Einige Winke für Steuerbeamte

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Berliner Wespen, 21. September 1881

Jeden wahrhaften Patrioten muß die überall und jederzeit zu machende Wahrnehmung bekümmern, daß so vieles Steuerbare unversteuert bleibt, und dem Staate hierdurch große Summen, die ihm nach dem Gesetze gebühren, entgehen. Nicht in allen Fällen liegt diesem Uebelstande die Prellsucht der Staatsbürger zu Grunde. Im Gegentheile muß fast durchgängig die Ungeschicklichkeit und der Mangel an Scharfblick verantwortlich gemacht werden, mit welchen die Steuerbeamten ihren Functionen obliegen. Nicht alle Steuerbeamte sind so gewitzt, wie jene zwei in Königsberg, die unlängst im Botanischen Garten erschienen, um daselbst die Steuer von den im Garten angebauten Tabakpflanzen einzuziehen. Möchten sich doch die Herren Collegen hieran ein Beispiel nehmen! Freilich setzen derartige Thaten eine Findigkeit voraus, die in dem geistigen Besitzstand der Unterbeamten nicht immer anzutreffen ist. Wir halten es mit Rücksicht hierauf für unsere Pflicht, denselben mit einigen Rathschlägen beizuspringen und ihnen als Wegweiser nach gewissen Richtungen zu dienen, in denen mit Bestimmtheit größere Mengen brachliegender Steuerobjecte anzutreffen sein werden:

Der Steuerbeamte studire die Wochenrepertoire der städtischen Theater und sehe nach, ob irgendwo Macbeth, Faust oder der Freischütz gespielt wird. Findet die Vorstellung statt, so stelle er sich hinter den Coulissen auf und harre der Dinge, die da kommen werden. Er wird alsbald bemerken, daß auf der Bühne ein Hexenkessel erscheint, in welchem Unheil gebraut wird. In diesem Moment trete der Beamte auf die Scene, gebiete der Handlung Halt und ziehe die fällige Brausteuer ein, worauf er gestatten kann, daß weitergespielt werde.

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Der Steuerbeamte, dem an seiner Carriere gelegen ist, wird es sich angelegen sein lassen, in den Frühstücks- und Vesperstunden die Familienhaushaltungen seines Reviers abzusuchen. Hierbei unterwerfe er die ausgetrunkenen Kaffeetassen einer eingehenden und fachmännischen Ocularinspection. Findet er auf dem Boden der Tasse Kaffeegrund, so messe er den Flächeninhalt desselben und erhebe die auf ihm lastende Grundsteuer. Ein ähnliches Verfahren ist in öffentlichen Badeanstalten zur Anwendung zu bringen, woselbst alle Badenden, welche Grund haben, zur Grundsteuer herangezogen werden können.

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Findet in einer Stadt, in welcher sich der Beamte befindet, eine Kunstausstellung statt, so erkundige er sich, welche Künstler die schlechtesten Gemälde ausgestellt haben, und mache diesen seinen Besuch. Hierbei äußere er etwa Folgendes: „Mein Herr, Sie haben gemalt, und die Kritik schlachtet Sie ab. Wo gemalt und geschlachtet wird, muß Mahl- und Schlachtsteuer entrichtet werden; ich bitte um dieselbe!“ Das Erträgniß dürfte in den meisten Jahren nicht ganz unbedeutend sein.

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In seinen Mußestunden tummle sich der Beamte in Privat-Parks und -Gärten umher; er wird auch in diesen mancherlei Ausbeute und Belohnung seines Pflichteifers finden. Bei einiger Aufmerksamkeit wird er unschwer in vielen Pflanzen, die ihm bei seiner Wanderung zu Gesichte kommen, einen Stempel (pistillum) entdecken, was ihm Gelegenheit giebt, von dem Eigenthümer eine angemessene Stempelsteuer einzutreiben.

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Begegnet er auf seinen Wanderungen einer Gesellschaft, welche auf einer Landpartie begriffen ist, so schließe er sich ihr an und mache die unausbleiblichen Gesellschaftsspiele mit. Wird „Kämmerchen vermiethen“ gespielt, so veranlage er die Theilnehmer sofort zur Miethesteuer.

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Fügt es der Zufall, daß dem Steuerbeamten ein Mensch in den Weg kommt, der in Folge vielen Steuerzahlens knapp bei Kasse ist, so gebe er auch hier die Hoffnung auf Erzielung eines wenn auch mäßigen Ertrages nicht auf. Wenigstens sollte er es versuchen, den Hund, auf welchen die betreffende Person gekommen ist, zur Hundesteuer heranzuziehen.

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