Wippchen berichtet aus Danzig

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Das Satireblatt „Berliner Wespen“ hat seit dem Russisch-Türkischen Krieg von 1877 auch einen „ownsten“ Kriegskorrespondenten, Wippchen, der auch von anderen internationalen Ereignissen berichtet. Allerdings ist er zu bequem, vor Ort zu sein, sondern berichtet, mit Pfeifchen und Bierseidel bewaffnet, stets aus Bernau bei Berlin. Und er steckt immer in Geldnöten und versucht, die Redaktion anzupumpen.

Wippchen ist ungemein populär. Seine Berichte erscheinen in großen Auflagen auch als eigene Bücher, dazu noch mehrere Gedichtbände. Keine Katachrese scheuend und in der Mythologie verirrt, persifliert er — verzeihen Sie das harte Wort! — den aufgeblasenen Stil seiner Kollegen Korrespondenten bei den anderen Blättern.

Am 14. September 1881 geht es um das undurchsichtige Treffen des deutschen Kaisers mit dem russischen Zaren in Danzig. Wippchen bezieht sich dabei auch auf die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, die im Vorfeld von einem „Banditen-Rendezvous“ in Danzig fabuliert hat, von dem die Monarchen bedroht seien. (Zum Hintergrund: Verwirrung um das Kaisertreffen, Was soll das Kaisertreffen eigentlich? und Kaiser und Zar in Danzig.)

Aber vorher hat Wippchen noch eine Geschäftsidee, die durch die aktuellen Ölfunde in Oelheim inspiriert ist (siehe dazu: Rockefeller muß sich nicht warm anziehen und Dallas bleibt in Amerika).

Danzig.

(Original-Bericht.)

 

Herrn Wippchen in Bernau.

Dank für die Bereitwilligkeit, mit der Sie die Berichterstattung aus Danzig übernahmen. Wir erwarten Ihren Artikel. Ihre jüngsten Briefe verschaffen uns einen Einblick in Ihre augenblickliche Thätigkeit, die wir geradezu als räthselhaft bezeichnen müssen. Sie wollen dort nach Petroleum graben. Sie schreiben uns: „Verwandeln Sie mich in eine Actiengesellschaft, verschaffen Sie mir eine Million, und Sie machen ein gutes Geschäft“, Sie ersuchen uns, Ihnen ein Dutzend Bohrlöcher zu schicken, und schließen mit den Worten: „Acht Tage später werde ich 119 3/4 b. G. stehen“. Was sollen wir dazu sagen? Wir können Ihnen nur versichern, daß Sie ein tüchtiger Correspondent, aber durchaus kein geschickter Speculant find, und rathen Ihnen, nicht nach Petroleum, sondern nach Stoffen für Ihre Feder zu suchen.

Ergebenst

Die Redaction.

 

Bernau, den 13. September 1881. Daß meine Idee, in Bernau auf Petroleum zu bohren, bei Ihnen ein Fiasco d’estime gemacht hat, wundert mich nicht, mich wundert nur, daß Sie mich nicht obenein als einen Hoch- oder Tiefstapler bezeichnen. Ich tröste mich damit, daß alle großen und originellen Entdecker und Erfinder bei ihrem Auftauchen keine gläubigen Thomasse, wohl aber wieder und immer Widersacher gefunden haben. So war es seit dem grauen Olim, so wird es in Ewigkeit sein. Von Guttenberg hieß es, er habe das Pulver nicht erfunden, und als Columbus der Regierung seinen imposanten Plan vorlegte, machte man ihm das Leben so sauer, daß er sich genöthigt sah, nach Amerika auszuwandern. Das alte Leiden! Ich war also darauf gefaßt, daß Ihr Kopf nicht ungeschüttelt an mir vorübergehen würde, als ich Ihnen meine Absicht kundthat, Bernau in ein neues Oelheim zu verwandeln.

Meine Idee war in langem Nachdenken gereift, oder glaubten Sie, der Homer schliefe, weil er nicht brüllte? Im Gegentheil: während ich nicht brüllte, grub ich in dem Keller des von mir bewohnten Hauses munter auf und ab, und wenn ich auch noch keine Petroleumquelle murmeln hörte, so verrieth doch schon mancher Flecken an meiner Garderobe, daß ich auf dem besten Wege zum Heureka war. Ich grub, ein zweiter Mundwurf, rüstig weiter, und es thürmte sich schon ein hübsches Loch vor mir auf, als Ihr Brief ankam und mich aus allen meinen Bohrlöchern schleuderte. Indeß — wenn ich nun auch meine Schaufel in den Schooß legen muß, wenn Sie auch meinen findigen Kopf auf die leichte Achsel nehmen: ich bin und bleibe ein sicherer Cantonist und werde ganz gewiß meine Idee — verzeihen Sie das harte Wort! — zur Ausführung bringen Einmal ist Kainmal, sagte Abel, als ihn sein Bruder erschlug.

