Die National-Liberalen auf dem Isolirschemel

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Neue Freie Presse, Wien, 18. September 1881

(Orig.-Corr. der „Neuen Freien Presse“.)

Berlin, 17. September.

Eine verdrießliche Botschaft ist seit einigen Tagen aus dem national-liberalen Lager ergangen; sie besagt, daß die Partei des Herrn v. Bennigsen entschlossen sei, bei den bevorstehenden Reichstagswahlen ihre eigenen Wege zu gehen und für die Candidaten der Fortschrittspartei nur dann einzutreten, wenn zwischen diesen und den conservativen Candidaten eine engere Wohl erforderlich sei, die Einigkeit der Liberalen im Kampfe gegen die verbündete conservativ-clericale Phalanx bleibt somit eine Chimäre, und man braucht auf das Wahlmanifest der National-Liberalen, welches demnächst erscheinen soll, kaum mehr neugierig zu sein, da nur darauf die politischen Kreise gespannt waren, ob Herr v. Bennigsen sich endlich zu einer energischeren Haltung gegenüber dem Reichskanzler aufraffen würde, in allem Uebrigen aber die bekannten „staatsmännischen“ Phrasen der national-liberalen Compromiß-Politiker der allgemeinen Wißbegierde schon seit Langem eine genießbare Nahrung nicht zu bieten vermögen. Die traurige Thatsache steht nun fest, daß man trotz alles Ungemachs der letzten Jahre auf dem rechten Flügel der liberalen Armee den Moltke’schen Spruch: „Getrennt marschiren, vereint schlagen“ noch immer nicht zu würdigen gelernt hat, und wenn es dem Fürsten Bismarck gelingen sollte, aus der Wahlschlacht mit einer Majorität heimzukehren, so wird es Herr v. Bennigsen sein, auf dessen Schultern die Last der Verantwortung ruhen wird. Ihm wird man es zuschreiben, wenn der Staat mit zusammengerollter Fahne vor der römischen Curie sich beugen, ihm, wenn der deutsche Parlamentarismus auf lange Zeit hinaus vernichtet werden und die Wirthschaftspolitik des Fürsten Bismarck zum unbedingten Siege gelangen sollte.

Und wird Herr v. Bennigsen diese Verantwortung von sich ablehnen können? Sofern die Anklage auf mala fides [in schlechtem Glauben] lauten sollte, ja; sofern sie aber wider seine persönliche Indolenz, seine Unlust zum Kampfe, seinen Fatalismus gerichtet sein wird, nicht. Er hat einst als Führer des Nationalvereins den Muth gehabt, allem Widerstande zum Trotze die liberale Neugestaltung Deutschlands anzustreben; jetzt, nachdem die Führung einer siegreichen Partei ihn durch zehn Jahre verweichlicht, das freundschaftliche Wohlwollen des mächtigsten Mannes unserer Tage entnervt hat, besitzt er jenen Muth nicht mehr, und seine persönliche Schwäche ist auch die Schwäche Jener, welche sich zu ihm und seinem Commando bekennen.

Nicht erst seit heute hört man in den liberalen Kreisen den halb ironischen, halb bekümmerten Ausruf: „O diese Hannoveraner!“ Es ist bereits seit Jahren die Ueberzeugung der fortgeschrittenen Liberalen, daß die Gruppe der hannover’schen Abgeordneten, welche sich um Bennigsen schaart, zu keiner energischen Action zu haben und nur in der Richtung einer opportunistischen Politik zu gebrauchen sei. Die Geschichte der national-liberalen Partei ist in diesem Sinne eine Geschichte des Kampfes zwischen den preußischen Parteimitgliedern und denen der annectirten Provinzen. Der Riß zwischen Lasker, Bamberger, Rickert, Forckenbeck [d. h. den Füheren der Liberalen Vereinigung, auch als Sezession oder Sezessionisten  bekannt, die sich 1880 von den Nationalliberalen abspalten] auf der einen und Bennigsen auf der andern Seite konnte verkleistert werden, so lange es sich um Differenzen innerhalb des liberalen Gedankens, bei der Bewilligung der mehrjährigen Militar-Budgets, bei der Justiz-Reorganisation, handelte; er trat klaffend zu Tage, als die Liberalen vor die Ausgabe gestellt wurden, einem äußeren Gegner [d. i. Bismarck] die Spitze zu bieten. Da trennten sich — es war im Winter 1878 — die Wege, und Lasker, Bamberger, Rickert, Forckenbeck gingen linkswärts, Bennigsen aber mit seinen Hannoveranern ging rechtswärts.

