Fortschritt und Sezession an Bismarck: Let’s Roll!

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Am 4. Oktober 1881 kommt es zu einer riesigen Versammlung in Berlin, mit 4.000 bis 6.000 Teilnehmern je nach Bericht. Tatsächlich werden sogar 15.000 Karten verlangt, einen so großen Veranstaltungsort gibt es allerdings nicht in Berlin.

Die Sensation des Abends ist der gemeinsame Auftritt von Eugen Richter und Eduard Lasker, Führer der Liberalen Vereinigung. Letztere hat sich 1880 von der Nationalliberalen Partei abgespalten, deren Kurs sich immer mehr vom Liberalismus entfernt hatte. Die Liberale Vereinigung wird auch als Sezession, ihre Anhänger als Sezessionisten bezeichnet. Inhaltlich trennt sie nur wenig von der Fortschrittspartei, mit der sie dann auch 1884 zur Deutsch-Freisinnigen Partei fusioniert (Eduard Lasker stirbt kurz vor der Vereinigung).

Nicht nur treten Eugen Richter und Eduard Lasker gemeinsam auf. Die beiden Parteien haben sich auch auf gemeinsame Kandidaten in 150 Wahlkreisen geeinigt, um gegen die Reaktion Front zu machen.

Hier nun der Bericht der Neuen Freien Presse in Wien vom 7. Oktober 1881:

Wien, 6. October. (Lasker und Richter vor Berliner Wählern.) Vorgestern Abends fand im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise eine große Wählerversammlung statt. Mehr als 6000 Personen waren anwesend. Die Abgeordneten Lasker und Richter wurden bei ihrem Erscheinen lebhaft begrüßt.

Lasker äußerte sich wie folgt: Als Wähler vor Wählern will ich sprechen. Wir sind da wir nach der ergangenen Einladung Anhänger der Candidatur Virchow, im Hauptpunkte einig. Es kommt nicht nur darauf an, daß wir am Tage der Wahl die Stimmzettel abgeben werden, sondern wir wollen uns klar machen, was die Candidaturen Stöcker und Virchow bedeuten. Viele Dinge werden uns jetzt angeboten, welche nur populär erscheinen und es doch nicht sind. Nicht über die Personen will ich sprechen, es würde mir nicht anstehen, Lobredner Virchow’s zu werden, den ich hoch verehre, und auch nicht will ich Herrn Stöcker einer Kritik unterziehen, da der Kampf nicht mit den gleichen Waffen geführt werden kann. Ich zähle zu den verderblichsten Dingen der heuigen Zeit, daß mit einer Ungerechtigkeit verfahren wird, die der Einzelne im Privatleben scheuen wird, die er aber im öffentlichen Leben sich erlauben zu dürfen glaubt. Ich will die Candidaten Virchow und Stöcker einer principiellen Erörterung unterziehen. Alle diejenigen, welche mit der heutigen Entwicklung der Cultur zufrieden sind, stehen auf Seite Virchow’s, diejenigen aber, welche mit den heutigen Verhältnissen unzufrieden sind, stehen auf Seite Stöcker’s. Es ist für uns ganz klar, auf welcher Seite wir unsere Stimmen abgeben wollen, Mancher mag heute unzufrieden sein, einig sind wir Alle, daß wir den Gang der Geschichte billigen, während unsere Gegner ihn tadeln. (Bravo!) Heute, nachdem das große deutsche Reich aufgerichtet, soll dies mit Mühe aufgerichtete deute Reich nun in den Dienst der Reaction gestellt werden. (Hört!) Eine Reaction, welche bis in das vorige Jahrhundert zurückreichen muß, um einige Anknüpfungspunkte zu erzielen, beabsichtigen unsere Gegner. Wir haben vor dreißig Jahren eine Reaction erlebt, in der Leute, die eine schwarz-weiße Cocarde an der Mütze trugen, schon dadurch documentiren zu können glaubten, daß sie die einzigen und wahren Stützen des Staates wären. (Pfui!) Ich erinnere Sie an den Namen Hinckeldey. Die heutige Reaction ist viel gefährlicher. Wir dürfen nur die Namen Manteuffel und Bismarck neben einander stellen, um zu erkennen, welche ungeheure Macht die heutige Reaction gegen die frühere voraus hat. Die jetzige Reaction hat uns erst aus der Ruhe gebracht und in die Unruhe geführt. Wann gab es so viel Haß wie jetzt? (Bravo!) Wie ging die Reaction in den Fünfziger-Jahren vor? Sie wollte die Verfassung nicht anerkennen und zum Absolutismus zurückkehren. Die heutige Reaction greift das an, was seit vielen Jahren in Preußen geschehen ist. Das ist der Unverstand der Reaction, daß sie den Bürger um die Sicherheit bringt, die er gewonnen hat. Nichts, was sicher ist, wird heute geschont, Alles wird in Frage gestellt; wieder hat sich eine Partei unter dieser Gesellschaft aufgethan mit dem Programme, das alte Ständewesen wieder herzustellen. (Heiterkeit.) Jetzt werden schon Gesetze in den Bann gethan, weil sie unter liberalen Regierung entstanden sind. (Heiterkeit.) Es gibt einen Professor, der den Gedanken gefunden hat, zum deutschen Rechte zurückzukehren und das römische Recht aus Deutschland zu verbannen. (Ruf: Wagner!) Es ist die Reaction einer geschichtlichen Consequenz. Die Aufrichtung des deutschen Reiches, sie ist getragen von der national-liberalen Idee. Fürst Bismarck hat als einsichtiger Politiker sich stets auf die Seite derjenigen gestellt, mit deren Hilfe er seine Pläne ausführen wollte. (Sehr richtig!) Er versucht es, die Liberalen in sich zu spalten, um für seine Pläne von Fall zu Fall Zustimmung zu erreichen. Sein Plan ist in der letzten Zeit darauf gerichtet gewesen, auis den gemäßigten Liberalen und den gemäßigten Conservativen einen parlamentarischen Anhang zu bilden. Der größte Kampf wurde von unserer Seite für die Coalitions-Freiheit der Arbeiter und der Arbeitgeber geführt. Jetzt ist der social-demokratische Gedanke nicht nur hoffähig, sondern auch legislaturfähig geworden; jetzt haben wir sogar gehört, daß die Arbeit durch den Staat organisirt werden muß.

