, so viel steht fest, daß an die Ausführung panslavistischer Pläne nicht mehr zu denken, und eine bedeutende Aenderung im Personalbestande der russischen Regierung zu erwarten steht.

Einem hiesigen Blatte ward von seinem Specialkorrespondenten aus Danzig berichtet: Nach Mitteilungen von unterrichteter Seite will man wissen, daß Gegenstand der Unterredung des Zaren mit dem Fürsten Bismarck die ganze Lage Rußlands, sowohl die innere als die äußere, gewesen ist. Bismarck habe ein Programm entwickelt und namentlich agrarische und einschneidende finanzielle Reformen empfohlen. Es dünkt uns doch in hohem Grade unwahrscheinlich, daß einerseits der Zar unseren Reichskanzler gewissermaßen zum Retter Rußlands berufen und als solchen befragt hat, und daß es andererseits dem Fürsten Bismarck möglich gewesen ist, in kaum halbstündiger Audienz sein Heils- und Reformprogramm für das Zarenrelch zu entwickeln. Ist es ihm doch nach jahrelangem, heißen Bemühen bis heut noch nicht einmal gelungen, sein agrarisches und finanzielles Reformprogramm für das Deutsche Reich elnleuchtend zu entwickeln! Müssen doch noch heut hundert und aberhundert Federn arbeiten, um das Volk über die Vortrefflichkeit dieses Programms zu belehren! — Noch unwahrscheinlicher als diese Nachricht klingt die Mitteilung eines ebenfalls „gut Unterrichteten“, wonach Fürst Bismarck dem Zaren den von unserem Kaiser gebilligten Rat erteilt habe, eine Verfassung in Rußland einzuführen! — Glaubhafter, ja allein glaubhaft scheint uns die Meldung, daß die Fürsten und Staatsmanner der beiden Nachbarreiche sich verständigt. haben über gemeinsame, gegen die Bestrebungen des Nihilismus und Communismus zu ergreifende Maßregeln, daß es sich jedoch bei der Entrevue hauptsächlich um den Austausch friedlicher Worte gehandelt hat. Möge man dereinst den „Rittern von König Artus Tafelrunde“ nachrühmen, daß sie für den Weltfrieden gewirkt haben.

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