Man spricht viel von jenen Varziner [auf dem Landsitz Bismarcks] Verhandlungen zur Weihnachtszeit des Jahres 1878, welche den Zweck hatten, Bennigsen in den Schoß des preußischen Ministeriums zu lootsen, aber die ganze Wahrheit über jene Pourparlers ist nur den Eingeweihten bekannt. Fürst Bismarck, der Herrn v. Bennigsen auch heute noch liebt, wie einst Achill den Patroklus liebte, wollte allerdings dem einflußreichen Führer der damals noch ungetheilten national-liberalen Partei ein Portefeuille überlassen, um ihn parlamentarisch unschädlich zu machen, ja es schien ihm die „Verführung“ Bennigsen’s werthvoll genug, um eventuell auch zwei andere Portefeuilles an hervorragende liberale Parteimitglieder, an Forckenbeck und Stauffenberg [mittlerweile auch Liberale Vereinigung], abzugeben. Und es schwebten sogar schon zwischen Varzin und dem kaiserlichen Cabinete die Unterhandlungen über die Berufung der drei liberalen Minister, da erhob Bennigsen, nicht aus eigenem Antriebe, sondern von seinen Parteigenossen gedrängt, die Forderung nach Garantien und insbesondere nach einer Bürgschaft, daß das Tabakmonopol aus dem Wirthschaftsprogramme des Kanzlers verschwinden werde. Das aber ging dem Fürsten Bismarck wider den Strich; er weigerte sich, irgend welche Bedingungen zu acceptiren, und die Unterhandlungen hatten ein jähes Ende. Seitdem ist der Gedanke der Secession durch das national-liberale Lager geschritten, bis er [1880 mit der formalen Abspaltung der Liberalen Vereinigung] eine trennende Wand bildete zwischen Herrn v. Bennigsen und den hervorragendsten seiner früheren Parteifreunde. Der Führer aus dem Lande Hannover bereute es, von dem Fürsten Bismarck mehr verlangt zu haben, als dieser zu bewilligen geneigt gewesen war; die Führer aus Preußen verharrten in der Meinung, daß man von dem Fürsten Bismarck niemals Bürgschaften genug verlangen könne, wenn man sich ihm nicht wehrlos in die Hand liefern wolle.

Und dies ist auch heute noch der principielle Unterschied der politischen Auffassung zwischen den National-Liberalen und den Secessionisten. Herr v. Bennigsen verzweifelt daran, in irgend einem Kampfe den Fürsten Bismarck überwinden zu können, und wie er einst auf der Tribüne des Reichstages ausgerufen, ein Sieg über den Fürsten Bismarck werde für den Sieger ein Unglück sein, so sträubt er sich auch jetzt dagegen, die Waffen mit dem eisernen Manne zu kreuzen, dessen Ruf ihn zittern macht, wie einst der Name Hannibal’s die Römer. Er will nicht kämpfen, weil er an den Sieg nicht glaubt, vor dem Siege sich fürchtet. Aber er lebt auch außerdem in einem sonderbaren Irrthume, der seine Quelle in seiner protestantisch-kirchlichen Befangenheit hat. Für ihn gilt es als ausgemacht, daß Fürst Bismarck als Protestant niemals einen demüthigenden Frieden mit dem Papstthume schließen und das „protestantische deutsche Kaiserthum“ aus irgend welchem Grunde bloßstellen werde. Es nützt nichts, dem begabten Manne an der Hand der Concessionen, welche der Kanzler der Curie bereits gemacht hat, darzuthun, daß Fürst Bismarck sich bei der Wahl seiner Mittel durch sein religiöses Bekenntniß durchaus nicht beeinflussen läßt, sondern auch die Hand der Jesuiten ergreift, wenn er dadurch seine gegen den Liberalismus gerichteten Zwecke fördern kann: für Herrn v. Bennigsen steht es nun einmal fest, daß der Protestant Bismarck dem Staatsmanne Bismarck nie und nimmer Zugeständnisse machen werde. Die wirthschaftliche Frage endlich ist dem hannover’schen Landesdirector ein versiegeltes Buch; er versteht es nicht, in demselben zu lesen, und fragt noch heute, warum man ihn und den Eintritt der Liberalen in die Regierung um des Tabakmonopols willen geopfert habe, das er ohne Zweifel genehmigen wird, wenn Fürst Bismarck auf der Einführung desselben besteht. Herr v. Bennigsen hat seine politische Schule gemacht, als die ökonomischen Fragen noch nicht im Vordergrunde des Staatsinteresses standen, und seiner aus humanitären Grundlagen aufgebauten Bildung versagte sich auch später die Einsicht in die wirthschaftlichen Verhältnisse. Auch Fürst Bismarck ist bekanntlich bis in sein vorgerücktes Alter den ökonomischen Fragen fern geblieben, nur hat er im Unterschiede von dem quietistischen Führer der National-Liberalen sich nachträglich mit jener unvergleichlichen Elasticität, welche ihn in allen Dingen auszeichnet, auch der wirthschaftlichen Fragen bemächtigt und dieselben mit einem Eifer zu durchdringen gesucht, der es normalen Menschenkindern fast zweifelhaft erscheinen lassen könnte, ab der eiserne Mann ein Genie oder ein Schwarzkünstler sei.

Diese Charakteristik Bennigsen’s ist auch die Charakteristik seiner Partei, und sie enthält zugleich die unterscheidenden Merkmale, welche die Secession herbeiführten. Die National-Liberalen scheuen den Kampf, weil ihnen vor dem Gegner graut; die Secessionisten wollen den Kampf, nachdem sie erkannt, daß ohne diesen ihr Untergang besiegelt ist. Die National-Liberalen glauben nicht an die Möglichkeit eines „Ganges nach Canossa“, weil sie die protestantische Anschauung als die maßgebende in dem Wesen und Charakter des Fürsten Bisniarrk erachten; die Secessionisten erblicken in dem Kanzler den Handelsmann, der seine Angebote noch den vorhandenen Marktpreisen richtet. Die National-Liberalen sträuben sich, den Zusammenhang zwischen den politischen und wirthschaftlichen Fragen anzuerkennen; die Secessionisten halten dafür, daß die Reaction auf wirthschaftlichem Gebiete auch die politische Reaction bedeute.

Man sollte meinen, die National-Liberalen hätten durch die Früchte ihrer zaghaften Compromiß-Politik längst darüber belehrt sein sollen, wohin eine unbegrenzte Nachgiebigkeit gegen den Fürsten Bismarck führe. Ihre jüngste Entschließung aber beweist leider nur allzu klar, daß sie nichts vergessen und nichts gelernt haben [ein Ausspruch Napoleons über die Bourbonen]. Nun ist bis auf Weiteres, vielleicht für lange Zeit die schöne Idee einer liberalen Schlachtordnung von Bennigsen bis [zum fortschrittlichen] Virchow zerronnen; die Liberalen gehen getrennt in den Wahlkampf, in welchem die Conservativen und Clericalen ihnen geschlossen gegenüberstehen werden. Einen Sieg hätten sie vielleicht, auch wenn sie geeinigt wären, nicht errungen; aber wenigstens hätte man dann von ihnen sagen können, sie seien der Sache würdig gewesen, deren Vertretung ihnen auferlegt ist. Ach, die Römer waren glücklicher, da in gleicher Bedrängnis ein Mann sich unter ihnen fand, um ihnen an den Ruthenbündeln zu zeigen, daß Eintracht stark macht, Zwietracht aber die Besten entwaffnet.

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