Für den berechtigten Gedanken in den Plänen zur Hebung des Arbeiterstandes werden wir stets eintreten, niemals aber werden wir das gutheißen, was absolut unerreichbar ist. Wiederholt ist es vorgekommen, daß Männer, die so unendlich hoch gestiegen sind, ihren letzten Ehrgeiz darein gesetzt haben, die Noth zu überwinden. Alle Cäsaren sind bis jetzt in diesem Unternehmen geschietert, geblieben ist einfach die Unterdrückung der Freiheit. (Bravo!) Wir wollen unsererseits nur das erstreben, was wirklich durchführbar ist, und nicht das, was als eine Fata morgana uns erscheint. (Sehr richtig!) Nach und nach wird das Volk erkennen, wer seine wahren Freunde sind. (Beifall.) Nicht einen Augenblick bin ich darüber im Zweifel, daß Fürst Bismarck Wohlthaten für das deutsche Volk will; aber darin gibt er ein böses Beispiel, daß ihm die Mittel gleichgiltig sind, welche zu diesem Ziele führen. (Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Fürst Bismarck ist der letzte Repräsentant der altmodischen Diplomatie. Mit diesen Mitteln hat er das Größte nach Außen erreicht; im innern Staatsleben sind die Mittel aber von ganz anderer Bedeutung, weil dadurch die größte Corruption herbeigeführt wird. Alle Mittel der Diplomatie sehen Sie jetzt in der innern Bewegung in Anwendung. Generalpacht der nationalen Gesinnung hat sich jetzt eingeschlichen; dann wurde erfunden, es gäbe in Deutschland Republikaner; die Herren von der Fortschrittspartei werden plötzlich zu Republikanern gestempelt. In der Diplomatie heißt es: „Theile und herrsche“, und größere Zersplitterung wie jetzt ist wohl selten in Deutschland dagewesen. Die Diplomatie nimme es nicht so genau mit Allianzen, kein Diplomat genirt sich zu sagen: Ich habe euch dupirt. Die Anwendung der diplomatischen Gebräuche ist unheilvoll für die innere Regierung. In der Diplomatie ist Fürst Bismarck uns Allen so weit überlegen, daß mit Gegen-Diplomatie ihm zu begegnen falsch wäre. Uns bleibt als sicherstes Mittel die Ueberzeugungstreue, der Appell an den schlichten Sinn des Volkes. (Bravo!) Das Volk muß hinter seinen Abgeordneten stehen. Die sittlichen Impulse können nicht durch einen Vormund geleitet werden, sie müssen aus dem Innersten des Volkes quellen. (Bravo!) Nicht überall erkennt man gleich schnell die Gefahr der Reaction, noch nicht alle Liberalen sind geeinigt. Die intelligente Wählerschaft in Berlin hat die Gefahr begriffen und sich auf ihre Candidaten geeinigt. Unsere Culturentwicklung heißt es zu schützen, und wenn wir die Zuversicht haben, dann wird uns auch der Sieg nicht fehlen! (Stürmischer, minutenlanger Beifall, der sich immer wiederholt.)

