Mit Speck fängt man Wähler — oder auch nicht

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Im Wahlkampf 1881 tritt ein Bündnis aus Konservativen und Antisemiten an, die Deutsche Fortschrittspartei aus ihrer Hochburg Berlin zu drängen. Führer der sogenannten „Berliner Bewegung“ sind etwa der Hofprediger Adolph Stöcker, die Lehrer Bernhard Förster und Ernst Henrici oder der Druckereibesitzer Julius Ruppel. Ein besonders freigebiger Spender für den „Antifortschritt“ ist der Textilhändler Rudolph Herzog, der zeitweise sogar als Kandidat für den Reichstag gehandelt wird. Dabei sind die Summen so horrend, daß vermutet wird, sie stammten teilweise aus geheimen Fonds der Regierung. Aus dem Geld werden allerlei Lustbarkeiten für die Berliner finanziert: Feuerwerke, Freibier, Freitheater, usw.

Die Berliner stehen dem Rummel skeptisch gegenüber, wie es das Satireblatt „Berliner Wespen“ am 21. September 1881 in einer Karikatur darstellt:

Die Mausefalle.

 „Man merkt die Absicht und man wird verstimmt.“

In derselben Ausgabe der „Berliner Wespen“ gibt auch Herr Muckenich ein Gastspiel (der sich während des Wahlkampfes allerdings zeitweise in Muckedoch umbenennt). Er ist eine der stehenden Figuren des Blattes: ein braver Berliner Bürger, der sich seine Gedanken über alles und jedes macht und nie damit hinter dem Berg hält. Lieblingsphrase: „Ich will deutlicher werden.“

Leicht läßt Muckenich sich von den Verlockungen der Antifortschrittler mitreißen. Aber dann bricht doch sein gesunder Menschenverstand und hintersinniger Witz durch.

Um die folgende Szene besser genießen zu können, einige Anmerkungen:

    • Angespielt wird auf die oben schon erwähnten Antisemiten: Stöcker, Ruppel und deren Geldgeber Hertzog.
    • In Danzig hat Anfang September ein Treffen des deutschen Kaisers mit dem russischen Zaren stattgefunden, über das es einige Verwirrung gab. Was besprochen wurde, ist auch nach Wochen noch nicht klar. Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ unter der Leitung von Emil Johann Alois Friedrich Pindter streut im Vorfeld falsche Informationen über den Ort der Zusammenkunft aus, um ein angebliches „Banditen-Rendevouz“ von Nihilisten, Anarchisten, usw. zu verhindern.
    • Bismarck spielt sich seit einer Weile als Retter des „armen Mannes“ oder auch der „Enterbten“ auf, eigentlich ein klassisch sozialdemokratisches Schlagwort. Von seinen Anhängern wird eine „Partei Bismarck sans phrase“ gefordert, die mit dem Kanzler durch „dick und dünn“ gehen soll. Von den Antisemiten kommt es immer wieder zu Huldigungstelegrammen an Bismarck, die dieser höflich beantwortet.
    • Im Reichstag ist seitens der Regierung der Versuch unternommen worden, ein Gesetz gegen die Trunksucht durchzubringen, was aber gescheitert ist.
    • Der berühmte Pathologe Rudolf Virchow kandidiert für die Deutsche Fortschrittspartei im zweiten Berliner Wahlkreis gegen Hofprediger Stöcker.
    • In der Augsburger Allgemeinen Zeitung ist im August 1881 ein anscheinend offiziöser Artikel zur Beendigung des Kulturkampfes erschienen, der mit „v. S.“ gezeichnet ist. Trotz einiger Spekulationen kann nicht geklärt werden, wer sich dahinter verbirgt.
    • Fritz Käpernick ist ein berühmter Langläufer in der Zeit.
    • In Castan’s Panoptikum werden um die Zeit siamesische Zwillinge ausgestellt.

Muckenich, der Freidenker.

Muckenich (steigt aus einem Keller am Belle-Allianceplatz hervor und wankt auf einen Schutzmann zu, den er anredet.) Herr Commissionsrath, Ihnen suche ick, wie ’ne Stecknadel, um Ihnen zu bitten, mir in eine Droschke zweitester Klasse zu setzen un nach die Scharriteh bringen zu lassen.

