Der Fortschrittsriese

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Langsam scheint beim Antifortschritt einzusinken, wie stark die Fortschrittspartei in Berlin ist. Hofprediger Stöcker versucht sich deshalb zur Aufmunterung seiner Truppen am 23. September 1881 mit einem verzweifelten Bild, für das er sich ausgerechnet aus der jüdischen Geschichte bedient. Diesen Übergriff weist die Allgemeine Zeitung des Judenthums am 11. Oktober 1881 zurück:

— In jüngsten Versammlungen seiner Partei schloß Stöcker mit folgendem Knalleffekt: „Wie der kleine David im Namen Gottes den unüberwindlichen Goliath mit kleinen Steinen angriff, wollen auch wir den Fortschrittsriesen bewerfen, und sehen Sie zu, der Kopf fängt ihm schon an zu wackeln. Werfen Sie weiter, und er wird stürzen, so lang und dick er ist (Große Heiterkeit und Beifall).“ Man kann aus dieser Redeweise schließen, was für Zuhörer der Herr Hofprediger hat, denen solche geistige Speise aus der Hofpredigerküche ganz besondere mundet. Bekanntlich nennen seine  Anhänger Stöcker den zweiten Luther; hiergegen Einwendungen zu machen, ist nicht unsere Sache. Wenn er sich jetzt aber selbst mit dem Könige David vergleicht, so protestiren wir dagegen, die wir zu den Nachkommen und nächstberechtigten Erben dieses Königs gehören. Stöcker möge sich die, mit welchen er sich auf eine Linie stellt, nicht von den gehaßten Semiten, sondern von den Urgermanen borgen, vorausgesetzt, daß er auf diese einen verwandtschaftlichen Anspruch habe, was sehr zweifelhaft ist.

Der Hofprediger sagt dabei gar nicht, womit eigentlich der Fortschrittsriese beworfen werden soll. Die „Berliner Wespen“ können es sich denken. Am 5. Oktober 1881 bringen sie eine Karikatur, in der der Fortschrittsriese als Eugen Richter dargestellt ist (Stöcker spielt in seiner Bemerkung auf dessen Größe und Leibesumfang an):

David und Goliath.

(S. Stöckers Rede vom 23. September.)

Goliath. Aber David, mit was schmeißen Sie denn?

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