Übermut bei den Antifortschrittlern

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Berliner Wespen, 28. September 1881

In spe.

Bei den Candidaten der Antifortschrittlichen vollzieht sich gegenwärtig ein rasches Avancement. So rief ein Plakat an den Anschlagsäulen vor einigen Tagen die Wähler des dritten Reichstagswahlkreises zu einer Versammlung, in welcher der „Reichstagsabgeordnete Juliuz Schulze“ Vortrag halten würde.

Unser Berichterstatter meldet uns, daß diese Versammlung von einem wahrhaft distinguirten Publikum besucht worden ist.

Unmittelbar vor dem Reichstagsabgeordneten Schulze saß der „Professor und Sekretär der Berliner Akademie der Wissenschaften Schmidt“. Derselbe befindet sich heute bereits im vierten Semester, gedenkt demnächst in’s tentamen physicum zu steigen und hat mithin die Professur wie das Sekretariat bereits so gut wie in der Tasche.

Dicht neben ihm wurde der berühmte „Afrikareisende Schwenneberger“ bemerkt. Dieser hat zwar bis zum Moment Berlin noch niemals verlassen, steht indeß bereits mit der Direction der Anhalter Eisenbahn in Verhandlung wegen eines Billets nach München, von wo aus er nach Bornu und nach anderen wenig erforschten afrikanischen Gegenden vorzudringen gedenkt.

Dieser Afrikareisende unterhielt sich in angelegentlicher Weise mit einem höheren Militär, der im vergangenen Frühjahr eine achtwöchentliche Uebung mitgemacht und bei dieser Gelegenheit das silberne Portepee, sowie die Charge eines Vicefeldwebels erlangt hatte. Unserem Berichterstatter wurde er als der „Generalfeldmarschall Lulatsch“ bezeichnet.

Auch die höhere Finanzaristokratie war vertreten. Hier sei nur der „Millionär Tübbeke“ erwähnt, ein bekanntes Glückskind, welches über ein Viertelloos der preußischen Lotterie verfügt und dadurch begründete Anwartschaft auf unendliche Reichthümer besitzt.

Alle diese und viele andere Personen von gleicher Notorietät jubelten dem „Reichstagsabgeordneten Julius Schulze“ zu.

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Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

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