Schutzmann. Was fehlt Ihnen denn?

Muckenich. Sehen Sie mir des nich an? Ick bin durch innere Verletzungen bewußtlos und überhaupt nich vernehmungsfähig. Ick bin da unten im Keller in das Banditen-Rangdewuh jerathen, das in Danzig nich stattfinden konnte. Wie ick nämlich janz abjejessen un abjetrunken hatte, frage ick den Wirth, wieviel er mir schuldig is. Herr Muckenich, sagt er, bezahlen Sie Ihre Zeche un denn is jut. Ick un Zeche? sage ick, ick bin ein Enterbter, meine Zeche bezahlt Hertzog.

Schutzmann. Welcher Hertzog?

Muckenich. Na, der Kleiderstöcker.

Schutzmann. Ich verstehe Sie nicht.

Muckenich. Det is mir sehr anjenehm, denn kann ick ja deutlicher werden. Der Kleiderstöcker is der bekannte Mantillenruppel, der jetzt Allens bezahlt. Ick sage also zu dem Wirth: Schicken Sie meine Rechnung zu ihm hin un bestellen Sie man, daß ick antifortschrittlich wähle, denn bezahlt er den janzen Schwamm.

Schutzmann. Ich sehe schon, daß Sie betrunken sind. Machen Sie, daß Sie von der Straße kommen. (Geht fort.)

Muckenich (erzählt weiter). Also jut. Der Wirth aber, statt zu Hertzog zu schicken, lacht, der Kellner lacht, die Jäste lachen ooch, ick werde an die Luft jesetzt, un so verlief ick in unjetrübter Heiterkeit. (Er singt)

„Unjeheure Heiterkeit ist meines Lebens Rejel.“

Droschkenkutscher. Aujust, sing’ mir meinen Jaul nich scheu!

Muckenich. Nich wahr? Det is ’n Stimmchen! Betz mit ’n Schuß Reichmann. Un diese Stimme will ick, wenn im Oktober die Urnen reif sind, einem Antifortschrittler jeben! Dafür jiebt Hertzog ein Vermöjen her, damit unsereiner Sonntags seinen Affen im Topp hat, bis die Wahlen vorüber sind. (Schreit.) Seine Hoheit der Hertzog soll leben, hoch! un nochmals hoch!

Schutzmann. Schreien Sie nicht!

Muckenich. Ein Hoch wird immer jeschrien, ein Hoch is keen Jeheimniß, wie zum Exempel die Kaiserzusammenkunft für Pindter. Wenn ick Hertzog ein Hoch ausbringe, denn kann ick Ihnen det nich in’s Ohr sagen.

Schutzmann. Sie haben mir hier nichts in’s Ohr zu sagen und nicht zu schreien, sondern sich ruhig zu verhalten. (Geht weiter.)

Muckenich. Der junge Mann redet in Räthseln. Wenn wir jetzt nich Hurrah schreien sollen, wo wir Allens umsonst kriejen un wo Bismarck Tag und Nacht darüber jrübelt, wie er den armen Mann aus der Welt schafft un ihm ein sorjenfreies Knie, auf das er seine Enkel schaukeln kann, sichert, — wann sollen wir denn Hurrah schreien? Es kommt die Zeit, wo bloß Hertzog keen Jeld mehr haben wird, weil er Allens verwahlzettelt hat, un wir sollen nich Hurrah schreien? Im Jejentheil, ick werde mal zu ihm hinloofen un vor seinem Bundesladen ein Hoch auf ihm ausbringen. (Er läuft, stolpert und fällt nieder.)

Straßenjunge. Kriejen Sie mir mal!

Muckenich. Man darf öffentlich nich sagen, det Jemand ein Kind kriejen soll, det jeht det Publikum nischt an und ruft alljemeine Entrüstung, die Lünchjustiz und det rauschendste Bukettwerfen hervor.

Vorübergehender. Wenn Sie da noch lange liegen, dann kommt das Trunksuchtgesetz, und Sie werden auf die Anklagebank gebracht.