Nach einer Pause von einigen Minuten trat Abg. Richter auf, der mit lebhaftem Beifall begrüßt wurde und Folgendes sprach: Als das eigentlichen Ziel des Wahlkampfes stellt sich heraus die Einführung des Tabakmonopols oder nicht. Je mehr Zweifel und Bedenken das jetzige conservative Programm hervorruft, um so mehr wird auf die in der Vergangenheit liegenden Verdienste des Fürsten Bismarck hingewiesen. Wir müssen darauf sehen, daß der eigentliche Kern der Bewegung nicht verdunkelt wird. Unsere Gegner in dieser Sachen geben nicht einmal ihre Gründe bekannt, sondern verweisen auf die Vorlage, die noch kommen soll. Und was soll uns auch diese Vorlage? Ein Preiscourant und die nöthigen Proben dazu für die Cigarren werden gewiß nicht mitgegeben. Der Monopolgewinn fällt vorzugsweise auf diejenigen Tabake, welche von den Aermeren gebraucht werden. Der Redner kritisirt darauf das neueste Flugblatt für den Professor Wagner, in dem Fürst Bismarck als der größte Fortschrittsmann hingestellt wird und in dem zuletzt versprochen wird, daß alle Noth und Elend ein Ende haben werden, wenn die Wähler für Wagner votirten. Nun — so fährt Redner fort — alle Noth beseitigt durch einen Stimmzettel, da können wir freilich nicht mit concurriren. (Heiterkeit.) Jetzt steht das Patrimonium der Enterbten im Vordergrunde. Wie viel Enterbte sind denn eigentlich? Jemanden, der nicht mehr als 900 Mark Einkommen hat, kann man nicht als „Beerbten“ ansehen. Redner kommt mit seiner Ausführung schließlich darauf hinaus, daß 70 Pfennige in der Woche das Patrimonium der Enterbten wäre. Die Mittel für die Massen sind stets den Massen abgenommen worden, der Unterschied ist nur der, daß niemals so viel Mittel an die Massen zurückkomen, als ihnen genommen werden. (Stürmische Heiterkeit. Beifall.) Die Wandlungen in den Projecten des Fürsten Bismarck vollziehen sich mit immer schnellerem Tempo, das Bleibenden in den Projecten ist aber die Verstaatlichung. Das Stichwort ist jetzt mehr denn je die Verstaatlichung. Die Verstaatlichung des Getreidehandels ist einmal in der Geschichte mit Erfolg durchgeführt worden, und das war zur Zeit König Pharao’s in Egypten. (Stürmische Heiterkeit.) Man muß freilich bedenken, daß König Pharao im Traume die Conjunctur voraussah und in Joseph einen Mann fand, der diese Conjunctur zu benützen verstand. Wenn Fürst Bismarck auch so richtige Träume hätte und die Geheimräthe diese ebensogut zu deuten und zu benützen verständen, dann würde sich wol die Verstaatlichung des Getreidehandels empfehlen. (Stürmischer Beifall.) Wenn wir die Production verstaatlichen wollen, dann kommen wir auch ganz von selbst dazu, die Consumtion zu verstaatlichen. Die Verstaatlichung der Küche ist die letzte Consequenz. (Heiterkeit.) Und somit wären wir bei den Anschauungen des Herrn Most richtig angekommen. Die conservativen Abgeordneten von Berlin betonen in jeder Weise, daß die Pläne des Kanzlers mit denen der Social-Demokratie übereinstimmen, und deßhalb habe ich Ihnen diese Consequenzen vorgeführt. Wenn man jetzt den Socialisten vorredet, ihre Führer wollten dasselbe wie Fürst Bismarck, so liegt die Logik nahe, daß die Social-Demokraten bei ihren alten Führern bleiben. (Bravo!) Die socialistische Bewegung hat ungeheuer