Drei antifortschrittliche Wählerversammlungen

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Allgemeine Zeitung des Judenthums, 11. Oktober 1881

Am 24. Sept. [1881] Abends tagten drei antifortschrittl[iche]. Wählerversammlungen des zweiten und dritten Berliner Wahlkreises. Die eine Versammlung bot einen kläglichen Anblick und zeigte, wie schnell es mit Dr. Henrici abwärts geht, der keine zweihundert Mann mehr um sich zusammenbringen kann. Daher ein Jammer über „Volksstimme und Volksgunst“. Ein Redner meinte zwar, daß Henrici in der Volksgunst gleich hinter Fürst Bismarck (!!!) und Stöcker stehe, und gewiß werde er, nämlich Henrici, einst entscheidender Minister sein. Henrici selbst sieht das ihm zufallende Ministeramt doch nicht als so sicher an, denn er schloß seine Rede mit folgenden Phrasen: „Nur um einen Schwatzsessel im Parlament zu erhalten, habe ich mein Amt nicht geopfert, unsere Ziele gehen viel weiter und wenn ich ale Einziger dastehen sollte, werde ich das, was ich für Recht erkannt, noch vertheidigen und event. zu fallen wissen. Aber ich werde nicht fallen, das verspreche ich Ihnen schon heute!“ Die Versammlung war hocherfreut darüber, daß ihr Meister verspreche, nicht zu fallen. — Zu gleicher Zeit hielt sein Concurrent, der Antisemit Julius Schulze, eine conservative Versammlung, die ebenfalls sehr dünn gesäet war. Da wurden dann dem Henrici bitterböse Wahrheiten gesagt, der von vielen Dingen gar nichts verstehe. Auch Stöcker hielt eine Versammlung zu gleicher Zeit, die jedoch keine große Begeisterung zeigte und offenbar in gedrückter Stimmung abgehalten wurde.

Siehe auch: Streit beim Antifortschritt

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