Hinrichtung in Dortmund

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e Mordrate im Kaiserreich liegt höher als heute. Hans Ulrich Wehler gibt folgendes an: „Die Mordrate fiel bis 1900 sogar ab (von 516 auf 275 p. a.), kletterte danach aber auffällig steil um 453 Prozent bis 1914 auf 1459 in die Höhe.“ Leider fehlt ein Verweis, und der Bezug für den Abfall ist unklar (vermutlich während des Kaiserreichs). Auch kann es sich wohl nicht um die „Mordrate“ (als Bezug stehen 100.000 im Raum) handeln, weil das Hunderttausende von Morden pro Jahre wären. Vermutlich ist die absolute Zahl gemeint. Heute gibt es (per 2009) in Deutschland 365 Opfer vollendeter Morde. Zu bedenken ist dabei, daß Deutschland im Kaiserreich eine deutlich geringere Bevölkerung hatte: 1871 41 Millionen und 1910 65 Millionen.

In Deutschland besteht die Todesstrafe, die allerdings nicht sehr häufig vollstreckt wird. Von 1868 bis 1878 gibt es in Preußen gar keine Exekutionen. Insbesondere der Kronprinz ist, wie auch die Liberalen allgemein, ein Gegner der Todesstrafe. Schweren Herzens entschließt er sich, in Stellvertretung seines Vaters, den Kaiserattentäter Hödel hinrichten zu lassen. Der Scharfrichter muß sich dazu sein Beil aus einem Museum besorgen, weil er selbst keines hat. Erst unter Wilhelm II. werden Todesurteile häufiger vollstreckt mit etwa 20-40 pro Jahr. Auffällig ist von daher, daß 1881 wieder auch in normaleren Fällen exekutiert wird. Am 17. September 1881 berichtet die „Berliner Gerichtszeitung“ etwa von einer Hinrichtung in Dortmund.

Der ausführende Scharfrichter Krauts (wie bei allen Namen der Zeit hat Wikipedia eine eigenwillige Schreibung der Namen) wird noch eine amüsante Rolle bei den Wahlen spielen. Für ihn werden in Berlin genau zwei Stimmen abgegeben, Man kann nämlich jeden auf den Wahlzettel schreiben, eine formale Kandidatur gibt es nicht. Die „Berliner Wespen“ kommentieren das am 2. November 1881 so:

Im dritten Berliner Wahlkreis hat der Scharfrichter Krauts zwei Stimmen bekommen.

Aber auch im fünften hat man scharf Richter gewählt.

Wir verraten damit schon einmal, daß Eugen Richter im fünften Berliner Wahlkreis mit schlappen 66% gewählt wird. Er verzichtet auf das Mandat, weil er außerdem noch in Hagen gewählt wird. Siegmund Günther gewinnt den fünften Berliner Wahlkreis dann in der Nachwahl erneut für die Fortschrittspartei.

Hier nun der Bericht der „Berliner Gerichtszeitung“ nach einem Bericht der „Dortmunder Zeitung“:

— Ueber die Hinrichtung in Dortmund, über deren Vollziehung durch den Scharfrichter Krauts wir bereits berichteten, bringt die „Dortmunder Zeitung“ folgende Details: Am 6. und 7. Mai. d. J. kam hier vor dem Schwurgericht ein Raubmord zur Verhandlung, und zwar war angeklagt der 22 Jahre alte Schuhmacher Heinrich Potthoff aus Westtünnen bei Hamm, der am Abend des 21. Februar d. J. die Ehefrau des Schäfers Budde in Rhynern ermordet hatte. Der Verbrecher war gleich am Morgen nach der That verhaftet, und er besaß die unerhörte Verderbtheit, in der Schwurgerichtsverhandlung den eigenen Vater der graufigen That zu beschuldigen, und man erhielt in der Erzählung. wie sein Vater angeblich den Mord begangen, eine genaue Schilderung des Hergangs. Der Angeklagte hatte demnach das neben der Hinterthür befindliche, kleine Fenster eingedrückt, die Thür durch Zurückschieben des Riegels geöffnet und war die Treppe, hinaufgestiegen — zu dem Zimmer, in welchem die Frau. deren Mann sich in Aachen befand, mit dem kleinsten Kinde auf dem Schoße und ihr zehnjähriges Söhnchen sich aushielt, welches letztere den Thäter später mit Bestimmtheit erkannte und die ersten Angriffe gesehen hatte, ehe es fortlief, die Nachbaren zu holen. Der elende Bursche hatte zunächst die Frau gefragt, ob er über Nacht dableiben könne, und dann auf die hastige Frage, wie er in das Haus gekommen, gerufen, die Frau möge nicht frech sein, sonst schlüge er sie mit dem Prockeleisen an den Kopf, eine Drohung, der er sofort die That folgen ließ. Die Frau hatte dann wahrscheinlich das kleine Kind in die Wiege geworfen und war dem Menschen entgegengetreten, um nun den Rest zu erhalten. Gestohlen waren nur mehrere Betttücher, Hemden und ein Stück Leinen, welches die Schwester des Angeklagten am andern Morgen auf das mit Drohungen verbundene Geheiß des Angeklagten vergraben mußte. Die Ausrede des rohen Gesellen, daß der eigene Vater von ihm Kleider und Stiefel angezogen und die That begangen, erregte damals, zumal sie wiederholt auch bei der Konfrontation und am zweiten Tage festgehalten wurde, bei allen Anwesenden allgemeines Entsetzen, und dlese schreckliche Beschuldigung war um so dümmer, als die Indizien mit zwingender Gewalt auf den wirklichen Urheber hindeuteten. Die That war unzweifelhaft von einem Linkshänder begangen, und das war der Angetlagze, der Vater aber nicht, überdem konnte der Vater des Mörders den rechten Stiefel desselben überhaupt nicht anziehen, weil derselbe, da P. früher einmal den rechten Fuß gebrochen hatte, kürzer war als der andere. Es kam noch zu allem, daß das sehr intelligente, zehnjährige Söhnchen der Ermordeten den Mörder recognoscierte. Die fürchterllche Ausrede des feigen Mörders rief in unserer ganzen Gegend, die in den Mädchenmorden so Entsetzliches erlebt hat, eine tiefgehende Bestürzung hervor, und allgemein war die Ansicht. daß ein solches Scheusal, welches den eigenen Vater der selbstbegangenen That beschuldigen konnte, möge man über die Todesstrafe denken, wie man wolle, nichts Anderes verdiene, als einfach vernichtet zu werden. -— Ueber die Hinrichtung selbst schreibt das Blatt unterm 14. d. Mts.: Heute Morgen um 6 Uhr hatte sich schon. vor dem verschlossenen Thore des Gefängnishofes eine zahlreiche Menschenmenge angesammelt, die immer mehr anwuchs; aber nur sehr wenigen wurde der Eintritt verstattet. Auf dem inneren Hofe in der linken Ecke neben einem, großen dort befindlichen Haufen gespaltenen Holzes war der rot angestrichene Richtblock in die Erde gerammt, und daneben das Pflaster dlck mit weißem Sande bestreut. Seitwärts stand ein weiß gedecktes Tischchen, auf welchem in einem Leder-Etui das mächtige Richtbeil lag. Mehr nach der Mitte des Hofes an der Thür, durch welche der Verurteilte heraustreten mußte, stand ein zweites Tischchen mit einem Krucifix und zwei Leuchtern. Nachdem die Anwesenden sich aufgestellt hatten, führte der Gefängnisinspektor den Gefangenen, der von Herrn Kaplan Plugge begleitet und von zwei Gefängnisaufsehern escortiert wurde. vor den Tisch mit dem Crucifixe, hinter welchem der erste Staatsanwalt des hiesigen Landgerichts und zwei Richter im Ornat sich aufgestellt hatten. Der Gerichtsschreiber verlas das Urteil sowie die vom 3. d. M. datierte Urkunde, in welcher der König von seinem Begnadigungsrechte keinen Gebrauch machen zu wollen erklärt. Darauf fragte der Staatsanwalt den Verbrecher, welcher die ganze Zeit mit gefalteten Händen dagestanden hatte, ob er noch irgend welche Erklärungen abzugeben habe, und Potthoff antwortete mit fester Sttnnne: „Ich habe meine Strafe verdient. Gott sei mir armem Sünder gnädig, betet alle für mich!“ — Der Staatsanwalt übergab darauf dem Scharfrichter den Verurteilten. Die Gehilfen ergriffen den Verbrecher. welcher zwar blaß und hohläugig aussah und namentlich, als er entkleidet war, in der frischen Morgenluft zitterte, aber sich sonst mutig und ruhig aufrecht erhielt, nachdem ihn Kaplan Plugge das Kreuz hatte küssen lassen: sie zogen ihm den Ueberzieher und die Weste aus, zerrissen das Vorhemdchen, welches sich nicht rasch genug entfernen ließ, schoben ihm das Hemd über die Schultern herunter, und während der eine den Kopf des Delinquenten in den am Blocke befindlichen Ausschnitt legte und den Lederriemen darüber befestigte. warf der andere dem Hinzurichtenden einen Strick um die Füße. Der Scharfrichter, welcher unterdessen den außer mit anderen Ehrenzeichen auch mit denn „Eisernen Kreuze“ geschmückten Frack abgelegt hatte, den er über der weißen Weste trug, hatte zugleich das Beil aus dem Etui genommen, — ein leuchtender Blitz, die Gehilfen zogen den Leichnam, welcher nicht mehr zuckte, an dem Stricke zurück, das Blut sprudelte noch einige Augenblicke aus den durchschnittenen Arterien und dle Execution, die mit außerordentlicher Geschicklichkeit ausgeführt wurde und von der Uebergabe an den Scharfrichter an nur vierzig Sekunden gedauert, war vollendet, die beleidigte Gerechtigtett hatte ihre Sühne erhalten.

Hinweis

Die Todesstrafe war umstritten. Bei Libera Media gibt es dazu kommentierte Neuauflagen zur damaligen Diskussion. Als erste Buch ist „Die Psychologie des Mordes“ von Franz von Holtzendorff aus dem Jahre 1875 erschienen (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Mehr Information finden Sie auch auf der Website von Libera Media. Weitere Bücher zum Thema werden folgen, und zwar:

  • Franz von Holtzendorff: Das Verbrechen des Mordes und die Todesstrafe (1875)
  • Richard John: Über die Todesstrafe (1867)

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