Hier mein Bericht aus Danzig. Ich habe ihn erst umarbeiten müssen, da ich demselben anfangs die Zusammenkünfte in Gastein und Salzburg zu Grunde gelegt hatte, und es sich dann herausstellte, daß in Danzig die Gebirge fehlten. Und nun, wenn auch leider erst zum Schluß, bitte ich Sie um einen Vorschuß von 60 Mark. Meine Wirthin verlangt Wiederzuschüttung des Bohrloches im Keller, zu welchem Zweck ich einen Erdarbeiter engagiren mußte, der sehr in’s Geld läuft.

 

Danzig, den 9. September 1881. 

W. Der 9. September wird immer ein bedeutsames Datum in unserer Zeitgeschichte bleiben. An diesem Tage war es, wo sich der Dampfer des Russischen Kaisers auf dem Danziger Goldwasser, dem Lachs, schaukelte und sich bald darauf eine bedeutende Wandlung in der Russischen Politik vollzog.

Ich hätte Ihnen schon vor vierzehn Tagen mittheilen können, daß der 9. September im Anzüge sei, indeß unterließ ich es in der Furcht, daß Danzig der Sammelplatz aller guten Menschen von ganz Europa werden, wie die Allgemeinste aller Norddeutschen Zeitungen fürchtete, daß Danzig das Rendezvous aller Banditen bilden würde. Dadurch wäre das nordische Venedig so überfüllt worden, daß man die Betten hätte aus der Stadt bringen müssen, um für die Fremden wenigstens Platz zum Schlafen zu schaffen. Immerhin strömte ich mit einiger Besorgniß nach Danzig, und wenn unsere Discretion auch manchen guten Menschen und manchen Banditen ferngehalten hatte, so war doch die schöne mittelalterliche Stadt bereits am 8. derart überfüllt, daß ich lange hatte suchen müssen, bis ich endlich ein Zimmer mit zwei Wanzen fand. Alsbald durchwogte ich die Straßen. Das Kaiserwetter war regnerisch, Jupiter hatte seinen Pluvius geöffnet und schüttete das Blaue vom Himmel herunter. Trotzdem waren die Straßen so voll, daß kein Schirm zur Erde fallen konnte, die Häuser beugten sich unter der Last der Fahnen und Guirlauden, und Tausende von Gasflammen harrten, von dem herrschenden Enthusiasmus angesteckt zu werden. Nur gegen die Ehrenpforte habe ich einzuwenden, daß sie nicht am Platz war, da die Pforte den Zaren ja daran mahnte, daß die Türkei noch immer existire, was ihm einen Stich ins crève-coeur geben mußte.

Während der Regen in musterhafter Ordnung verlief, bildete ich Spalier, und es begann die Anfahrt zum Diner im Artushof. Ein weithinbrausendes Hüte- und Tücherschwenken erfüllte die Luft. Unter den harrenden Gästen fiel die Hünengestalt des Fürsten Bismarck in seiner blauen Hünenuniform auf, und man bemerkte mit Befriedigung, daß er die Versammlung mit heiteren Hünenaugen betrachtete und sich mit Vielen hünenfreundlich unterhielt. Während des Menus begann die Illumination, welche, bei Licht besehen, jene am 10. September 1879 fast noch überstrahlte.

Was nun die geheimen Abmachungen betrifft, so haben wir Correspondenten uns über die folgenden geeinigt: „Die Danziger Entrevue bildet eine Garantie des Friedens bis zur Störung desselben. Die Beziehungen zwischen den beiden Großmächten Deutschland und Rußland bleiben so lange freundlich, bis sie unfreundlich werden. Wird Rußland angegriffen, so stellt sich Deutschland entweder auf Rußlands Seite, oder nicht. Deutschland überläßt Rußland die Bekämpfung der Nihilisten. Falls Rußland eine Verfassung erhält, so ist es von da ab nicht mehr ohne eine solche.“

Sollte aber trotz alledem wieder eine Wolke den politischen Horizont trüben, so möge man immer bedenken: Kein Faden der Parze wird so heiß gegessen, wie er gesponnen wird!

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