Erstes Vorgefecht in Berlin

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Im September 1881 muß in Berlin ein Stadtverordneter neu bestimmt werden, weil sein Vorgänger verstorben ist. Die Stadtverordnetenversammlung wird wie das Preußische Abgeordnetenhaus (aber anders als der Reichstag) nach dem Klassenwahlrecht gewählt. Für Einkommen muß in Preußen eine in drei Klassen gestaffelte Klassensteuer bezahlt werden, wozu für hohe Einkommen noch eine Einkommenssteuer kommt. Die Stadt oder Kommune hängt sich an die preußische Steuer an und erhebt einen je nach Ort unterschiedlichen Zuschlag (in Prozent der Staatssteuer). Bei der Wahl werden jeweils in den drei Klassen getrennt gleich viele Stadtverordnete gewählt. Das erklärt, warum in der ersten und höchsten Klasse nur sehr wenige Wähler antreten.

Die Antisemiten und Konservativen der „Berliner Bewegung“ sind noch ganz hoffnungsfroh, die Hochburg der Deutschen Fortschrittspartei Berlin stürmen zu können, hinter die sich in der Stadt auch die anderen Liberalen (Liberale Vereinigung und Nationalliberale) stellen. Bei der Neuwahl gibt es aber nun eine eher symbolische, doch herbe Abreibung, wie die Allgemeine Zeitung des Judenthums am 27. September 1881 berichtet:

Berlin, 15. Sept. Am 13. d. wurde eine Ersatzwahl für einen verstorbenen Stadtverordneten von der ersten Klasse des 11. Berliner Communalbezirks vollzogen. Ist eine solche Wahl an sich auch von keiner Bedeutung, so giebt sie doch Zeugniß von der vorherrschenden Stimmung. Von 43 Stimmenden votirten 41 für den liberalen Candidaten Delbrück und — 2 für den antisemitischen Kaufmann Pickenbach, den Candidaten der Conservativen. Und doch hatte das antisemitische deutsche Tageblatt alle Getreuen dringend aufgefordert und den Sieg der Conservativen vorausverkündigt.

Die „Berliner Wespen“ machen sich über den Durchfall in ihrem „Europäischen Polizeibericht“ vom 21. September 1881 lustig. Ansonsten geht es noch um „Plonplon“ Napoléon Joseph Charles Paul Bonaparte, Cousin von Napoleon III. und bonarpartistischer Thronprätendent mit schlechten Chancen in der französischen Republik, um die „königlich preußischen“ Sozialisten Körner und Finn, ehemalige Sozialdemokraten, die nun für einen regierungsfreundlichen Sozialismus und für Antisemitismus in Berlin Stimmung machen sollen, aber mittlerweile nicht mehr protegiert werden, sowie um eine Verwechslung des Kanzlers mit seinem Hund, dem „Reichshund“ Tyras:

Europäischer Polizeibericht der Berliner Wespen.

Am 15. trug sich in Paris ein bisher unaufgeklärt gebliebener Vorfall zu. Als nämlich Prinz Plonplon auf den kaiserlichen Thron verzichten und seine Ansprüche auf seinen Sohn Victor übertragen wollte, war dieser Thron trotz des eifrigsten Cassagnacs nicht zu finden, obschon er vor etwa 11 Jahren noch dagewesen war. — Am 13. wurden die Herren Körner und Finn, die bekannten polizeilich erlaubten Socialisten, von einer unverdienten Ehre überfallen. In dem Augenblick nämlich, wo sie in Berlin eine Versammlung abhalten wollten, wurde diese auf Grund des Socialistengesetzes inhibirt. — Vor einigen Tagen fiel Herr Pickenbach in Berlin bei dem Versuch, Stadtverordneter zu werden, derart durch, daß er als vollständig verschwunden zu betrachten ist. An der Unglücksstätte fand man nur zwei Stimmen vor. — Aus mehreren Wahlversammlungen im Deutschen Reiche flogen gestern wieder einige Schuldige und Unschuldige auf die Straße, ohne glücklicherweise irgend Jemand zu verletzen. — Als vor einigen Tagen der Reichskanzler mit dem Bahnzuge Zoppot passirte, trat auch der allverehrte Tyras an das Fenster seines Coupés. Bei dieser Gelegenheit ereignete sich der traurige Fall, daß die auf dem Perron Anwesenden die Besinnung verloren und zu jubeln begannen. Der Hund nahm sich der Armen durch mitleidiges Bellen an. 

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