Niemand hat die Absicht, 1881 eine Mauer zu bauen

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Berliner Gerichtszeitung, 20. September 1881

Der Staat und die Auswanderer. — Unterzeichnet vom „Central-Ausschuß der deutschen Reichs- und freikonservativen Partei“, ist dieser Tage ein dringlicher Wahlaufruf erschienen. Da derselbe, wie zu erwarten war, nur eine Umschreibung des Gedankens: „Was Bismarck that, ist wohlgethan,“ enthält, so könnten wir ihn unbeachtet lassen, wenn er nicht am Schlusse auch einen zwar etwas unklaren, aber gerade durch seine Dunkelheit auffälligen Satz brächte, welcher wörtlich lautet: Als einen schweren Schaden erkennen wir es, daß stets wachsende: Züge von Auswanderern dem Vaterlande verloren sind, sobald sie die deutsche Erde verlassen haben; wir werden unser Bestreben darauf richten, Mittel und Wege zu finden, um diesen gewichtigen Teil unserer Volkskraft und deutschen Nationalvermögens mit der Heimat in nutzbringender Verbindung zu erhalten.

Was wollen, fragt man, die Herren Freikonservativen? Wollen sie den Strom deutscher Auswanderung von Amerika ablenken und ihn etwa durch Gründung überseeischer, deutscher Kolonien in ein Bett leiten, wo er auch auf Deutschland befruchtend wirken kann? Wollen sie, — man denke nur an die Samoa-Vorlage, — nachdem die ersten Versuche elendiglich gescheitert, den Staat zu neuen Versuchen auf dem Felde der Kolonialpolitik drängen? Wenn sie die Auswanderung als eine schwere Schädigung des Nationalwohlstandes „erkennen“, warum trachten sie nicht danach, die Quellen des Uebels zu verstopfen? Warum mißachten sie die liberalen Stimmen, welche da sagen, dem Uebel könne abgeholfen werden nur durch eine gründliche Reform des staatlichen Domänenwesens und der gesamten auf die Agrarverhältnisse bezüglichen Gesetzgebung, damit wenigstens der ländlichen Bevölkerung die Ansässigmachung erleichtert werde? — Weil sie die Ursachen, die zur Auswanderung führen, nicht anerkennen wollen, well sie den statistischen Zahlen und verbürgten Thatsachen zuwider noch in ihrem neuesten Wahlaufrufe festhalten an der Behauptung, daß „die neue Zollgesetzgebung bereits unzweifelhafte Erfolge für die Gesundung des wirtschaftlichen Lebens der Nation aufzuweisen habe.

Ein sonderbarer Zufall hat es gefügt, daß gerade an dem nämlichen Tage (d. 13. d.), da der Wahlaufruf veröffentlicht ward, auch über jene Zahlen aus Hamburg gemeldet wurde: Die Auswanderung über Hamburg betrug im vorigen Monat im ganzen 8082 Personen, von denen direkt von hier in 12 Auswandrerschisfen 6084, indirekt aber, d. h. über andere europäische Häfen 1674 mit 57 Auswandrerschiffen und 71 auf 8 anderen Schiffen expediert wurden. Die Gesamtzahl bestand aus 1885 Familien und 8502 einzelnen Personen und dem Geschlecht nach aus 4601 männlichen, 2482 weiblichen Personen. 3616 Personen waren aus Preußen, 1639 aus dem übrigen Deutschland. Die größte Zahl, nämlich 7812 Personen, ging nach den Vereinigten Staaten von Amerika. -— Vorn 1. Januar bis 31. August d. J. wurden 88 944 Auswanderer und Passagiere über hier befördert, — ungefähr die doppelte Zahl als im vorigen Jahre. — Am selbigen Tage ward aus Kassel geschrieben, daß abermals ein starker Auswandererzug, 500 an der Zahl, nach Bremen und Hamburg abgegangen sei, von wo aus die Europamüden die Weiterreise über den Ocean anzutreten beabsichtigten.  absichtiglen. ,,Es waren, — meldet die „Hessische Morg.-Z.“, — zum größten Teile junge, kräftige Gestalten beiderlei Geschlechts, unter andern viele, die aus den Kreisen Marburg, Kirchhain und Frankenberg sowie aus dem Fürstentum Waldeck stammen.“ — Von anderer Seite ward gemeldet: Nicht nur aus den östlichen, sondern auch aus den westlichen Provinzen Preußens kommen jetzt Nachrichten über die beständig wachsende Auswanderung nach Amerika. Insbesondere wird den Bergleuten von Agenten versprochen, daß sie in der neuen Heimat einen guten Verdienst haben würden. Man erinnert sich, daß in der letzten Reichstagssession von den Abgg. Stumm, v. Kardorff, Varnbüler und Genossen auf die Besserung all’ unserer wirtschafttichen Verhältnisse, dank der neuen Politik, hingewiesen und namentlich auf die Steigerung der Arbeitslöhne aufmerksam gemacht werden ist. Im schneidenden Gegensatze hierzu wird von der schutzzöllnerischen „Essener Zeitung“ die Aufforderung an die Arbeiter gerichtet, im Lande zu bleiben und nicht auszuwandern, indem geltend gemacht wird, daß wenn auch die Verhältnisse augenblickllch noch schlimm sind, namentlich die schlimmsten Zeiten überstanden habe und einer besseren Zukunft entgegengehe. — Hierzu bemerkt eine allerdings liberale, den Herren Stumm und Genossen nicht sonderlich holde Zeitung: „Wenn sich in dieser Weise ein anerkannt schutzzöllnerisches Blatt ausspricht, so dürften unsere wirtschaftlichen Zustände doch wohl nicht in so rosigem Lichte erscheinen, als unsere offiziöse Presse glauben machen will.“

Ob die Reichsregierung, und welche Schritte sie bereits gethan habe, um etwa auf dem Wege der Kolonialpolitik die Schäden der Auswanderung zu mildern, ist noch ein Geheimnis; dagegen verlautet, daß im Reichsamt des Innern an einem Gesetzentwurf, betreffend die Regelung des Auswandererwesens, gearbeitet wird. Es soll sich dabei namentlich um die Regelung des Geschäftsbetriebs der Auswanderungs-Agenten handeln. — Käme ein solches Gesetz zustande, so würde es freilich nicht genügen den Wünschen der Konservativen, welche verlangen, daß die Auswanderung nicht geregelt, sondern durch Beschränkung der Freizügigkeit, durch Wiederherstellung gutsherrlicher Gewalt, durch polizeiliches Einschreiten gegen die Auswanderungslustigen u. dgl. gernaßregelt werde; aber es würde, wenn auch nicht dern Uebel selbst, doch einem vielbeklagten Uebelstande abhelfen. Denn es ist bekannt, daß trotz staatlicher Beaufsichtigung, trotz aller gegen „gewissenlose Agenten“ getroffenen Vorsichtsmaßregeln, trotz auch des Verbots der von einzelnen Agenturen veröffentlichten, durch lockende Versprechungen zur Auswanderung anreizenden Plakate sowohl von amerikanischen als — leider — auch von deutschen Spekulanten in Hamburg, Bremen und Lübeck der Bauernfang schwunghaft betrieben wird, d. h., daß die Ausziehenden in die Bureaux der Rheder von Sklavenschiffen „verschleppt“ werden, um dort, wenn möglich noch ehe sie ausziehen, recht gründlich ausgezogen zu werden. — Mit einer verschärften Kontrolle über die Agenturen ist jedoch unseres Erachtens nur wenig geholfen.

Die Mehrzahl der Europamüden ward und wird über den Ocean getrieben durch die Unzufriedenheit mit den Zuständen in der Heimat. Zu der großen Masse derer, die teils wegen des politischen, teils wegen des materiellen, teils auch wegen des geistigen Notstandes daheim nach Amerika geflüchtet, sind in den letzten Jahren noch viele gekommen, welche vom Staate selbst ausgetrieben worden sind. Hunderte von Jesuiten und anderen Ordenspriestern befinden sich bereits, viele darunter von zahlreichen Gläubigen gefolgt, in der „neuen“ Welt. Die Socialdemokraten werden ausgewiesen und müssen sich, in der eigenen Heimat für heimatlos erklärt, drüben eine neue Heimat suchen. Jeder von ihnen nimmt entweder seine Familie, oder zieht Freunde und Parteigenossen mit hinüber. In neuester Zeit predigen die Antisemiten, daß man auch sämtliche Kinder Israels aus Deutschland aus- und — gleichviel ob nach Palästina zurück oder hinüber nach Amerika — treiben müsse. Sie leugnen, daß mit den Juden auch ein großes Stück nicht des „faulen,“ sondern des arbeitenden Kapitals aus dem Lande gejagt würde. Sie leugnen, daß mit den Juden auch ein wesentlicher Prozentsatz deutscher Arbeitskraft, Intelligenz und Betriebsamkeit fortgetrieben würde. Die Juden, — sagen die Herren Ströcker, Henrici und Ruppel, — sind gar keine Deutsche; also fort mit ihnen! — Wahrlich, wenn der Staat, welchen diese Herren träumen, jemals aufgebaut werden sollte, dann dürfte auch nicht ein Auswanderungslustiger sich zur Umkehr bewegen lassen, und wenn der Staat ihm auch hundertmal zuriefe: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“

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