Monat der Entscheidung: Oktober 1881

Dieser Artikel wurde 1620 mal gelesen.

Berliner Gerichtszeitung, 1. Oktober 1881

Am 1. Oktober. — Der Wahl- und Qualmonat, den wir heut beginnen, verspricht ein recht heißer zu werden. Es scheint zwar unmöglich, daß die Parteien, vor allen die antisemitischen, noch mehr Wahlversammlungen abhalten können, und daß es in denselben noch heißer als bisher zugehen werde, und dennoch wird, — man kann darauf wetten, — das schier Unmögliche geschehen. Desgleichen scheint es unmöglich, daß die Sprache der gouvernementalen und der freiwillig gouvernementalen Blätter noch überboten werden könne an Schelt- und Schimpfworten, Verdächtigungen und Anklagen wider die Liberalen, und dennoch, — man kann darauf wetten, — werden die Offiziösen in noch heftiger Weise den Gegnern zu Leibe gehen, werden, um bei dem Wettrennen am 27. d. Mts. die Konkurrenten zu schlagen, ihre Rößlein nach den Gesetzen der höheren Stallweisheit fleißig trainieren, sie werden sich selbst noch vervollkommnen in der höheren —  Stallsprache. Was alles werden wir noch zu hören bekommen, und wie werden in der Presse während der nächsten Wochen die „Geister aufeinander platzen!“

In stillen oder nur mäßig erregten Zeiten pflegen die politischen Parteien in behaglicher Langsamkeit ihre Wahlvorbereitungen zu treffen: Wahlcomités werden gebildet, Gelder gesammelt, Vertrauensmänner ernannt, die Wahlbezirke in Distrikte, diese wieder in kleinere Kreise, diese hernach nach Stadtvierteln, Häusern u. s. w. eingeteilt. Ist dies geschehen, so beginnen die Parteiführer die Arbeit: Beratungen über Wahlprogramme, definitive Feststellung derselben, Anfertigung der Kandidatenlisten und Korrespondenz der Centralstelle mit den einzelnen Bureaux. — Mit Flugblättern, Auf- und Mahnrufen und mehr oder minder scharfer Zeitungsfehde pflegt man bis kurz vor den Wahlen zu warten. Auch die Kandidaten lassen sich bis etwa sechs Wochen vor den Wahlen Zeit, ehe sie, ihre Rundreisen beginnend, sich den Wählern vorstellen. Oftmals ist es vorgekommen, daß die Wähler erst an der Thür des Wahllokals den Namen ihres Deputierten-Kandidaten erfuhren. — Diesmal ist dies alles, alles anders. Die Vorbereitungen für die Wahlen anni 1881 haben bei den Konservativen schon anno 1877 begonnen, ja eigentlich sind sie schon seit früherer Zeit im Gange gewesen und nie unterbrochen worden. Von jeher waren die Herren der Rechten darauf bedacht, den „liberalen Ring“ zu zerbrechen, sie waren und sind es umsomehr, als sie erfahren haben, daß der Reichskanzler fest gewillt ist, seine wirtschaftlichen Pläne durchzusetzen, wenn nicht mit dem nächsten Reichstag, so doch bestimmt mit einem zukünftigen. Wie an die Verheißung einer neuen konservativen Aera glaubten sie an das vom Kanzler angeblich gesprochene Wort: „Ich werde mein Ziel erreichen, und wenn ich den Reichstag auch zwei- oder dreimal auflösen müßte!“ — Mit einer in unserer parlamentarischen Geschichte unerhörten Wildheit ist der Wahlkampf schon lange vor Schluß des letzten Reichstags eröffnet, mit ungewohnter Raschheit ist überall die Wahl-Organisation vollzogen, die Ansammlung von Fonds bewerkstelligt und auch die „publizistische Campagne“ in Zeitungen, Extrablättern und Versammlungen begonnen worden. Alle Parteien, — mit Ausnahme der Hochkonservativen, welche, und zwar zu Recht erklären, daß sie sich den Luxus eines besonderen Programms ersparen dürfen, — sind mit ihren Wahlprogrammen bereits an die Oeffentlichkeit getreten. In allen Himmelsgegenden des Reichs, in Städten und Dörfern, sind schon seit Monaten die Kandidaten thätig, hier im Vertrauen auf die „gute Sache“ und auf die Kraft der Reden, dort unterstützt durch freundschaftliche Fürsprache oder durch die Dienste, welche von eifrigen Hof-, Hilfs- und Reisepredigern geleistet werden. Hier ertönen Klagerufe über schlechte Zeit, Steuerdruck, Staatsomnipotenz und Reaktion, dort aber, wo man das Lied: „Deutschland, Deutschland über alles“ singt, schallt lustiger Hep-hep-Ruf und Schlachtruf wider den Liberalismus.

