Mich, mich, nicht mir!

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Neue Freie Presse, Wien, 23. September 1881

[Berlin in französischer Beleuchtung.] Dieser Tage war in einem Blättchen aus Rouen zu lesen: „Die Berliner hören es gar zu gern, wenn sie als die intelligentesten Leute in ganz Deutschland ausposaunt werden, und doch sind Personen selbst der höchsten Berliner Kreise nicht einmal im Stande, ihre Muttersprache richtig zu gebrauchen; namentlich sind sie über den Gebrauch des „mir“ und „mich“ beständig im Unklaren. Als Beweis dafür diene folgende verbürgte Anekdote. Bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin besuchte Bismarck das Opernhaus. Einige ihm feindlich gesinnte Personen auf der Galerie finge bei seinem Eintritte an, zu pfeifen. Zorngeröthet lehnte sich der Mann von Blut und Esen über die Logenbrüstung und schrie mit Donnerstimme nach der Galerie hinauf: „Das verbitte ich mir!“ Sogleich rief das ganze Publicum wie aus Einer Kehle: „Mich, mich, nicht mir!“ Bismarck hatte nun aber zufällig diesmal das Richtige getroffen, denn es heißt an dieser Stelle wirklich mir und nicht micht; das ganze Publicum wußte dies aber nicht einmal und corrigirte ihn falsch. Und das nennt sich das intelligente Berlin.“ Man wird sich in Berlin bei Durchlesung dieser heiteren Correspondenz sehr amüsiren.

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