Absage an die große liberale Partei

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Immer wird im Wahlkampf 1881 die Idee aufgebracht, daß sich die liberalen Parteien als „große liberale Partei“ zusammenschließen, um sich der Reaktion zu widersetzen. Es gibt drei liberalen Parteien: die Fortschrittspartei, die Liberale Vereinigung und die Nationalliberalen, wobei sich die Liberale Vereinigung, auch als Sezession oder Sezessionisten bezeichnet, gerade erst 1880 von den Nationalliberalen abgespalten hat.

Zwar kommt es tatsächlich in gewissen Gegenden z. B. in Berlin, zu Bündnissen, aber nicht überall. Der Grund hierfür ist die Illusion, daß es sich bei den Nationalliberalen überhaupt noch um eine liberale Partei handelt (siehe auch „Hintergrund: Die Nationalliberalen“). Mit der Liberalen Vereinigung haben aber die wirklich liberalen die Partei längst verlassen, weil sie mit der regierungstreuen Ausrichtung unzufrieden waren und die Aufgabe liberale Prinzipien im Zuge einer bedingungslosen Kompromißpolitik nicht länger mittragen wollten. Übrig bleibt eine inhaltlich wenig festgelegte Truppe, die bisweilen auch einmal die eine oder andere liberale Forderung aus taktischen Gründen stellen mag, aber im Wesentlichen keine liberalen Ziele mehr hat.

Bis 1887 ist die Entwicklung abgeschlossen und die Nationalliberalen schließen sich mit den Konservativen zu einem förmlichen Kartell zusammen. Maßgeblich hierfür ist insbesondere der Führer der Partei Rudolf von Bennigsen, über den Eugen Richter das folgende vernichtende Urteil fällt:

Es ist jene vornehme Passivität, welche von keiner politischen Frage tief ergriffen wird, Strömung und Gegenströmung miteinander kämpfen läßt, sich alsdann das Fazit aus den Kräften berechnet und dies als eigene Meinung zu einem Kompromiß formuliert. Gegenüber solchen energisch aktiven Naturen wie Fürst Bismarck sind solche Politiker wie Bennigsen für die Verteidigung der Festung die gefährlichste Besatzung; sie schließen von vornherein den Angriff als Erwiderung des Angriffs aus, bestimmen die Zweifelnden zur Untätigkeit, wecken den Scharfsinn mehr für die Formulierung von Kapitulationsbedingungen als für die Kraft des Widerstandes, und ziehen dann, wenn das Kampfesgetümmel erst begonnen, die weiße Fahne auf. Was der Gegner erringt, besitzt er alsdann um so sicherer, weil er es nicht als äußerlich erzwungen, sondern innerlich zugestanden ergreift.

Im September 1881 wird klar, daß es die „große liberale Partei“ nicht geben wird. Besonders enttäuscht ist die Wiener Neue Freie Presse, die darauf aus der Ferne ihre Hoffnung gesetzt hatte. Hier zwei Berichte aus der Ausgabe vom 16. September 1881: 

Wien, 15. September. (Zur Tagesgeschichte.) Unerbaulich im höchsten Grade ist die Lectüre der deutschen Blatter, so weit die Wahlbewegung in Frage steht. Wenn beispielsweise der „Hannover’sche Courier“, das Organ des Herrn v. Bennigsen, der Fortschrittspartei einen Absagebrief schreibt und dabei gleichzeitig die Secessionisten verhöhnt, so hat man kaum eine andere Wahl, als die Haltung der National-Liberalen zu bedauern, welche sich, wie es scheint, nicht klar darüber werden wollen, daß bel fortgesetzter Uneinigkeit der Liberalen die Sache der freiheitlichen Parteien von vornherein verloren ist. Freilich ist Herr v. Bennigsen stets der Meinung gewesen, Fürst Bismarck werde niernals in einen Ausgleich mit der Curie willigen, der dem Staate Conressionen zumuthe, aber heute sollte diese Meinung doch endlich veraltet erscheinen, da selbst die Unità Cattolica jubelt, Fürst Bismarck komme und erbitte vom Statthalter Christi die Wiedergewährung seiner Freundschaft. Auch die, wie es scheint, nicht unbrgründete Besorgniß, daß die Regierung eine Preßgesetz-Novelle in reactionärem Sinne für den Reichstag ausarbeite, sollte Herrn v. Bennigsen veranlassen, sich thunlichst links zu halten.   

Berlin. 14. September. [Orig.-Corr.] (Die „Provinzial-Correspondenz“ über die Entrevue. Die National-Liberalen vor den Wahlen. Eine Schlappe der Antisemiten.) […] Herr v. Bennigsen ist gestern hier eingetroffen und hatte heute mit namhaften Mitgliedern der national-liberalen Fraction im Kaiserhofe eine Besprechung, die, wie verlautet, der Feststellung des national-liberalen Wahlaufrufes gegolten bat. Das Erscheinen des Aufrufes, der erst den auswärtigen Mitgliedern zugesendet werden muß, durfte vor Anfang der nächsten Woche zu erwarten sein. Die Anregungen zu einer Einigung der liberalen Fractionen haben seit unseren letzten Berichten keine Fortschritte, eher Rückschritte gemacht. Das Organ Bennigsen’s verhielt sich ziemlich schroff ablehnend, was man ihm angesichts der superioren Miene mancher fortschrittlichen Führer und Zeitungen nicht eben verdenken kann.

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