Muckenich (wiederaufstehend). Ick wollte, et wäre schon so weit, denn ick sehe mir schon lange verjeblich nach ’ne Bank um. Eben drum aber werde ick antifortschrittlich wählen, damit wir det Trunksuchtjesetz und die Bänke kriejen, wo sich unsereiner niederlassen kann. Un wenn ick zu Hertzog sage, det ick mir für sein Jeld det Trinken anjewöhnt habe, denn läßt er die Anklagebank mit Plüsch tapezieren un polstern, det es ’n Verjnüjen sein wird, sich druf zu setzen. (Tritt an eine Droschke heran.) Kutscher, sind Sie Droschke zweiter Jüte?

Kutscher. Ja, dritter Jüte jiebt et keene.

Muckenich. Denn fahren Sie zu Hertzog, grüßen Sie ihm von mir, un Sie wollten conservativ wählen, un denn jiebt er Ihnen det Jeld zu ’ne Droschke erster.

Kutscher. Ick lasse mir nich freihalten.

Muckenich (schreit). Denn sind Sie ein Reichsfeind, ein Dynamist, ein Republikaner, ein Mitjlied der Partei Bismarck aweck Fraß, ein Banditen-Rangdewub, ein janz jewöhnlicher Virchow, haben Sie mir verstanden?

Kutscher. Ja, nach Dalldorf is ’ne doppelte Tour.

Muckenich (schreit weiter). Wenn Sie aber ’n jewöhnlicher Virchow sind, dann stehen Sie hier nich in’n Fahrweg rum, sondern machen Sie, det Sie nach die Universität kommen! (Zu einer Dame.) Haben Sie schon ’ne Aussteuer? (Die Dame eilt vorüber.) Na, denn man flink zu Hertzog, grüßen Sie ihm von mir, un Sie jehen mit Bismarck durch Allens, wat man verlangt, durch Corpulent un Mager, worauf Hertzog sagt: Bitte, suchen Sie sich einen von meine Commis zum Mann aus un dazu Allens, wat Sie in die Wirthschaft brauchen! (Laut schreiend.) Wer jetzt in Berlin Jeld sparen will, der muß wie ick zur Rejierung stehen. (Er fällt hin.) Au, Donnerwetter, da habe ick mir mit Respekt zu melden wat jebrochen. Schutzmann, loofen Sie mal so stantepede wie Sie können zu Hertzog seinen Doctor, un er soll mir mal flink ein künstliches Been —

Schutzmann (ihn aufrichtend). Es wird wohl so schlimm nicht sein, kommen Sie nur mit.

Muckenich (ihm folgend). Mit wem habe ick det Verjnüjen?

Schutzmann. Vorwärts!

Muckenich. Freut mir sehr, Herr Vorwärts, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen. Mein Name is Muckenich. Im ersten Moment hielt ick Ihnen für den Herrn v. S., den keen Mensch kennt. Un nu kommen Sie mir wieder wie Käpernick vor, weil Sie so pressirt sind. Un nu halte ick uns Beede für die zusammenjewachsene Zwillinge aus’m Castanopticum, weil Sie sich so an mir anklammern. Det is recht, halten Sie sich fest, Herr Vorwärts! (Nach einer Pause.) Haben Sie ’ne Ahnung, wo wir hinjehen, Herr Vorwärts? Wo immer, Hertzog bezahlt Allens, bis die Wahlen vorbei sind. Nachher jeht Allens wieder auf unsere eejene Tasche. (Er wird auf das Polizeibureau gebracht.) Hier bleibe ick ooch bloß, wenn’t nischt kostet. Freibier, Freiconcert, Freiangtreh, Freitheater, Freijefängniß —

Schutzmann. Stille da!

Muckenich. Is jut, Herr Vorwärts, ick schlafe schon. Wenn ick ufwache, denn — erinnern Sie mir daran, — det ick an Bismarck — telejrammen will: — Ick bin mit Hertzogs Wirthschaftspolitik — janz einverstanden, un ick un meine Freunde — wir wählen wie früher Virchow, an den — halten wir — conservativ fest! (Er schläft ein.)

Hinweis

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