wieder zugenommen, und zwar in Folge der Reden der Conservativen und der Pläne des Reichskanzlers. Das Socialistengesetz wird vollständig hiedurch paralysirt. Fürst Bismarck zerstört auf der einen Seite, was er auf der anderen Seite aufgebaut. Die Socialisten zu sich herüberzuziehen, wird dem Fürsten nicht gelingen. Die Socialisten und das Centrum werden jetzt von Seite der Regierung recht günstig beurtheilt. Den Kirchengesetzen stehe ich objectiver gegenüber, als Mancher in meiner Partei, aber entweder ein festes Recht oder nicht. Den Bischöfen wird der Eid erlassen, den sie nach dem Gesetze leisten sollten. Nach meiner Meinung schadet man dadurch der Achtung, welche dem Gesetze gebührt. Entweder soll man das Gesetz in seiner vollen Geltung durchführen oder dasselbe ganz abändern. Die ganzen Erfolge, welche bis jetzt Fürst Bismarck errungen, bestehen darin, daß er Finn und Körner von den Social-Demokraten und Cremer von den Clericalen zu sicher herübergezogen hat. Von unabhängiger conservativer Bewegung ist wenig zu merken, selbstständige Conservative ziehen sich als Candidaten zurück, abhängige Männer werden als Candidaten aufgestellt von den wirklichen geheimen Ober-Regierungsräthen bis zum diätarischen Hilfsarbeiter Julius Schultze herunter. (Stürmischer Beifall.) Werden so die Pläne des Reichskanzlers durchgeführt, dann bekommen wir eine Caricatur des Reichstages. (Beifall.) Die Wahlbeeinflussungen in Preußen nehmen jetzt überhand. Ein Brief des Prinzgemals Albert an unseren Prinzregenten, unseren jetzigen Kaiser, bezeichnet die Wahlbeeinflussungen unter Manteuffel als eine Schmach. (Hört!) Die Fortschrittspartei tritt in diesem Wahlkampf mit so gutem Vertrauen, mit so fester Zuversicht wie kaum zuvor ein. Wir sind die best Angegriffenen, aber diese Angriffe haben uns nicht geschadet. Wir hoffen trotz alledem und alledem ansehnlich vermehrt aus diesem Wahlkampfe hervorzugehen. (Stürmischer Beifall.) Mit den Secessionisten gehen wir gemeinsam in den Kampf, alle Differenzen mit diesen sind bis auf einige noch auszugleichende in einem oder zwei Wahlkreise geschwunden. Einhundertundfünfzig Candidaten der Fortschrittspartei und der Secessionisten sind jetzt aufgestellt; was uns im Einzelnen getrennt, noch trennt und vielleicht weiter trennen wird, das muß gegenüber der Lage des Wahlkampfes vollständig zurücktreten; diese Auffassung wird auf beiden Seiten gehegt. Ich muß es bedauern, daß Herr v. Bennigsen noch nicht die volle Gefahr der Situation erkannt hat; heute stellt es Herr v. Bennigsen noch so hin, als wenn Fortschritt und Reaction gleiche Gefahren in sich bergen, und als ob es daraus ankomme, die Mitte zwischen beiden zu halten. Alle National-Liberalen theilen aber diese Auffassung nicht, namentlich im Osten des Reiches. Für Berlin haben sich Männer wie Moltke für zu gut gehalten, eine Candidatur zu übernehmen, die Handlanger der Regierung sind herbeigeholt. (Beifall.) Wird die Bedeutung des Berliner Wahlkampfes allgemein erkannt, dann werden wir nicht blos siegen, sondern dann wird der 27. October ein Ehrentag nicht nur für Berlin, sondern für das ganze selbstständige Bürgerthum in Deutschland werden. (Stürmischer Beifall.)

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