Was alles hat man den Liberalen vorgeworfen, mit denen sich zum großen Verdruß der Konservativen auch die Scharen [des Nationalliberalen] Bennigsens verbunden haben! Sie streben nach der Regierung, sie haben die ganze schlechte Gesetzgebung verschuldet, sie haben den größten Teil der Milliarden unnütz verzettelt, durch Anlage in schlechten Papieren entwertet, zu zwecklosen Ausgaben verthan! Nicht die konservativen Männer, welche an der Spitze der Regierung bis heut gestanden, nein, die Liberalen sind die allein Schuldigen! Sie haben das Unfallversicherungsgesetz, das Tabakmonopol, die Samoa-Vorlage, kurz alles, was zum Wohle der Arbeit, des Gewerbes und des Handels mit dem Auslande vorbereitet war, zu Falle gebracht! Sie müssen vollständig „an die Wand gedrückt, die Möglichkeit, auch ferner dem Staate zu schaden, muß ihnen genommen werden. Die Regierung darf nicht rasten, bis sie den Siege errungen hat.

Soweit sich bis heut der Kampfplatz überblicken und ein Urteil fällen läßt, befindet sich die Regierung in einer günstigen Stellung. Nach verschiedenen Seiten hin durch Verheißungen engagiert, ist die Regierung dioch nach keiner Seite hin durch Versprechungen gebunden. Den Agrariern hat sie eine weitere Erhöhung der Kornzölle, den Großindustriellen eine solche der Schutzzölle in Aussicht gestellt; durch ihre Organe läßt die Regierung die Lehre verbreiten, daß das Aufblühen, resp. Wiedererblühen der Landwirtschaft und Industrie lediglich durch die Liberalen gehindert und allein durch sie, d. i. durch die Regierung gefördert werde. Nirgends aber und gegen niemand hat sich die Regierung zu bestimmten Schritten verpflichtet. — Den Klerikalen verheißt die Regierung Herstellung des Kulturfriedens. Sie kann, auf die Sendung Schlözers [zum Heiligen Stuhl] hinweisend, mit Fug behaupten, daß sie zu friedlichem Werke und zur Nachgiebigkeit bereit und gesonnen sei, sich mit dem Papste zu verständigen. Den Protestanten kann sie trotzdem versichern, daß sie nicht denke an einen „Gang nach Canossa“. [Der neue Bischof] Korum thront zwar in Trier; aber der Friedensvermittler, Herr v. Schlözer, befindet sich auf der Reise nach Amerika, von wo er besten Falles erst in sechs Wochen, also erst nach den Wahlen zurückkehren kann. — Dem Handwerk verheißt sie Wiedereinführung der Innungen; aber sie giebt überall zu verstehen, daß diese Einführung nicht von ihrem Willen, sondern von der Entscheidung des Reichstags abhängig sei. Von den Verheißungen aber, welche (vgl. die letzte Rundschau), den „Enterbten“ gemacht worden, ist nicht eine, welche direkt vom Staate ausgegangen, welche nicht lediglich durch zwar gut- aber nicht amtlich accredierte Mittelspersonen ins Volk geworfen wäre.

Je günstiger in jeder Beziehung die Regierung postiert ist, desto größere Anstrengungen werden die Liberalen machen müssen, wenn sie ihre Stellungen bis zum Wahltage hehaupten wollen.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Antisemitismus, Bismarck, Deutsche Fortschrittspartei, Freihandel, Geschichte, Konservative, Nationalliberale, Parlamentarismus, Religionsfreiheit, Staatssozialismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar