Einen Volksmann wie Eugen Richter hat keine Partei aufzuweisen

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Neue Freie Presse, Wien, 30. September 1881

Berlin, 28. September. [Orig.-Corr.] (Eugen Richter im fünften Wahlkreise.) Einen Volksmann von der Beredsamkeit, dem Reichthume politischen Wissens, der Energie und Rücksichtslosigkeit und der sich stets gleich bleibenden geistigen Frische, wie Eugen Richter sie besitzt, hat keine politische Partei in Deutschland und Oesterreich, vielleicht keine auf dem ganzen Continente aufzuweisen. Das zeigte sich wieder gestern [27.  September 1881] bei der Rede, die Richter als Candidat des fünften Berliner Wahlkreises in der hiesigen „Tonhalle“, einem großen Locale am nördlichen Ende der Friedrichsstraße, hielt. Diese Rede war minder bedeutend, wie viele andere Reden Richter’s, schon dadurch, daß sie sich nicht gegen die Bismarck’sche Politik im Großen wendete; aber sie war sehr wirksam und entsprach vollständig ihrem Zwecke, eine Wahlrede speciell für die Berliner zu sein. Richter griff die Conservativen und seinen Gegen-Candidaten, Herrn Cremer, höchst geschickt an und konnte sich von neuem überzeugen, daß ihm seine Wählerschaft treugeblieben.

„Die Conservativen,“ so begann nach witziger Einleitung seine Rede, „werfen der Fortschrittspartei vor, die „schlechten Zeiten“ verschuldet zu haben. Was hat denn die clerical-conservative Majorität in die letzten Session zu Stande gebracht? Dreierlei: das Socialisten-Gesetz, das verstärkte Armeebudget und die Erhöhung der Steuerlast um 145 Millionen. Die Fortschrittspartei hat gegen das Socialisten-Gesetz gestimmt, weil dasselbe das Princip des gleichen Rechtes für  Alle verletzte. Wenn wir sehen, wie Herr Stöcker Reden hält, die mehr aufreizen, als die social-demokratischen Reden (Bravo!), und wenn wir sehen, daß hinter einem Manne wie Ruppel ein Arbeiter Stahl aufsteht und lediglich deßhalb ausgewiesen wird, weil er erklärte, für einen Social-Demokraten stimmen zu wollen, so freuen wir uns umsomehr, gegen diese Statuirung der Rechtsungleichheit eingetreten zu sein. (Stürmischer Beifall.) Graf Wilhelm Bismarck stellt zwar das Socialisten-Gesetz auf die Stufe der Hundesperre, der Selbstmord eines neuerdings Ausgewiesenen wird den jungen Herrn eines Besseren oder vielmehr Schlechteren belehrt haben.“ (Beifall.) In diesem Augenblicke muß ein eleganter, die Ruhe störender Jüngling entfernt und durch einen Schutzmann hinausgeleitet werden. Richter benützt die entstandene Unruhe nur, um mit seiner unnachahmlichen Ironie seine Hörer zu ersuchen, sie möchten sich doch durch „solche Kleinigkeiten“ nicht stören lassen die nur Beweis von der Furcht der Gegner ablegten. Nach einer kurzen Beleuchtung der Militärfrage fährt er fort:

Das dritte Präsent, welches die letzte Legislatur-Periode gebracht, die 145 Millionen Steuern, lasten, wie schon oft ausgeführt ist, in erster Reihe auf dem armen Manne, demselben „armen Manne“, der früher nur ein „sogenannter“ war, aber jetzt von so vielen Freunden umworben wird, daß man ihn wieder vor lauter Freunden nicht sieht. Jetzt schreien die Conservativen: „Wo ist das viele Geld geblieben? Die liberale Wirthschaft hat die Millionen verzettelt, in die Villen im Thiergarten sind sie gewandert!“ Nein, nach der Leipziger Straße Nr. 5 (das Kriegsministerium) sind sie gewandert. (Große Heiterkeit!) Wir haben nicht für Errichtung des Cadettenschlosses in Lichterfelde, wir haben gegen die Dotationen der Generale gestimmt, ebenso gegen die Festlegung des Reichskriegsschatzes im Juliusthurm; ganz anders die Conservativen, die es am liebsten gesehen, wenn selbst silbernes Tafelservice für die Tafeln der Generäle aus den Dotationen beschafft würde. (Beifall und Heiterkeit.) 5000 Millionen hat uns die Armee seit 1872 gekostet; ist es da ein Wunder, daß unsere Finanzen geschwächt worden sind? Die Kürzungen um 500 bis 600 Millionen sind das Verdienst der Fortschrittspartei. Wer hat denn Ersparnißanträge eingebracht? Die Conservativen etwa? O nein. Diese haben nur an dem Schul-Etat Ersparnisse machen und den Gehalt der weltlichen Schul-Inspectoren streichen wollen, während sie für die Geistlichen nie genug bekommen wollten. (Beifall.)

Zur wirthschaftlichen und socialen Frage bemerkte Richter:

Wo sind denn die Segnungen der neuen Wirthschaftspolitik? Sie sind nirgends zu finden. Wenn unsere Verhältnisse zu wünschen übrig lassen, so liegt das nicht an den einzelnen Gesetzen, welche nach dieser oder jener Richtung erlassen werden; eine einzige gute Ernte ist mehr werth, wie eine ganze Reihe von Gesetzen. (Beifall.) Die Gesetze können den Nationalreichthum nicht vermehren, sie können ihn nur anders vertheilen, denn der Staat kann Niemandem etwas geben, was er nicht zuvor einem Andern fortgenommen hat. (Beifall.) Als Heilmittel werden Kornzölle vorgeschlagen, dieselben führen aber lediglich zu einer Vertheuerung der nothwendigsten Lebensmittel und dienen auch keineswegs der Landwirthschaft. Dann will man durch zünftlerische Einrichtungen und sonstige Zwangsrecepte für das Handwerk die Lage verbessern. Wenn das Handwerk in schwerer Concurrenz liegt mit der Groß-Industrie auf vielen Gebeiten, wenn die Groß-Industrie frei ist, während der Handwerker überall Beschränkungen unterworfen wird, ist das ein Vortheil für den Handwerker? Nein, derjenige Kleine, der gebunden ist, ist in doppeltem Nachtheil gegen den Großen, der die Arme frei bewegen kann. (Beifall.) Dieselbe Benachtheiligung des Kleinen, des Arbeiters, zeigt sich in der Beschränkung der Freizügigkeit; wenn das Kapital sich hinwenden kann, wo es will, während der Arbeiter in der Verwerthung der Arbeitskraft eingeschränkt wird, so wird er noch mehr zum Sklaven des Kapitals. Man nennt die wirthschaftliche Freiheit die Freiheit des Verhungerns; letztere würde auch bei der neuen Wirthschaftspolitik bestehen bleiben, dazu aber noch die Freiheit, sein Brot zu verdienen, beschränkt werden. (Bravo!)

Die wuchtigsten Hiebe trafen diesmal den ehrenwerthen Herrn Cremer, der aus einem ultramontan-carlistischen Champion jetzt ein Antisemiten-Führer und Verfechter der Bismarck’schen Wirthschaftspolitik geworden ist. Richter zeigte aus einer früheren Rede Cremer’s in Crefeld, wie dieser Syllabus und Encyclica zum Kern nicht nur seines kirchlichen, sondern gerade seines politischen Programms machte, und fragt, wie dieser Mann wagen könne, in Berlin der ersten Stadt des Reiches, zu candidiren. Richter’s Rede schloß unter enthusiastischem Beifall mit folgenden packenden Sätzen:

Bei den Wahlen handelt es sich nicht um uns und unsere Personen. nicht um uns und die Treue gegen uns, sondern um die Treue der Bürgerschaft gegen sich selbst. Berlin hat fortschrittlich gewählt und sich selbst durch den Waffenglanz nicht blenden lassen, weil die Erkenntniß durchgedrungen war, daß die Einheit ohne Freiheit verhängnißvoll werden kann. Berlin hat sich auch nicht durch den Personencultus blenden lassen. sondern der Ansicht gehuldigt, daß gerade große Männer die Kritik des freien Wortes vertragen können. Die eigene Erfahrung treibt den schwer durch das Leben sich durchkämpfenden Berliner dahin, sich mit dem Fortschritt zu verbinden, um die wirthschaftlichen und politischen Hemmnisse zu beseitigen. (Bravo!) Die Berliner standen treu zur Fortschrittspartei, als derselben die klangvollsten conservativen Männer entgegengestellt wurden, als Fürst Bismarck im Zenith seines Ruhmes stand. Heute, wo Fürst Bismarck seine eigenen Werke zerstört, wo sich seine bedeutendsten Mitarbeiter von ihm trennen, sollte Berlin andersdenkend werden? Heute sollte Berlin sich von der Fortschrittspartei abwenden. wo sich überall im Lande neue Anhänger ihr zuwenden? (Beifall.) Männer wie Falk und Moltke sind seinerzeit in Berlin in der Minorität geblieben, und heute sollen Berühmtheiten wie Stöcker, Julius Schulze, Meyer etc. den Sieg erringen? (Lebhafter Beifall.) Es ist dies ein Zeichen, daß man nicht nur eine Umkehr will, sondern noch eine besondere Demüthigung für Berlin in Aussicht nimmt. (Bravo!) Berlin soll sich demüthigen vor dem Kanzler durch die Wahl seiner Vertreter. Deßhalb ist es nicht die Frage des Fortschrittes und des Liberalismus, die hier zur Entscheidung kommt, es ist die Frage der Ehre der Stadt Berlin, die auf dem Spiele steht. (Stürmischer Beifall.) Aber jetzt bricht eine ungeküstelte Bewegung aus der Mitte der Bevölkerung durch; man fühlt, daß man schon zu lange das Treiben der Gegner geduldet, zu lange Nachsicht geübt hat und daß man zu lange den guten Ruf der Stadt Berlin hat aufs Spiel setzen lassen. (Beifall.) Es kommt jetzt darauf an, den wirklichen Ausdruck der Ansicht der Berliner Bürgerschaft zur Geltung zu bringen. Wir hoffen, daß dies Gefühl mit jedem Tage, den wir uns den Wahlen nähern, erstarken und daß dies Bewußtsein alle Classen der Bevölkerung ergreifen wird. Und wenn dies der Fall ist, dann wird der 27. October nicht ein Tag der Demüthigung und Umkehr für Berlin werden, sondern ein Ehrentag für das freisinnige Berliner Bürgerthum.

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